
wer hat angst vor virginia woolf
Auszüge aus den Kritiken, September 2006

Das Theater Lübeck ist
erfolgreich in die letzte Spielzeit des scheidenden Intendanten Marc Adam
gestartet.
Mit der Inszenierung von Edward Albees „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ wurde
die Messlatte hoch gelegt.
Dunkles Holz prägt die Einrichtung, in der beleuchteten Hausbar stehen die
Flaschen in Reih und Glied, eine Treppe führt hinauf zu Galerie und Schlafraum,
in der Mitte dominiert eine Sitzlandschaft in U-Form. Das Bühnenbild von
Nikolaus Porz zitiert Schöner-Wohnen-Ideale der sechziger, siebziger Jahren des
vergangenen Jahrhunderts. Was damals modern war, wirkt heute konventionell. […]
Das ist aber nur die eine Seite der Sache.

Die andere – höchst positive – besteht aus der handwerklichen Feinarbeit
und erzählerischen Schlüssigkeit, die Strauchs Inszenierung auszeichnen.
Präzise
herausziseliert in drei langen, aber nie langweiligen Stunden
die Ehe-Abgründe
zwischen Martha und George, die – einige Etagen tiefer
und um vieles banaler –
gespiegelt sind in der Beziehung zwischen Nick und seiner Frau,
die er nur
„Süße“ nennt.
Strauch setzt nicht strikt auf Tragödie, bringt vielmehr auch
andere Formen ins Spiel,
die im Stück durchaus angelegt sind: Boulevard und
Komödie.

Martin Schwartengräber […] überzieht die Figur des College-Professors George mit
dem Hauch des Clownesken, ist immer dann am eindringlichsten, wenn er das
Brüllen und Schreien einfach sein lässt und stattdessen auf eine Stille setzt,
die oft ins Verstummen gleitet. Die Resignation eines innerlich ausgebrannten
Menschenwracks und die Gefährlichkeit eines trotz allem noch kampfbereiten
Mannes […] Spannungsreich aber auch die Darstellung der Martha durch Astrid
Färber, die das Gefühlsspektrum zwischen Aggressivität und Katzenjammer virtuos
ausreizt. Expressiv herausgeschleudert wird eine Frau am Rande des
Nervenzusammenbruchs, halb Opfer, halb Biest. Wölfisch heulend, ordinär lachend,
boshaft angreifend, sexuell herausfordernd verbirgt sie ihre Verzweiflung hinter
schriller Gebärde. Grell maskiert auch ihre Liebe zu George, den sie als
Schwächling drangsaliert und als Versager denunziert, obwohl sie ihn braucht wie
die Luft zu Atmen. Eine elektrisierende Frauenfigur. [...]
Lübecker Nachrichten, 05.09.2006

Mit
diesem Stück startet das Lübecker Schauspiel fulminant in die neue Saison.
Der
Rezensent kann sich nicht erinnern, in den Vergangenen vier Jahrzehnten
hier
eine derart intensive und bis ins Letzte durchgefeilte Inszenierung
eines
modernen Klassikers erlebt zu haben.
[…]

Das Heim gestylt, getaucht
in Neonlicht, unpersönliches Immergrün – Ausstatter Nikolaus Porz bietet überall
Kälte auf, die frösteln und Personen nicht zu Persönlichkeiten macht. […] Aber
die Gefühle sind da trotz Verdrängung, sie trotzen Lebenslüge und wollen ihre
Chance. Wenn man ihnen eine gibt. Edward Albee hat noch einen Funken Hoffnung.
Bis er ihn zeigt, vergehen (trotz Textstreichungen) inklusive Pause
dreieinviertel Stunde. Doch sie gehören, wie gesagt, zum Besten was an der
Beckergrube seit ganz langem geboten wird und Metropolen-Niveau hat.
Was Jochen Strauch, unauffällig assistiert von Arno Kraehahns akustischem
Background, hier vorführt, ist von einer aggressiven Farbigkeit, mit der Lübecks
Duo das Filmpaar Elisabeth Taylor/Richard Burton in den Schatten stellt.

Wir wissen, was für gute Schauspieler Astrid Färber und Martin Schwartengräber sind – wie sie aber hier die Schizophrenie des (Selbst)Zerfleischens vorführen, ist von atemberaubender Intensität. Astrid Färber stöckelt auf dem Drahtseil ordinärer Kapriziösie über die Angstabgründe des Erkennenmüssens – ein souveränes, grandioses Rollenporträt. Martin Schwartengräber entwickelt sich vom Mitläufer zum bösen Spielmacher voll subversiver Kaltschnäuzigkeit: alles mit einer Skala von treffsicheren Zwischentönen, die staunen macht.

Martha und George wären total
verloren, wäre da nicht doch die Liebe,
[...] die das
junge Paar erst noch erkennen muss: Philipp Romanns genaue Ungelenkheit
und
Rebecca Indermaurs anrührendes Dummchen komplettieren den Abend zu einem
bei der
Premiere geradezu enthusiastisch applaudierten Erlebnis.
Lübecker Stadtzeitung,
07.09.2006
Fotos von Thorsten Wulff.
Ausstattung von Nikolaus Porz >>>
www.nikolausporz.de
Musik von Arno Kraehahn >>
www.bornlab.com