Theater machen

Das Evangelium der Maria

Weltliches Oratorium nach Colm Tóibíns The Testament of Mary und Pergolesis Stabat Mater 
Premiere 5. Mai 2026
Theater Rigiblick Zürich

Als Daniel Rohr mit mir über ein Musiktheater zum Stabat Mater brainstormte, fiel mir schnell dieser besondere Text von Colm Tóibín ein, der einen ganz eigenen Blick auf die biblische Welt um das Leben Jesu und die Beziehung zu seiner Mutter anbietet. Tóibín greift, von eignem biografischem Material motiviert, in dieser Mutter-Sohn-Beziehung größere Fragen auf, die die Bibel-Exegese schon länger beschäftigen: Hatte Jesus eine Frau? Hatte er Kinder? Warum wurde Maria Magdalena später erzählerisch zu einer Hure verarbeitet? Warum gab es kein Evangelium dieser offenbar engsten Vertrauten Jesu? Welche Absichten hatten eigentlich die Jünger? Und welche die Berichterstatter, die Apostel? Wie stand die junge Frau, das Mädchen Maria zu ihrer kindlichen Schwangerschaft? Zu Ihrer Heirat mit einem viel älteren Mann? Zu der Erzählung ihres Sohnes, dass Gott sein Vater sei…? Aber auch: Welche Rollen spielten eigentlich die Frauen in diesem Personenkreis, dessen historische Erlebnisse die christlichen Gemeinschaften und Kirchen begründeten? Und zentral für Tóibín: Welche Haltung nimmt eine (alleinerziehende) Mutter zu den Plänen und Zielen ihres Sohnes ein? Wie prägt diese Beziehung wiederum den Sohn?

In der Konzeption mit Sigi Colpe wurde für uns schnell klar, dass dieses Musiktheater nur funktionieren kann, wenn alle drei Frauen Varianten der Figur, unterschiedliche Perspektiven auf die Maria sind. Mal wie Schwestern, mal wie ein griechischer Chor, mal wie Schicksalsgöttinnen, die die Zukunft vorhersehen.

Sopranistin Anna Gschwend und Alt Stephanie Szanto sind alter egos für Mona Petris Maria — die sieben Episoden, in denen sich Maria den Ereignissen annähert, werden immer wieder emotional-musikalisch herausgefordert und neu justiert durch die zwölf Arien und Duetten.

Theater als Versammlungsort war selten so wichtig wie in heutigen Zeiten. Sich miteinander auseinanderzusetzen, Glauben & Zweifel in Gemeinschaft erleben zu dürfen und gedankliche Kunstfreiheit zu feiern, das allein könnte schon an diesem Theaterabend das Testament der Maria sein, das Evangelium einer einzigartigen Mutter — und Frau. Ihr Bericht, ihre Erzählung, ihre Perspektive stellt sich gegen gewohnte Lesarten, die einen Männerbund und die daraus abgeleiteten (männlichen) Machtstruktur allein durch die Kraft der Emotionen ihrer Erinnerung in Frage stellt.

Dieser Community Space kann zugleich gelesen werden als Tribunal oder Zeugenstand, wo Marias Erinnerungen auf den Prüfstand kommen. Wir haben mit Peter Solomon und dem Galatea Quartett eine immersive Situation erarbeitet, in der die Zuschauenden sich mitten in der Geschichte befinden. Zugleich hält Mona Petri wie Scheherazade die Zügel des Narrativs in der Hand, wir haben die feinen Töne und Färbungen gesucht zwischen Erzählen, Erinnern, Verkörpern, Skizzieren, dabei immer wieder Erzählsprünge zu verweben und Wechsel der Perspektiven anzuregen. 

So persönlich hat man wahrlich selten die Geschichten hinter der Religion hinterfragt. Die Arbeit lädt zur Auseinandersetzung sein mit durchaus sensiblen Themen. Tóibíns Anteil am Theatereignis Maria ist unterhaltend im spannenden und erregenden, vielleicht sogar aufregenden Sinne und die Schönheit der klassischen Lesart der Geschichte in Form von Pergolesis Liederzyklus, das Oratorium Stabat Mater, steht dazu in absichtsvollem Widerspruch. Welche der Lesarten der Geschichte räsoniert mehr in uns, welche Reflexion bestärkt liebgewonnene Glaubenssätze, welche Version fordert uns heraus? 

„Im Stück Maria verkörpert Mona Petri die Titelrolle in einem beeindruckenden Bühnensolo. Petris Maria erzählt lebhaft, selbstbewusst und kritisch von ihrem Sohn. Ihr Text basiert auf dem Roman The Testament of Mary des irischen Autors Colm Tóibín von 2012. Doch Mona Petri ist nicht allein auf der Bühne, die beiden Sängerinnen Anna Gschwend und Stephanie Szanto treten mit ihr in einen faszinierenden Dialog, begleitet von einem hochkarätig besetzten Streicherensemble mit Cembalo. Sie musizieren das Stabat Mater von Giovanni Pergolesi (1710-1736), wunderbar zart und kräftig zugleich. So nahe einem diese Musik geht, so befremdlich ist der lateinische Text, der das Mitleiden Mariens unterm Kreuz verherrlicht. (…) Dieses starke Konzept hat Jochen Strauch entworfen, der auch Regie führt. Es ist beeindruckend, wie die mittelalterliche Marienfrömmigkeit des Stabat Mater in der herzergreifenden Vertonung Pergolesis den modernen Schauspieltext kommentiert und kontrastiert. Ja, beide Kunstwerke kommen in dieser ausserordentlichen Theaterproduktion miteinander ins Schwingen, spannungsvoll, irritierend, inspirierend. Das ist ein Erlebnis, nicht zuletzt dank der grossartigen Künstlerinnen.“ — Christine Stark, Forum Magazin 12.5.2026

