Theater machen

Wer hat Angst vor Virginia Woolf

Wer hat Angst vor Virginia Woolf

von Edward Albee
Premiere: 03.09.2006
Saisoneröffnung 2006/2007
Theater Lübeck
Bühne und Kostüme: Nikolaus Porz
Musik und Sounds: Arno Kraehahn
Dramaturgie: Matthias Heid

Das Theater Lübeck ist erfolgreich in die letzte Spielzeit des scheidenden Intendanten Marc Adam gestartet. Mit der Inszenierung von Edward Albees „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ wurde die Messlatte hoch gelegt.

Dunkles Holz prägt die Einrichtung, in der beleuchteten Hausbar stehen die Flaschen in Reih und Glied, eine Treppe führt hinauf zu Galerie und Schlafraum, in der Mitte dominiert eine Sitzlandschaft in U-Form. Das Bühnenbild von Nikolaus Porz zitiert Schöner-Wohnen-Ideale der sechziger, siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. […] Das ist aber nur die eine Seite der Sache. Die andere – höchst positive – besteht aus der handwerklichen Feinarbeit und erzählerischen Schlüssigkeit, die Strauchs Inszenierung auszeichnen.

Präzise herausziseliert in drei langen, aber nie langweiligen Stunden die Ehe-Abgründe zwischen Martha und George, die – einige Etagen tiefer und um vieles banaler – gespiegelt sind in der Beziehung zwischen Nick und seiner Frau, die er nur „Süße“ nennt. Strauch setzt nicht strikt auf Tragödie, bringt vielmehr auch andere Formen ins Spiel, die im Stück durchaus angelegt sind: Boulevard und Komödie. 

Martin Schwartengräber […] überzieht die Figur des College-Professors George mit dem Hauch des Clownesken, ist immer dann am eindringlichsten, wenn er das Brüllen und Schreien einfach sein lässt und stattdessen auf eine Stille setzt, die oft ins Verstummen gleitet. Die Resignation eines innerlich ausgebrannten Menschenwracks und die Gefährlichkeit eines trotz allem noch kampfbereiten Mannes […]

Spannungsreich aber auch die Darstellung der Martha durch Astrid Färber, die das Gefühlsspektrum zwischen Aggressivität und Katzenjammer virtuos ausreizt. Expressiv herausgeschleudert wird eine Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs, halb Opfer, halb Biest. Wölfisch heulend, ordinär lachend, boshaft angreifend, sexuell herausfordernd verbirgt sie ihre Verzweiflung hinter schriller Gebärde. Grell maskiert auch ihre Liebe zu George, den sie als Schwächling drangsaliert und als Versager denunziert, obwohl sie ihn braucht wie die Luft zu Atmen. Eine elektrisierende Frauenfigur. […]

Lübecker Nachrichten, 05.09.2006

Mit diesem Stück startet das Lübecker Schauspiel fulminant in die neue Saison.

Der Rezensent kann sich nicht erinnern, in den vergangenen vier Jahrzehnten hier eine derart intensive und bis ins Letzte durchgefeilte Inszenierung eines modernen Klassikers erlebt zu haben. Das Heim gestylt, getaucht in Neonlicht, unpersönliches Immergrün – Ausstatter Nikolaus Porz bietet überall Kälte auf, die frösteln und Personen nicht zu Persönlichkeiten macht. […] Aber die Gefühle sind da trotz Verdrängung, sie trotzen Lebenslüge und wollen ihre Chance. Wenn man ihnen eine gibt. Edward Albee hat noch einen Funken Hoffnung. Bis er ihn zeigt, vergehen (trotz Textstreichungen) inklusive Pause dreieinviertel Stunde.

Doch sie gehören, wie gesagt, zum Besten was an der Beckergrube seit ganz langem geboten wird und Metropolen-Niveau hat.

Was Jochen Strauch, unauffällig assistiert von Arno Kraehahns akustischem Background, hier vorführt, ist von einer aggressiven Farbigkeit, mit der Lübecks Duo das Filmpaar Elisabeth Taylor/ Richard Burton in den Schatten stellt.

Wir wissen, was für gute Schauspieler Astrid Färber und Martin Schwartengräber sind – wie sie aber hier die Schizophrenie des (Selbst)Zerfleischens vorführen, ist von atemberaubender Intensität. Astrid Färber stöckelt auf dem Drahtseil ordinärer Kapriziösie über die Angstabgründe des Erkennenmüssens –  ein souveränes, grandioses Rollenporträt. Martin Schwartengräber entwickelt sich vom Mitläufer zum bösen Spielmacher voll subversiver Kaltschnäuzigkeit: alles mit einer Skala von treffsicheren Zwischentönen, die staunen macht.
Martha und George wären total verloren, wäre da nicht doch die Liebe, […] die das junge Paar erst noch erkennen muss: Philipp Romanns genaue Ungelenkheit und Rebecca Indermaurs anrührendes Dummchen komplettieren den Abend zu einem bei der Premiere geradezu enthusiastisch applaudierten Erlebnis.

Lübecker Stadtzeitung, 07.09.2006

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