Theater machen

Save the Dates

Saison 19/20: Identität und Faschismus.

Es ist kein Zufall, dass Denker*innen amerikanischer Herkunft innerhalb eines Jahres Bücher zu den beiden großen Themen unserer Zeit herausgebracht haben: „Identität“ des Amerikaners (mit japanischen Wurzeln) Francis Fukuyama analysiert die kulturellen Grundlagen, die Trump ermöglicht haben. Und die ehemalige Außenministerin der Vereinigten Staaten Madeleine Albright (gebürtige Pragerin) schreibt mit „Faschismus“ eine Warnung; sie zeichnet den Weg nach, den der Aufstieg des Faschismus vor nicht einmal hundert Jahren nahm und setzt diesen in direkten Bezug zu heute, zu Trump, Chávez, Erdoğan und Orbán.

Die Klärung des Begriffs Identitätspolitik nimmt in Fukuyamas Arbeit (nach seinem Kernwerk „Das Ende der Geschichte“) nun viel Raum ein, sein Argument ist für mich scharf aber nicht unumstritten: Wenn eine (breite) gesellschaftliche Schicht/Personengruppe das Gefühl bekommt, keine Würde mehr zu haben, wird es eng für die Politik. Wird die politische Klasse dazu noch als elitär wahrgenommen, entsteht Verdruss. Die emotionale Wahrnehmung von Würdigung, Würde und Wert wird entscheidend und wichtiger als eine politisch-faktische Analyse. Wenn sich dazu noch das subjektive Empfinden gegen die als als korrupt und abgehoben wahrgenommene politische Klasse mit persönlichen Abstiegsängsten vermischt (wann wurde aus dem ehrbaren „kleinen Mann“ auf einmal „die Abgehängten“?) ist der Weg in Richtung „protestwählender“ Alternativen offenbar geebnet – und faktisches Denken wird unattraktiv. Fukuyama schlägt also eine direkte Schneise von Identitätspolitik zum Populimus, zum (vernachlässigten) Rust Belt, zum Wahlkampf zwischen Hillary Clinton und Trump… Diskutierenswert.

Die populistische, quereinsteigende Führungspersönlichkeit soll es dem „Establishment“ zeigen… Dass dabei nun starke (weiße, ältere, korrupte) Männer (mit wenigen Ausnahmen) mehr oder weniger offen rassistischer, rechtsgerichteter oder nationalistischer Geisteshaltung die Lösung sein sollen, entbehrt nicht einer zynischen Ironie.

Western von gestern

Und so nähern wir uns im Theater der Wirklichkeit durch den Spiegel: Zwei Stücke stehen in meiner kommenden Saison im Zentrum, die diese (mich stetig bewegenden) Fragen reflektieren. Die ausgewählten Stücke sind erstaunlicherweise am ehesten mit dem Begriff „moderne Klassiker“ zu bündeln; amerikanische Stoffe aus den 80ern und 90ern des letzten Jahrhunderts. Die Fragen der aktuellsten Essays finden erschreckend viel Widerhall:

Mehr zu #diewelle2020 im Making-of unter „Kunst kommunizieren“ oder als direkter Link hier in die Dokumentation der Uraufführung.

Ist Faschismus jederzeit reaktivierbar? Welche Schutzmechanismen sind heute noch aktiv? Und: Mit welchen absurden Distanzierungen holen wir selber die antidemokratischen Kräfte herbei? Im modernen Klassiker des Jugendbuchs „Die Welle“ geht ein Experiment schief: In meiner Fassung setze ich eine Versuchsanordnung, die uns alle mit in den Echoraum hineinnimmt. Für das (digital theaterpädagogisch begleitete) Planspiel #diewelle2020 adaptiere und übersetze ich den amerikanischen Originalstoff von Todd Strasser neu und stelle die Fragen nach der Verführbarkeit zum Faschismus heute. Ausstattung: Christin Treunert, Musik: Öz Kaveller, Video: David Schulz, Dramaturgie: Tobias Diekmann. Die Uraufführung ist hier dokumentiert.

David Mamet hat im Juli 2019 mit John Malkovich eine zynische Komödie über den Fall Harvey Weinstein in London auf die Bühne gebracht, Bitter Wheat. Bereits 1992 hat Mamet das Thema mit Oleanna, einem Machtspiel im universitären Milieu, das Thema archetypischer und vielschichtiger angepackt. Schon auf der Suche nach der richtigen Form diskutieren die Ausstatterin Sigi Colpe und ich, wer opfert hier wen? Hierarchische, patriarchale Strukturen sind im freien Fall und wir sind froh, dass zumindest offiziell die Zeit des blaming the victim vorbei sein sollte – aber ist es wirklich so weit? Wir alle kennen Situationen machtmißbräuchlichen Verhaltens im Theater und nicht immer geht es dabei um Sex. Oleanna ist die Rohform aller #metoo-Thriller, der abgebildete Mechanismus von Macht, Sex und Missbrauch wird heute noch radikaler lesbar.

Gedanklich bewegt sich die Konzeption zu Oleanna, Mamets erstem #metoo-Drama lange vor #metoo, in diesem Moment zwischen verschiedenen Perspektiven: Harvey Weinstein und Dieter Wedel  dominieren die unzweifelhaft kriminelle Seite des Spektrums, Benny Frederiksson steht im Kontext der Konzeption des auch heute noch oszillierenden Stückes für eine andere Perspektive. Dieses Schillern des Textes zu finden und für die Aufführung fruchtbar zu machen, wird viel Raum in den Proben einnehmen. So dass die Debatte mit dem Applaus erst beginnt. Ausstattung: Sigi Colpe.

Alle Termine 1. Hälfte 2020❓Update 😷

15., 16., 17., 18. Januar & 14., 15., 17. Februar  #diewelle2020  in Berlin
9., 10. März Dschabber in Berlin 😷
Corona Shutdown
14., 25., 26. März & 4., 17., 18. April  Oleanna  in Rostock 😷❓
17., 18. April  #diewelle2020  in Berlin❓😷
6., 7. Mai  Oleanna  in Rostock
ab 14. Mai  Niemand wartet auf Dich, DSE / Voraufführungen  in Graz, u.a. beim Dramatikerinnenfestival
15., 16., 18., 19. Mai  #diewelle2020  in Berlin, 25., 27. Mai  Dschabber  in Berlin
11., 12., 13. Juni  #diewelle2020  in Berlin

 

Dschabber (Europäische Erstaufführung) – ausgezeichnet mit dem IKARUS 2019

»Nachgefragt« in Berlin

30 minütiges Expert*innen-Gespräch nach der Aufführung von #diewelle2020 – mit:
1.) Gesicht zeigen! Für ein weltoffenes Deutschland e.V.
An folgenden Terminen: 15.5.2020 um 19.30 Uhr | 11.6.2020 um 18.00 Uhr | 12.6.2020 um 11.00 Uhr
2.) Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus. Die MBR berät und qualifiziert Lehrende und pädagogisches Personal im Umgang mit Rechtsextremismus, Rechtspopulismus, Rassismus und Antisemitismus. An folgenden Terminen: 14.2.2020 um 19.30 Uhr | 17.4.2020 um 18.00 Uhr

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