„Das neue Repertoirestück (Regie: Jochen Strauch) macht sich nie lustig, erlaubt sich aber, die Perspektive zu wechseln und Fragen zu stellen: Was, wenn Maria nicht die Heilige war, als die sie dargestellt wird? Was, wenn sie eine normale Mutter war, die irgendwann den Kontakt zur eigenwilligen Welt ihres geliebten Sohnes verloren hat? Es wäre eine Möglichkeit.“ — Isabell Hemmel, Tages-Anzeiger Zürich 9.5.2026 

Neben der Hinterfragung altbekannter Zuschreibungen und Ikonografien werden auch einzelne, vertraut erscheinende Episoden neu erzählt und auf den Prüfstand der Wahrnehmung gesetzt.

Konzept & Regie: 
Jochen Strauch
Maria
: Mona Petri
Sängerinnen
: Anna Gschwend
Stephanie Szanto


Das Galatea Quartett
 Yuka Tsuboi / Jemma Abrahamyan
, Sarah Kilchenmann
, Hugo Bollschweiler / Anna Brugger
, Julien Kilchenmann, 
Kontrabass
: Núria Casas Coll / Jimena Rodríguez
Cembalo
 & musikalische Leitung: Peter Solomon
Ausstattung
: Sigi Colpe
Regieassistenz: 
Annika Leitner
Lichtdesign & Licht
: Janos von Kwiatkowski
Ton- & Videotechnik
: Igor Cujic
Bühnentechnik
: Zora Marti

Fotos © T+T Fotografie Toni Suter

5 Kommentare zu “Das Evangelium der Maria

  1. Strauch erklärt gegenüber «reformiert.» den Ansatz mit dem Willen zum wiederholten Perspektivenwechsel. Damit gelinge es, «das offizielle Narrativ des Stabat Mater mit einem psychologischen, heutigen Narrativ zu schraffieren». (…) Ein zentraler Punkt dabei: Dieses Theaterstück ist ebenso wenig wie Colm Tóibíns Buch eine blasphemische Demontage. Vielmehr stellt es ein sehr aktuelles Porträt einer Frau dar, die sich gegen eine «von Männern dominierte Sicht zur Wehr setzt», wie Jochen Strauch erklärt. Die Annäherung gelingt dem Ensemble auf dichte, pointierte und angenehm unaufgeregte Weise eindrücklich.

    https://reformiert.info/de/kultur/wie-maria-als-moderne-mutter-das-andere-evangelium-erzaehlt-25940.html

  2. Beate Kreidel

    Eine unvergessliche Premiere, die auch nach Tagen nicht aus dem Kopf gehen möchte.
    Den bekannten Text der uralten Geschichte von Maria und Jesus – neu von Colm Toibin mit der „stabat mater“ zu verbinden war eine tolle Idee.
    Getragen von der großartigen Mona Petri, die auf der offenen, raffiniert einfachen Bühne die Maria als Mensch erleben ließ. Eine verzweifelte und zweifelnde Mutter, die den Zuschauer in die intimsten Räume, wie mit nach Gogatha nahm.
    Nicht zu vergessen die Musik und Sängerinnen, die die Geschichte zu einem besonderen Erlebnis werden ließen – bestechend mit lateinisch/deutscher Nachhilfe im Hintergrund.
    Ein großer Dank an Jochen Strauch für diesen wunderbaren Abend.

  3. Ulla Bein

    Die Begeisterung, die ich bei der Aufführung verspürte, hallt immer noch nach, und ich kann gar nicht benennen, was mich am meisten beeindruckt hat. War es das intensive Spiel von Mona Petri? Die frische Interpretation der Musik? War es der Theaterraum, der mich buchstäblich in das Stück hineinzog? Vielleicht war es auch der faszinierende Widerspruch zwischen Marias Erzählung und dem von Pergolesi so überwältigend vertonten Gedicht? Es ist wohl die gelungene Synthese all dieser Elemente, in Jochen Strauchs klugen und bewegenden Inszenierung.

  4. Eriko & Daniel Fueter

    Wir danken Euch für den grossartigen und klugen, so beglückenden wie erschütternden Theaterabend, der darstellerisch und musikalisch rundum überzeugte und szenisch in jeder Hinsicht aufs Schönste und sorgfältigste präsentiert wurde. Die Spannung zwischen Toibins Text und Pergolesis Musik erweist
    sich als immer wieder überraschend aufrüttelnd und beflügelnd.

  5. Das in Zürich grossartig inszenierte Theaterstück „Maria“ bringt die Mutter Jesu auf die Bühne. Und mit ihr heutige Zweifel an biblischen Berichten und kirchlichen Überlieferungen. Wo die Jünger der trauernden Mutter zu erklären versuchen, dass alles so sein musste, weil Gott es wollte, zum Heil der Welt, bleibt sie bei ihrer Wahrheit: Das war es nicht wert. Diese Auseinandersetzung ist auch theologisch eindrücklich.

    https://fokustheologie.ch/maria-und-was-die-bibel-verschweigt/

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