
mein vater che guevara
Auszüge aus den Kritiken, Februar 2002
Eine Szene wie in einer kubanischen Bar. Hinten
aufgetürmte Stühle, vorn ein paar Tische mit Flaschen drauf, gedimmtes Licht und
Zigarrenqualm in der Luft. Doch ist es hier wenig gesellig: an jedem Tisch sitzt
nur eine Person.
"Zum Glück bin ich früh gestorben" sagt der in der Mitte sitzende Che Guevara
(Marc Letzig), zieht genüsslich an seiner Zigarre und fixiert das Publikum, das
ihm gegenüber auf kubanischen Kaffeesäcken hockt. [...]
Gleich zu Anfang verliest Hildita in Suzanne von Lohuizens Stück Mein Vater Che
Guevara im Neuen Cinema den letzten Brief von Ernesto Guevara, wie der Mann in
Wirklichkeit hieß, an seine Familie: "Vor allem bewahrt euch die Fähigkeit, jede
Ungerechtigkeit, wo und gegen wen auch immer auf der Welt, aufs Tiefste zu
empfinden. Das ist die schönste Eigenschaft eines Revolutionärs."

Die schlechte ist leider die, dass er jederzeit mit dem Tod rechnen muss, und so
erscheint sogleich Max Urlacher alias Mario Teran, der junge bolivianische
Soldat, der Guevara erschießen soll und, da er noch nie tötete, Gewissensbisse
hat.
Und so sieht das Publikum, wie das von Suzanne von Lohuizen geschriebene
Stück unter der Regie von Jochen Strauch (der bereits von Lohuizens Der Junge
im Bus spannend inszeniert hat) auf ungewöhnliche Weise mit Leben gefüllt wird.
Der kleine Raum des Neuen Cinema wird komplett bespielt; oben am Geländer künden
große verwitterte Schilder von der Revolution; die DarstellerInnen sind voller
Elan, scheuen keinen Haut- oder Augenkontakt. Wortgefechte zwischen Che und
Fidel geraten zu Akrobatik, die nur angedeuteten Kämpfe für die Revolution
werden eher sparsam erlebbar gemacht.

Das Stück sucht nicht den Mythos Ernesto "Che" Guevaras zu entzaubern, es
will eine andere Seite erlebbar machen: die des Mannes hinter dem Revolutionär,
den zärtlichen Familienvater, den sich betrogen fühlenden Menschen, der von
Fidel Castro verstoßen und schließlich seinem Schicksal überlassen wird.
TAZ Hamburg 20.02.2002
Es ist ein schwieriges Unterfangen, das, was war und das, was geblieben ist,
aufzuspüren und in Szene zu setzen.
Unter der Regie von Jochen Strauch gelingt ein Stück lebendiger
Auseinandersetzung mit der Ikone Che. Die Zuschauer erleben pralle achtzig
Minuten voller Rollen, Stimmungs- und Szenenwechsel, ohne dass die
Lebensgeschichte Ernesto „Che“ Guevaras ins Larmoyante oder in hohlen
revolutionären Pathos abgleitet. Die Zuschauer erleben eine lebendige
Geschichtsstunde und ein ständiges Wechselbad aus Nähe und Distanz.
[...]
So bereitet Theater Vergnügen und macht (nicht nur) Eindruck auf Jugendliche.
HLZ, HH 04/2002

Fotos: Arno Declair