Theater machen

Utopien / Dystopien – zwanzigsiebzehnachtzehn

„Mit dem Auftauchen der ersten Maschine war allen denkenden Menschen klar, dass dadurch die Notwendigkeit menschlicher Mühsal und die aus ihr resultierende Ungleichheit aufgehoben war. Aber es war ebenfalls klar, dass ein allgemein wachsender Wohlstand die Fortdauer einer hierarchischen Gesellschaft bedrohte, ja, in gewissem Sinn ihren Untergang bedeutete. In einer Welt, wo jedermann Kurzarbeit leistete, genug zu essen, ein Haus mit Bad und Kühltruhe hatte und ein Auto oder sogar ein Flugzeug saß, in einer solchen Welt wäre die offenkundigste Form der Ungleichheit bereits verschwunden. Wurde Wohlstand erst Allgemeingut, würde er keinen Rang mehr verleihen“, erfindet George Orwell 1948 im verbotenen Buch der Bruderschaft in seinem „1984“ – und beim tieferen Eintauchen in die Welt von Gedankenverbrechen und Doppeldenk erstaunt mich das Oszillieren dieser scheinbar nahen und dabei historisch fremden Dystopie um einen einen Überwachungsstaat. Im Zentrum: Der Redakteur eines FakeHistory-Instituts.

Doppeldenk

„Bewußt Lügen zu erzählen, die man ehrlich glaubt; jede unbequeme Tatsache zu vergessen, um sich bei Bedarf wieder daran zu erinnern; die Existenz einer objektiven Realität zu leugnen und die ganze Zeit über die von einem geleugnete Realität einzukalkulieren – all das ist unabdingbar. Schon der Gebrauch des Wortes Doppeldenk erfordert Doppeldenk“ – diese Idee Orwells scheint uns in Zeiten der alternative facts geradezu auf satirische Weise bedrückend aktuell.

Die Neuübersetzung von Michael Walter findet sogar für das berühmteste Zitat eine überraschend-tröstliche Form, „Der große Bruder sieht Dich“, die den Blick Richtung populistischer Tendenzen als Ausdruck der Sehnsucht nach patriarchaler Führung in einer überkomplexen Welt öffnet. Und so ist Orwells Stoff vielschichtig und schillernd mit seinen scheinbar direkt ins Heute übertragbaren Assoziationsflächen.

Sind Utopien wirkungsvoller als Dystopien?

Oder ist der moralische Effekt einer düsteren Version aufschreckender als die hoffnungsvolle Motivation einer Vision besserer Zustände? Meine Saison 2017/18 ist voller großartiger Stoffe und Themen. Kurz vor dem Ende der aktuellen Saison allerorten schaue ich voller (Vor)Freude nach vorne auf meine kommende Spielzeit, die sich aus vielen aufregenden Begegnungen und bereichernden Gesprächen zusammengesetzt hat. „Neunzehnvierundachtzig„, Orwells Dystopie von 1948, hat Premiere im Theater Kiel am 3.3.18, in diesem Moment beginnen wir mit der Konzeption.

Demgegenüber steht die krasseste Utopie der deutschen Dramengeschichte, Nathan der Weise. Lessings unspielbares Drama voller unwahrscheinlichster Handlungen, die einer Soap-Opera den Rang ablaufen würden (verbotene Liebe unter Geschwistern, ein nach Indien fliehender Unterhändler, erpresserische Geldgeschäfte und intrigante Ränkespiele im Kloster, das alles im kürzesten Zeitraum einer Feuerpause im schon damals heftig umkämpften Jerusalem unter islamischer Herrschaft) ist auch 2017 wieder das Stück der Stunde.

GE Lessing

„Was ist das für ein Gott, der für sich muss kämpfen lassen?“ III.1, Recha

Während die Welt mit postfaktisch-ausgerichteter Gesinnung in die Hände autokratischer Potentaten (Russland, Türkei, Amerika) gerät, bedroht uns aus dem Nahen Osten exakt jener Konflikt, der nach der kritischen Aufarbeitung der Kreuzzüge eigentlich ad acta gelegt worden war, mit einem schauerlichen, global erschütternden und unsere aufgeklärten Werte attackierenden Comeback. Diesmal mit ISIS als den Kreuzrittern… Lessings letztes Drama ist sozusagen sein Vermächtnistext für eine Auseinandersetzung mit der Aufklärung – und eine aufgeklärte, tolerante Haltung als Konsens einer freien, modernen Gesellschaft scheint heute wieder in Gefahr. Soweit so sinnvoll.

„Wir müssen, müssen Freunde sein!“

Doch wie nähern wir uns dem Stoff an? Die gegenseitigen Zuschreibungen der Religionen (Jude, Muselmann, Christ, Derwisch etc.) sind die Grundlagen für die Vorurteile und Vorverurteilungen mit denen sich die Dramatis Personae und wir mit ihnen der Welt begegnen – und die auch und eben heute noch oder erneut die großen Konflikte und Kriege treiben. Theatral stellt uns allerdings schon allein eine möglicherweise antisemitisch zu bewertende Darstellung „des Jüdischen“ vor unlösbare Herausforderungen, von den Fallstricken der Darstellung des gefährlich-nachdenklichen Sultans ganz zu schweigen. Und natürlich werden wir weder Krippenspiel und humanistisches Weihnachtsmärchen für Erwachsene noch Aladdin im Wunderland erarbeiten.
Premiere war am 21.10.2017 in Wilhelmshaven. Alle Termine auf der Website der Landesbühne.

Direkt im Anschluss öffnet sich meine Saison Richtung Amerika, George Brants „Grounded“ ist ein brutaler Monolog für eine Frau voller sprachlicher Poesie in der Beschreibung eines großen individuellen Freiheitserleben im Kampf gegen den Terror. Die Kampfjetfliegerin liebt das ewige, weite Blau, das sie durchstreift beim Abwerfen der Bomben in der Einsamkeit des Himmels. Ihre Schwangerschaft holt sie zurück auf den Boden, am Boden, grounded, starrt sie auf einen Bildschirm in einem Bürobunker bei Las Vegas – sie stürzt ab in sich selbst. Premiere war am 24.11.2017 in Coburg. Alle Termine auf der Website des Landestheaters Coburg.

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel

Nach der Premiere von „neunzehnvierundachtzig“ beginnen schon recht bald die Vorproben für „Hamlet“, den dänisch-britischen Zweifler, der der dystopischen Sicht auf seine Welt ein radikales Spiel entgegegnsetzt. Wahnsinn als Befreiungsschlag. Der Außenblick als Pole-Position. So auch in der deutschsprachigen Erstaufführung „Dschabber“ – Premieren am 12.10.2018 und 7.11.2018  #zwanzigachtzehnneunzehn.

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