Theater machen

Westworld

Westworld

von Ulrike Dietmann
Uraufführung: 25.11.2005
Theater Lübeck
Bühne und Kostüme: Nikolaus Porz
Musik und Sounds: Arno Kraehahn
Dramaturgie: Matthias Heid

Mittagspause in der Schaltzentrale einer international operierenden Großbank. Direktor Herkenströter plaudert mit seiner besten Fondsmanagerin Clarissa Morgentau. Zwischen zwei Bissen hat sie gerade mit zwei Handy-Anrufen 200.000 Dollar „gemacht“. In die Welt der Großfinanz führt Ulrike Dietmann die Zuschauer in ihrem jüngsten Theaterstück „Westworld“. [Vier Jahre vor dem großen Crash und „Die Kontrakte des Kaufmanns“ von Elfriede Jelinek!] Die Autorin schildert nicht nur die glitzernd-kalte Welt der Banken, die ohne Skrupel unter Umständen über ganze Volkswirtschaften entscheiden können. Sie baut eine Gegenwelt auf, die schließlich im Dritte-Welt-Laden endet.


Aus Bankhaien werden Idealisten, die fairen Kaffee verkaufen wollen. So ganz lässt die Katze das Mausen jedoch nicht. Clarissa, die zwischenzeitlich in der Psychiatrie gelandet war, will mit den alten Methoden ihren neuen Sozialfonds am Markt platzieren. […] Regisseur Jochen Strauch inszeniert die „Satire aus der globalen Finanzwelt“ mit Tempo und über weite Strecken als schrilles Kabarett. Bis in die Körperhaltung werden die verbogenen Charaktere vorgeführt. Als Einlage unterstreicht der Regisseur immer wieder die Zwischenfrage: Wo bleibt der Mensch im heutigen Big Business? Besonders beim jüngeren Publikum kam der Finanzthriller gut an.

DPA, 27.11.2005


Gelungene Uraufführung am Theater Lübeck: 
Jochen Strauch hat Ulrike Dietmanns Kapitalismus-Satire „Westworld“ mit dem Blick fürs Wesentliche inszeniert. Das Verdienst dieses Stücks liegt nicht darin, dass es irgendwelche neuen Erkenntnisse hervorbrächte. In seiner Charakterisierung der Finanzwelt geht es nicht über Klischees hinaus – Geldgier, Zynismus, Kälte. Das Verdienst besteht darin, dass es die längst gewonnenen Erkenntnisse ins Extrem steigert.

Jochen Strauchs Inszenierung setzt mit Erfolg auf die Extreme. Sie zeigt Menschendarsteller, die in einer absurden und deshalb oft komischen Welt orientierungslos hin- und herrasen. In der zu Tode designten Welt (Ausstattung: Nikolaus Porz) gibt es keinen Schmutz und keinen Verfall. Die Menschen altern nicht und reifen nicht, sie zerbrechen und landen in der Psychiatrie – oder sterben […]

Lübecker Nachrichten,  27.11.2005

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