Theater machen

Die nächsten Vorstellungen

FÜNF

Mut! Verantwortung! Demokratie!
Die Saison 2020/2021
20. August 2020

Im Blogeintrag VIER sind auch sofort die aktuellsten Planungsstände laufender Vorstellungen zu finden, für diejenigen unter uns, die es mit René Polleschs Unlust an Spielzeitgedanken halten. Während ich im Zug, gut maskiert, auf dem Weg in den Süden die Nachrichten von erneuten Reisewarnungen (auch in Österreich, meinem endgültigen Reiseziel) lese oder Barack und Michelle Obamas Einschätzung der Legislatur Trumps anschaue, ob die kommenden Tage einen möglichen Giftmordversuch an Kremlkritiker Alexej Nawalny verifizieren, der Anschlag auf der Stadtautobahn in Berlin oder die ganz banalen „Demonstrationen“ gegen die Nutzung der Mund-Nasen-Bedeckung – der Schutz der demokratischen Staatsform beschäftigt mich.

Die Welt läuft heiß. Und wenn nicht im Theater, wo dann können wir nachdenken über unsere politische Selbstverantwortung, über unsere Lethargie in der bequemen Komfortzone oder über Gerechtigkeit in unserer Staatsform an sich?

Ich freue mich auf diese neue, andersartige Saison, die es wohl mit einer gehörigen Portion Mut, Abenteuerlust und Spontanität anzupacken gilt.

VIER

Save. The. Dates.
Stand: 13. August 2020

wieder ab 10. September 2020 (Berlin)
Dschabber (EU Erstaufführung, ausgezeichnet mit dem IKARUS 2019) von Marcus Youssef, Wiederaufnahme 10. September (COVID-19-Fassung), Vorstellungen am 11., 12. September und weiter am 19., 20., 21. November, Dezember in Planung
ab 22. September 2020 (Graz)
Niemand wartet auf Dich (DSE) von Lot Vekemans, Vorstellungen am 29. September, 1., 23. Oktober, mehr Termine
ab 24. September (Rostock)
Oleanna von David Mamet weitere Termine am 1., 9. Oktober und 7. November
wieder ab 9. Oktober 2020 (Berlin)
#diewelle2020 (UA) von Jochen Strauch, nach Todd Strasser/Morton Rhue,
Wiederaufnahme 9. Oktober (COVID-19-Fassung), Vorstellungen am 10., 11., 12., 13. Oktober, 5., 6., 7., 9., 10., 13., 14. November, mehr Termine
ab 30. Januar 2021 (Darmstadt)
Raus aus dem Swimmingpool, rein in mein Haifischbecken von Laura Naumann, mehr Termine
ab 19. Juni 2021 (Regensburg)
Die Orestie von Aischylos

DREI

Digitale Vorproben
13. Mai 2020

In zwei Tagen hätten wir die Vorproben in Graz abgeschlossen, in den kommenden Monaten wären noch Voraufführungen geplant gewesen, z.B. beim Dramatiker*innenfestival. Teile der Vorproben haben wir ins Internet verlegt und – wie viele andere Menschen – Theater im Homeoffice ausprobiert und uns digital international verknüpft. Das alles begleiten und reflektieren wir weiterhin kontinuierlich im Making-of der Produktion „Niemand wartet auf Dich“.

ZWEI

Dann kam Corona
17. März 2020

Über 30 (größtenteils ausverkaufte) Vorstellungen: abgesagt.
Zum ganzen Themenbereich Kunst & Politik in dieser Situation auch unter SECHZEHN im Making-of der verschobenen Premiere „Niemand wartet auf Dich“ in Graz.

EINS

So war’s geplant – die Saison 2019/2020
About Identität und Faschismus
10. Mai 2019 – Anfang März 2020

Es ist kein Zufall, dass Denker*innen amerikanischer Herkunft innerhalb eines Jahres Bücher zu den beiden großen Themen unserer Zeit herausgebracht haben: „Identität“ des Amerikaners (mit japanischen Wurzeln) Francis Fukuyama analysiert die kulturellen Grundlagen, die Trump ermöglicht haben. Und die ehemalige Außenministerin der Vereinigten Staaten Madeleine Albright (gebürtige Pragerin) schreibt mit „Faschismus“ eine Warnung; sie zeichnet den Weg nach, den der Aufstieg des Faschismus vor nicht einmal hundert Jahren nahm und setzt diesen in direkten Bezug zu heute, zu Trump, Chávez, Erdoğan und Orbán.

