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Identität und Faschismus

Die nächsten Premieren

#diewelle2020 ab 15. Januar 2020 (Berlin)  |  Oleanna ab 14. März 2020 (Rostock)

Dschabber – Europäische Erstaufführung in Berlin

Die nächsten Vorstellungen

… ab September: 24. (WA), 25. Dschabber in Berlin … im Oktober: Dschabber 16., 17. beim Festival Lichtblicke in Nürnberg, 31. in Berlin … im November: Dschabber 1., 2., 5. in Berlin, 8. IKARUS-Preisverleihung | … ab Januar 2020: 15., 16., 17., 18. #diewelle2020 in Berlin | … ab März 2020: 14. Oleanna in Rostock

Identität und Faschismus: 2019/20

Es ist kein Zufall, dass zwei außergewöhnliche Denker amerikanischer Herkunft innerhalb eines Jahres Bücher zu den großen Themen unserer Zeit herausgebracht haben. „Identität“ des Amerikaners (mit japanischen Wurzeln) Francis Fukuyama analysiert die kulturellen Grundlagen, die Trump ermöglicht haben und die ehemalige Außenministerin der Vereinigten Staaten Madeleine Albright (gebürtige Pragerin) schreibt mit „Faschismus“ eine Warnung – sie zeichnet den Weg nach, den der Aufstieg des Faschismus vor nicht einmal hundert Jahren nahm. Und sie setzt die historische Linie in direkten Bezug zu heute, mit Trump, Chávez, Erdoğan und Orbán – Marine Le Pen etc. können wir uns selber hineindenken…

Die Klärung des Begriffs Identitätspolitik nimmt in Fukuyamas Arbeit (nach seinem Kernwerk „Das Ende der Geschichte“) nun viel Raum ein, sein Argument ist für mich scharf aber nicht unumstritten: Wenn eine (breite) gesellschaftliche Schicht/Personengruppe das Gefühl bekommt, keine Würde mehr zu haben, wird es eng für die Politik. Wird die politische Klasse dazu noch als elitär wahrgenommen, entsteht Verdruss. Die emotionale Wahrnehmung von Würdigung, Würde und Wert wird entscheidend und wichtiger als eine politisch-faktische Analyse. Wenn sich dazu noch das subjektive Empfinden gegen die als als korrupt und abgehoben wahrgenommene politische Klasse mit persönlichen Abstiegsängsten vermischt (wann wurde aus dem ehrbaren „kleinen Mann“ auf einmal „die Abgehängten“?) ist der Weg in Richtung „protestwählender“ Alternativen offenbar geebnet – und faktisches Denken wird unattraktiv. Fukuyama schlägt also eine direkte Schneise von Identitätspolitik zum Populimus, zum (vernachlässigten) Rust Belt, zum Wahlkampf zwischen Hillary Clinton und Trump… Diskutierenswert.

Die populistische, quereinsteigende Führungspersönlichkeit soll es dem „Establishment“ zeigen… Dass dabei nun starke (weiße, ältere, korrupte) Männer (mit wenigen Ausnahmen) mehr oder weniger offen rassistischer, rechtsgerichteter oder nationalistischer Geisteshaltung die Lösung sein sollen, entbehrt nicht einer zynischen Ironie.

Western von gestern

Und so nähern wir uns im Theater der Wirklichkeit durch den Spiegel: Zwei Stücke stehen in meiner kommenden Saison im Zentrum, die diese (mich stetig bewegenden) Fragen reflektieren. Die ausgewählten Stücke sind erstaunlicherweise am ehesten mit dem Begriff „moderne Klassiker“ zu bündeln; amerikanische Stoffe aus den 80ern und 90ern des letzten Jahrhunderts. Die Fragen der aktuellsten Essays finden erschreckend viel Widerhall:

Ist Faschismus jederzeit reaktivierbar? Welche Schutzmechanismen sind heute noch aktiv? Und: Mit welchen absurden Distanzierungen holen wir selber die antidemokratischen Kräfte herbei? Im modernen Klassiker des Jugendbuchs „Die Welle“ geht ein Experiment schief: In meiner Fassung setze ich eine Versuchsanordnung, die uns alle mit in den Echoraum hineinnimmt. Das (digital theaterpädagogisch begleitete) Planspiel #diewelle2020 adaptiert den Originalstoff und stellt die Frage nach der Verführbarkeit zum Faschismus heute. In diesem Moment erarbeiten wir die Endfassung des Textes und stellen die konzeptionellen Weichen für Raum, Musik und Umsetzung. Ausstattung: Christin Treunert, Dramaturgie: Tobias Diekmann.

David Mamet hat im Juli 2019 mit John Malkovich eine zynische Komödie über den Fall Harvey Weinstein in London auf die Bühne gebracht, Bitter Wheat. Bereits 1992 hat Mamet das Thema mit Oleanna, einem Machtspiel im universitären Milieu, das Thema archetypischer und vielschichtiger angepackt. Schon auf der Suche nach der richtigen Form diskutieren die Ausstatterin Sigi Colpe und ich, wer opfert hier wen? Hierarchische, patriarchale Strukturen sind im freien Fall und wir sind froh, dass zumindest offiziell die Zeit des blaming the victim vorbei sein sollte – aber ist es wirklich so weit? Wir alle kennen Situationen machtmißbräuchlichen Verhaltens im Theater und nicht immer geht es dabei um Sex. Oleanna ist die Rohform aller #metoo-Thriller, der abgebildete Mechanismus von Macht, Sex und Missbrauch wird heute noch radikaler lesbar.

Camille Paglias bereits in den 80ern des letzten Jahrhunderts beschworener „Krieg der Geschlechter“ ist in vollem Gange und dass Hollywood die größte Kulturbewegung und feministische Revolution seit 1968 ausgelöst hat, ist ein brutaler historischer Treppenwitz: Wurde über Jahrzehnte „Sex sells“ als Begründung jeglicher noch so zynischer Objektivierung meist weiblicher Körper und absurder Rollenzuteilungen genutzt, ist exakt dieses Motto nun, durch die Wirklichkeit massiv multipliziert und in allen Ungerechtigkeiten (EQUAL PAY!) transparent gemacht, der Motor hinter den Prozessen auf dem Weg zu gerechterer Verteilung von Macht.

Gedanklich bewegt sich die Konzeption zu Oleanna , Mamets erstem #metoo-Drama lange vor #metoo, in diesem Moment zwischen verschiedenen Perspektiven: Harvey Weinstein und Dieter Wedel  dominieren die unzweifelhaft kriminelle Seite des Spektrums, Benny Frederiksson steht im Kontext der Konzeption des auch heute noch oszillierenden Stückes für eine andere Perspektive. Dieses Schillern des Textes zu finden und für die Aufführung fruchtbar zu machen, wird viel Raum in den Proben einnehmen. So dass die Debatte mit dem Applaus erst beginnt. Ausstattung: Sigi Colpe, Dramaturgie: Anna Langhoff.

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