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Making-of #diewelle2020

Gedankliche Annäherung:

Die Faszination faschistischer Blickwinkel und Organisationsformen ist kein neues Phänomen. Aufgewachsen am westlichsten Rand Deutschlands war meine eigene Kindheit geprägt von Erzählungen des Grauens über den Zweiten Weltkrieg. Ich wuchs mit Zeitzeugen auf, die sehr genau die Diktatur Hitlers beschreiben und das Unfassbare, das Lebensbedrohliche und Bedrückende, das sie in dieser deutschen Diktatur erlebt hatten, reflektieren konnten. Meine Schulzeit verarbeitete mehrfach die Zeit zwischen Weimarer Republik und Drittem Reich – aber anders als heute mancherorts eine Scham des Deutschseins fabuliert wird, war das für uns eine logische Erzählung und kein Erleben von Schande. Vielleicht einfach deshalb, weil eine Vision von Europa in der Euregio meiner Kindheit immer bereits erlebbar war. Ein Entwurf, in dem das Aufgearbeitete und ein historisches Schuldbewusstsein sich durch Kooperation und Zusammenleben in Dreisprachigkeit bereits integrierte.

Klaus Theweleits „Männerphantasien“ eröffneten mir mit 17 Denkmuster des Faschismus auf eine Art und Weise, die mir logisch erschien und die Verführbarkeit durch den Faschismus eindrucksvoll psychoanalytisch auffächerte – und vielleicht ist es Zeit auch diesen Klassiker der Zeitgeschichte einmal neu zu lesen… Das Komplexe im Umgang mit der Frage „Wie konnte das geschehen?“ schilderten mir zudem Künstlerbiografien eindringlich; Stars, die sich ins scheinbar Unpolitische flüchteten, um zu überleben. Das Motiv wiederholte sich immer wieder: Um  Karriere verfolgen zu können, arrangierten sich Menschen mit dem Nazi-System. Klaus Manns „Mephisto“ war damals z.B. noch ein von Gustaf Gründgens Erben verbotener Skandal, den man heimlich in Frankreich kaufte.

Künstlerische Verantwortung: Leni und wir

Besonders Leni Riefenstahls stählern-lächelnde Leugnung von Verantwortung gegenüber der Macht ihrer Bilder weist uns einen Weg in die Verstrickungen von Schuld und Biografie. Und in die Verführbarkeit der vereinfachenden Ideologien gegenüber komplexer Wirklichkeitsbewältigung. Wie einfach kann die Welt sein? Können wir es uns leisten zu sagen: Aber ich habe doch nur Kunst machen wollen? Mich interessiert nur das Bild und der Rhythmus, für den Inhalt bin ich nicht verantwortlich? Kann es Ästhetik losgelöst von Ethik überhaupt geben? Ray Müllers Dokumentation „Die Macht der Bilder“ gehört mit zum Aufregendsten, was man in diesem Kontext anschauen kann, denn: Leni Riefenstahl sagt alles – sie spricht Unaussprechliches aus und sie hat sich so schamlos-unbewusst und schonungslos geoutet, dass man in den Mechanismus reinschauen kann.  (Unbedingt nach der Stelle suchen, wo sie im Schneideraum voller Begeisterung die Marschmusik mitsingt und das Gelingen ihrer Kamerafahrt im Rhythmus der Aufmärsche sie verzückt…)

Als mich das GRIPS Theater also anfragte, ob ich Lust hätte, „Die Welle“ zu produzieren, fiel diese Idee nicht auf unvorbereiten Boden. Meine Haltung zum Theater ist auch immer wieder eine dezidiert politische. Aber meine erste Reaktion neben dem Eindeutigen „Ja, der Stoff macht heute Sinn“ war vor allem ein Zurückschrecken vor der Eindeutigkeit des Materials, vor der Einschätzung: Das ist doch bereits so oft erzählt. Das interessiert doch heute nicht mehr. Daraus wurde ein Schreibauftrag, quasi ein „Dann mach es doch interessant für heute!“ und damit war ich am Haken. Wie initiieren wir das Nachdenken über Faschismus und Populismus, mit Haltung – aber ohne Manipulation? Wie ist der Schutzinstinkt für die Demokratie erzählbar? Kann Theater sinnlich politische Bildung reflektieren – und anregen?