Die Klärung des Begriffs Identitätspolitik nimmt in Fukuyamas Arbeit (nach seinem Kernwerk „Das Ende der Geschichte“) nun viel Raum ein, sein Argument ist für mich scharf aber nicht unumstritten: Wenn eine (breite) gesellschaftliche Schicht/Personengruppe das Gefühl bekommt, keine Würde mehr zu haben, wird es eng für die Politik. Wird die politische Klasse dazu noch als elitär wahrgenommen, entsteht Verdruss. Die emotionale Wahrnehmung von Würdigung, Würde und Wert wird entscheidend und wichtiger als eine politisch-faktische Analyse. Wenn sich dazu noch das subjektive Empfinden gegen die als als korrupt und abgehoben wahrgenommene politische Klasse mit persönlichen Abstiegsängsten vermischt (wann wurde aus dem ehrbaren „kleinen Mann“ auf einmal „die Abgehängten“?) ist der Weg in Richtung „protestwählender“ Alternativen offenbar geebnet – und faktisches Denken wird unattraktiv. Fukuyama schlägt also eine direkte Schneise von Identitätspolitik zum Populimus, zum (vernachlässigten) Rust Belt, zum Wahlkampf zwischen Hillary Clinton und Trump… Diskutierenswert.

Die populistische, quereinsteigende Führungspersönlichkeit soll es dem „Establishment“ zeigen… Dass dabei nun starke (weiße, ältere, korrupte) Männer (mit wenigen Ausnahmen) mehr oder weniger offen rassistischer, rechtsgerichteter oder nationalistischer Geisteshaltung die Lösung sein sollen, entbehrt nicht einer zynischen Ironie.

Western von gestern

Und so nähern wir uns im Theater der Wirklichkeit durch den Spiegel: Zwei Stücke stehen in meiner kommenden Saison im Zentrum, die diese (mich stetig bewegenden) Fragen reflektieren. Die ausgewählten Stücke sind erstaunlicherweise am ehesten mit dem Begriff „moderne Klassiker“ zu bündeln; amerikanische Stoffe aus den 80ern und 90ern des letzten Jahrhunderts. Die Fragen der aktuellsten Essays finden erschreckend viel Widerhall:

Mehr zu #diewelle2020 im Making-of unter „Kunst kommunizieren“ oder als direkter Link hier in die Dokumentation der Uraufführung.

Ist Faschismus jederzeit reaktivierbar? Welche Schutzmechanismen sind heute noch aktiv? Und: Mit welchen absurden Distanzierungen holen wir selber die antidemokratischen Kräfte herbei? Im modernen Klassiker des Jugendbuchs „Die Welle“ geht ein Experiment schief: In meiner Fassung setze ich eine Versuchsanordnung, die uns alle mit in den Echoraum hineinnimmt. Für das (digital theaterpädagogisch begleitete) Planspiel #diewelle2020 adaptiere und übersetze ich den amerikanischen Originalstoff von Todd Strasser neu und stelle die Fragen nach der Verführbarkeit zum Faschismus heute. Ausstattung: Christin Treunert, Musik: Öz Kaveller, Video: David Schulz, Dramaturgie: Tobias Diekmann. Die Uraufführung ist hier dokumentiert.

David Mamet hat im Juli 2019 mit John Malkovich eine zynische Komödie über den Fall Harvey Weinstein in London auf die Bühne gebracht, Bitter Wheat. Bereits 1992 hat Mamet das Thema mit Oleanna, einem Machtspiel im universitären Milieu, das Thema archetypischer und vielschichtiger angepackt. Schon auf der Suche nach der richtigen Form diskutieren die Ausstatterin Sigi Colpe und ich, wer opfert hier wen? Hierarchische, patriarchale Strukturen sind im freien Fall und wir sind froh, dass zumindest offiziell die Zeit des blaming the victim vorbei sein sollte – aber ist es wirklich so weit? Wir alle kennen Situationen machtmißbräuchlichen Verhaltens im Theater und nicht immer geht es dabei um Sex. Oleanna ist die Rohform aller #metoo-Thriller, der abgebildete Mechanismus von Macht, Sex und Missbrauch wird heute noch radikaler lesbar.

Gedanklich bewegt sich die Konzeption zu Oleanna, Mamets erstem #metoo-Drama lange vor #metoo, in diesem Moment zwischen verschiedenen Perspektiven: Harvey Weinstein und Dieter Wedel  dominieren die unzweifelhaft kriminelle Seite des Spektrums, Benny Frederiksson steht im Kontext der Konzeption des auch heute noch oszillierenden Stückes für eine andere Perspektive. Dieses Schillern des Textes zu finden und für die Aufführung fruchtbar zu machen, wird viel Raum in den Proben einnehmen. So dass die Debatte mit dem Applaus erst beginnt. Ausstattung: Sigi Colpe.  Hier finden sich Notizen aus der Produktion, die wir mit einer hausoffenen Generalprobe noch abschließen konnten.

Weiterhin zu sehen: Die mit dem IKARUS 2019 ausgezeichnete Europäische Erstaufführung „Dschabber“ in Berlin. In Planung: Eine Deutschsprachige Erstaufführung der Niederländerin Lot Vekemans in Graz, erste try-outs beim Dramatiker*innenfestival 2020 im Mai oder während der Jahreskonferenz der European Theatre Convention.

„Dschabber“ von Marcus Youssef

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