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Die Welt, die uns umgibt

Denken wir über Audience Development nach, so gibt es mehrere  Wege, das Publikum der Zukunft zu entwickeln, die schlüssig erscheinen – erst recht in einer Metropole wie Hamburg.

Ist Hamburg wirklich das Tor zur Welt? Stimmt das süffisante Bonmot also nicht, das zynisch konstatiert „aber eben nur das Tor“ (oder schlimmer „aber meistens geschlossen“), dann erwarten wir von dieser speziellen Hafenstadt mit imposanter großbürgerlicher Kaufmannsgeschichte und jahrhundertealter hanseatischer Networking-Gewohnheit zu Recht eine kosmopolitische Demografie. Der gewandelten Demografie den Zuschauerraum zu öffnen ist erklärtes Ziel eines Programms wie Thalia International. Gemäß der Realität, dass wir alle die Stadt sind und die Citoyens gemeinsam mit ihren Steuern auch die öffentlich-rechtliche Abendunterhaltung finanzieren, um Versammlungsorte fernab jeder primär ökonomischen Notwendigkeit nutzen zu können, muss ein städtisches Theater auch ins Bewusstsein und Herz neuerer Hamburger. (Und existiert die Sichtweise einer exkludierenden hanseatischen Schicht auch heute noch, nach der nur gebürtiger also echter Hamburger zu nennen ist, wer sieben Generationen den Ort nie verlassen hat, dann bleiben wohl mehr als 90% aller heute in Hamburg lebenden Menschen rheinische, schwäbische, portugiesische, türkische, schleswig-holsteinische und sonstige Migranten.) Aber überall gilt es „Nicht-Besucher“ zu finden und zu begeistern, so dass aus „Gelegenheitsbesucher“ vielleicht einmal „Stammzuschauer“ werden. Die Vermittlungsarbeit mit ganz jungem Publikum, mit Studenten und Universitäten gehören seit den Achtzigern des letzten Jahrhunderts zum Standardrepertoire der dramaturgischen, pädagogischen und vermarktenden Bemühungen sämtlicher Kunstinstitute.

Audience Development - Die Welt, die uns umgibtNun hat Hamburg aber noch eine gänzlich andere Realität: Leben im direkten Stadtgebiet ca. 1,8 Mio Menschen unterschiedlicher Geburtsorte als Hamburger miteinander, so beheimatet das Umland der Metropolregion zusätzliche 3,2 Mio potenzieller Zuschauer und Theaterliebhaber. Diese zu erreichen und neugierig zu machen auf das Angebot des international agierenden Stadttheaters Thalia in Hamburg, das haben wir uns vorgenommen mit der Programmreihe Thalia Kulturlandschaften. In Partnerschaft mit der Geschäftsstelle Metropolregion Hamburg haben wir uns einen Weg ausgedacht, in dem die Metropole nicht in Konkurrenz der Metropolregion Menschen, Geld und Infrastruktur entzieht, sondern eine Plattform entwickelt, auf der sich dynamische Kulturschaffende der gesamten Region treffen, von der Ostküste bis zu den äußersten Zipfeln in Osten und Westen bis an den unteren Rand von Niedersachsen. So dass man auch touristisch gemeinsam argumentieren kann: Der Norden ist eine Reise wert, ist lebenswert. Im ersten Jahr waren die Regionalmanager der Bundesgartenschau Ratgeber für die aufregenden Orte, die sich als Veranstalter angeboten haben. Mehr als 800 km „Roadtrip“ mussten bewältigt werden in zwei Tagen, 28 Spielstätten besichtigt und bewertet werden, um das Programm im Pilotjahr auf die Beine zu stellen. In kleinen szenischen Programmen, die extra für und mit den Orten erarbeitet wurden, entstand eine erste Annäherung der Thalia Stars mit den Nachbarn, oftmals ohne Scheinwerfer und Bühnen, im direkten Kontakt. Auch für uns, die ansonsten so ausgiebig umziehenden Theaterschaffenden eine besondere Situation: Neben Gastspielen in Moskau, Bogotá Oslo, St. Petersburg, Amsterdam, Edinburgh, Edinburgh oder Peking geht die Reise nun auch nach Pronstorf und Stade. Nachbarschaft und Weite Welt. Wir erleben unsere Verankerung und können deshalb umso unbeschwerter reisen!


Ein Glück für alle Beteiligten. Die neue Saison der „Kulturlandschaften“ startet nach mehr als 700 km Reisen durch die Metropolregion dieses Mal an Orten der Industriekultur ab dem 23. April 2014, thalia-theater.de/kulturlandschaften dokumentiert die Veranstaltungen.

Das Projekt wurde ausgezeichnet als Preisträger 2014 im „Land der Ideen“.

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