Der Schreibprozess

Beim Lesen der Materialien wiederholte sich die Frage: Wie kann man den Blickwinkel heute setzen? Welche Perspektive nehme ich heute ein. Dennis Gansels Film mit Jürgen Vogel hat 2008 eine grandiose Version entworfen, die sich dem Zeitgeist entsprechend auch mit Terrorismus beschäftigt. Doch die Bedingungen einer Theaterfassung sind ja anders, eine Personenzahl ist vorher festgelegt, die Geschichte braucht Antagonisten und zentrale Erzählsprünge. Und heute ist die Welt eine gänzlich andere…

Mittendrin. Die Szenenauswahl.

Im Zugriff auf sämtliche Vorlagen fokussierte sich mein Interesse auf die allerersten Texte: auf die Ursprungsstory von Ron Jones, die auch unter „No Substitute for Madness: A Teacher, His Kids, and the Lessons of Real Life“ sein Experiment „The Third Wave“ von 1967 veröffentlicht wurde und auf Todd Strasser „The Wave“ von 1981. Mir wurde deutlich, dass die Geschichten der Schüler*innen ebenso wichtig sind wie das Experiment selber, dass die innere Dynamik der Gruppe zu beleuchten ist und dass ich es nicht als Guckkasten-Abbildung erzählen kann. Dass ich etwas schaffen muss, womit das Thema heute andockt.

Full House: Bei der Konzeptionsprobe im GRIPS Theater ist das Mitbestimmungsmodell erlebbar, das ganze Theater hört und diskutiert den Stoff zum Produktionsbeginn.

Das erste Lesen

Immer wieder aufregend, wenn ich selber geschrieben habe. Jedes Detail öffnet neue Fragen: War das jetzt richtig so? Wird das eine Figur? Wieviel darf die Figur aussprechen, was muss sie zurückhalten. In der Konzeptionsprobe stellen wir uns sofort die entscheidenden Fragen: Wie alt sollen die Kids sein, die das Experiment mitmachen? Was bedeutet das für die Sprache, geht das so? Wie politisch denken die bereits? Wie nehmen sie die Umgebung mit? Das große Experiment wird nicht als Guckkasten abgebildet sondern wie ein Planspiel im Raum zwischen den Zuschauenden stattfinden. Die gesamte Thematik braucht eine gewisse Reflektionsfähigkeit, ab wann ist dieses Bewusstsein vorhanden, in welcher Altersstufe kann der Stoff angesiedelt sein, wenn wir es nicht in gymnasialem Kontext verorten wollen – und viele Fragen mehr beschäftigen uns zum Probenstart am 6. November 2019.

In der Bertha-von-Suttner Oberschule. Tobias Diekmann und ich erinnern uns an den Overheadprojektor. Natürlich gibt es ein Whiteboard UND eine Tafel. Der heißt für alle Tim.

Die erste Woche

Nach Rollengesprächen und ein paar ersten Skizzen machen wir einen Schulbesuch, eine fürs GRIPS übliche Annäherung: Meet the experts. Und an der Oberschule Bertha von Suttner erleben wir Aufregendes. Die jungen Erwachsenen (alle um die 15) kennen fast Film, Buch und Serie. Ihre Sicht auf die Realität, auf politische Verschiebungen und populistische Grabenkämpfe ist differenziert und reflektiert. Zahlenmaterial wird sofort kritisch hinterfragt: Der Auslöser für das Experiment ist im amerikanischen Ursprungsroman eine Frage der Figur Laurie, die zitiert, dass nur 11% in der NSDAP gewesen seien und nicht versteht, wie es dann zum Aufstieg der Nazis und zum Holocaust kommen konnte. Diese alles auslösende Zahl wird sofort auseinandergenommen bis in die Prozentanteile der Bevölkerung hinein. Die Klasse wirkt gelassen aufgeklärt und hinterfragt mögliche Erregungsauslöser. Ein interessanter und verfolgenswerter Aspekt, diese genaue Analyse des Zahlenmaterials zu vertiefen. Wir forschen weiter miteinander: Was würde Euch plausibel machen, dass man an so einem Experiment teilnimmt? Alle Antworten sind inspirierend: Dass der Lehrer (bei uns eine Lehrerin) neu ist. Dass die Lehrerin vertraut und vertrauenswürdig ist. Dass man es ihr beweisen will, dass es nicht klappt. Dass es einfach Spaß macht. Dass man herausfinden möchten, warum es klappt. Weil auf einmal alle was zusammen machen. Die Diskussionen haben begonnen – aber ein paar Themen konnten wir noch nicht herausfinden:

