| Süddeutsche Zeitung | FEUILLETON | Montag, 24. Juni 2002 |
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Hotel Paranoia: Eine lange Theaternacht für kurze Texte in Kassel
Der geschwungene Schriftzug über dem Eingang stammt wohl noch
aus den fünfziger Jahren. Die Zimmer mit Fenster zum Kasseler Bahnhof wirken,
als hätten sich hier im Hotel Reiss schon vor fünfzig Jahren Gäste aus dem Bett
gequält, um den nächsten Zug nicht zu verpassen. Nähert man sich dem Hotel jetzt
an diesem Abend, da das Hotel zwischenzeitlich zum Theater wird, blinken die
Fenster einladend.
[...]
Auffällig ist, dass das Kasseler Hotel-Strandgut paranoid
wirkt, sich verfolgt, umstellt oder bedrängt fühlt. Hugo etwa, Ulrike Syhas
Handlungsreisender in Teppichwaren, wird vom Personal und von weiblichen Gästen
permanent als Popstar erkannt, was den armen Mann derart überfordert, dass er
nur mit seiner Frau daheim telephonieren will. Er ist kurz davor, aus dem
Hotelfenster zu springen. Dann allerdings ist das Paranoia-Dramolet auch schon
wieder vorbei und lässt die Zuschauer mit der Frage zurück:
Wem gebührte in
dieser Nacht die Regie-Krone?
Jochen Strauch, der für Ulrike Syhas "Ich bin
keine Band" eine exzellente Sabine Waibel als hysterierte Fan-Frau einsetzt
und im kleinen Raum inszeniert!
[...]
Oder geht die Krone an den Oberspielleiter des Abends, der es erlaubt, dass man
einer Zimmer-Inszenierung beiwohnt, während in den Nachbarzimmern getobt und
geheult wird und irgendwo auf dem Gang der Zimmerservice laut klopft. Es ist wie
im richtigen Hotelleben, in dem irgendwann auch ein Politiker auf Wahlkampftour
absteigt, akkurat seine Schuhe am Bett ausrichtet und die Zuschauer mit den
Worten begrüßt, er sei jetzt zwar viel in Hotels unterwegs, betrüge seine Frau
aber nie, weil er sich das bei seinem Wahlkreis nicht leisten könne. John von
Düffels "Hallo, Sie" bedient allerdings nur genau jenes Bild des
Profi-Politikers, das jeder sowieso zu kennen meint... während Lukas Bärfuss mit
"Chambre de Passage" dann doch lieber in heimatlichen Gefilden bleibt. Sein
Monolog eines alten Schriftstellers erinnert an Thomas Bernhards Kunstdiktatoren
mit ihren Zernichtungstiraden. Andreas Haase spricht den Monolog und macht
großes Theater daraus, wenn er wehmühtig aus dem Fenster seines Einzelzimmer
hinüber zum Bahnhof blickt, als wolle auch der alte Schriftsteller noch einmal
in die Welt aufbrechen. Da war es dann allerdings schon gegen zwei Uhr nachts
und man durfte annehmen, auch im Thomas Bernhard-Zimmer mit der Nummer 125 würde
bald das Licht ausgehen. Wer zu diesem Zeitpunkt noch was zum Ausklang suchte,
konnte sich in Rebekka Kricheldorfs Zimmer 119 mit den wispernden Stimmen setzen
und sich fragen, ob auch aus dieser Stimmen- und Klanginstallation im
Einzelzimmer dereinst ein Stück für größere Theaterräume werden kann.