Fragen an die Crowd

Wie/ Über welche Kanäle informiert ihr Euch politisch? Sind Euch die Einfärbungen und Tendenzen auf den sozialen Medien bewusst? Sagt Euch der Begriff Echokammern was? Nehmt ihr die Algorithmen wahr, nach denen Euch die Welt vorbearbeitet präsentiert wird? Offenbar sind nur Instagram und YouTube spannend, der Rest passiert geschlossen auf What‘s App?  Wie reagierst Du, wenn Du bemerkst, dass jemand ausgegrenzt wird? Was machst Du, wenn Du Mobbing wahrnimmst? Fühlst Du Dich ausreichend, zu viel oder zuwenig über deutsche Geschichte informiert? Hast Du noch Kontakt zu Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs?

David und Laura, High School Darlings – erste szenische Annäherungen

Der Hashtag

Die Setzung, dass der Titel zugleich ins Internet verweist eröffnet verschiedene Pfade für das ganze Theater: Die gemeinsame Arbeit von uns allen kann zusammen mit der Theaterpädagogik und der gesamten Kommunikation des Theaters in immer neuen Fragen, hoffentlich  später in ständigem Widerspiel zwischen Bühne und  #diewelle2020 weiterverfolgt werden. Schulbesuche, Probenbesuche, Nachgespräche, thematische Vertiefungen, all das ist möglich – das Experiment kann sich permanent über den Vorstellungsraum hinaus verlängern. Theater kommuniziert mit Wirklichkeit, ein Angebot. Genauso wie der Stückentwurf die ganze Zeit über damit spielen wird, dass die Lehrerin mit uns allen das Experiment durchführt, dass es Szenen gibt, die auf der Bühne gespielt werden und uns Einblick in emotionale Zustände der Figuren vermitteln, Psychogramme und Beziehungen andeuten, und ganz andere Szenen, die uns zum Nachdenken mit einbeziehen. So denken wir in diesem Moment auch über die Kommunikation nach. Meine Vision, dass sich die Story wie eine echte Kampagne in die Welt hinaus verlängert, würde eine Art Augmented Storytelling bedeuten, dass Räume des Nachdenkens über das Theater hinaus einbezieht.

Entwurf eines Schulplakats, das die fiktive Bewegung ins Zentrum stellt und das Emblem erstmals präsentiert

Zweite Woche: Erster Probenbesuch

Wir haben die ersten Szenen angelegt. Der Versuch, dass der gesamte Saal das Klassenzimmer ist, wird aufregend bleiben. Nora Hoch, die Theaterpädagogin, hat uns gleich schon mal mit einer Live-Realität versorgt, um auszuprobieren: Wieviel Spiel mit dem Saal geht? Wann muss die Story weitergehen, ist Raum für echte Diskussion im Flow des Spiels möglich? Es bleibt spannend. Sehr spannend…

Zeitgleich veröffentlicht Sascha Baron Cohen einen der deutlichsten Kommentare zur größten Propagandamaschine aller Zeiten: Facebook. Seine Analyse von Mark Zuckerbergs mutloser und letztlich verwirrender Antwort auf den Vorwurf, er lasse antisemitische Äußerungen online, ist klar und deutlich: Es kann nicht um die Idee der freien Meinungsäußerung gehen, wenn der Holocaust geleugnet wird – historische Fakten können nicht zum Objekt eines Meinungsaustauschs werden.

Frage an #diewelle2020: Kennst Du die Algorithmen, die Dich einschätzen und Dir die Realität vorbereiten?

Probenalltag

Wir schreiten voran durchs Stück, hinterfragen: Wie tagespolitisch aktuell wollen wir reagieren? Oder besser wirklich die Parabel erzählen, die dann von den Schüler*innen diskutiert werden kann und mit eigenem Erleben angefüllt wird und in Nachgesprächen vertieft.

Wie entsteht Gemeinschaft? Chorische Arbeit mit Bettina Koch.

Wir nähern uns dem zweiten Teil lesend an. Wie immer im Vorweihnachtsbusiness eines Theaters ist viel los, Vorstellungen und Erkältungen, wir kommen lesend für den zweiten Akt wieder mal alle zusammen. Und studieren kleine chorische Momente ein, schauen gemeinsam auf das Material und üben einen musikalischen Moment.

KW 49

Wir haben fast das ganze Stück einmal durchgearbeitet, vor allem das Stückende hat uns beschäftigt. Womit beenden wir den Abend, wie versöhnlich, wie offen, wie optimistisch? Welche Figur bekommt das letzte Wort? Immer weiter feilen wir an den Situationen, ich bearbeite immer wieder auch den Text und denke über die Rückmeldungen aus der Charakter-Perspektive der Spielenden nach. Bewegung und Choreografie für eine große musikalische Szene kommen dazu. Noch zwei Wochen bis zur Weihnachtspause…


Kurz vor der Weihnachtspause machen wir ein Zusammentragen der Szenen, wir hängen das Stück hintereinander. Daraus entsteht der Teaser:

Die letzten Wochen

Wir ziehen von der Probebühne runter ins GRIPS… Lautstärke, Blickwinkel, Raum, der Fokus der Arbeit verschiebt sich.

Umzug auf die Bühne

Mithilfe der Agentur berlin_acts startet die Inhaltskampagne #diewelle2020 auf den sozialen Medien. Spannend, ob es in der Folge gelingen wird, die Debatten auch nachbereitend zur Vorstellung mit den Zuschauer*innen weiterzuführen. Der Vorbericht vom Tag der Premiere auf Radio Eins.

 

Und hier geht’s zur Berichterstattung über die > Uraufführung am 15. Januar 2020.

2 Kommentare

  1. Michael Dörr

    Allgemeine Einsichten:
    Wir sapiens haben Fähigkeiten und Eigenschaften. Zu allen Zeiten (auch schon vor 40.000 Jahren) hatten einige sapiens, bezogen auf die Herausforderungen der Zeit, Vorteile gegenüber allen anderen. Und natürlich haben sie sich daraus Vorteile (meist Materiell) verschafft. Das Prinzip ist, angepasst an die Zeit, bis heute intakt. Leni Riefenstahl hat nichts anderes gemacht, Furtwängler und anderen Künstlern sagt man das ebenfalls nach. Natürlich sind diese Künstler damit auch verantwortlich für die Sicherung des zutiefst rassistischen Systems ihrer Zeit. Sie haben dem System gedient, es unterstützt und stabilisiert. Trifft z. B. auch für Menschen wie Filbinger, Kurt Georg Kiesinger
    und andere, später verantwortliche Politiker in der jungen BRD, zu.Die Frage nach der Anwendbarkeit der historischen Erfahrung auf die heutige Zeit, lässt sich einigermaßen klar an der Frage – „wie stehst Du zum Rassismus“?-klären. Rassismus ist eindeutig definiert und lässt sich leicht vom Kulturalismus klar abgrenzen. Rassisten wie Nazis, Ku-Klux-Klans oder Steve Bannon mit Breitbart sind leicht zu identifizieren. Archäologen, Paläontologen und Genetiker haben längst nachgewiesen, dass wir alle unsere Wurzeln im Osten Afrikas haben. Der liberale Entwurf mit Toleranz gegenüber Andersdenkenden und fremden Kulturen grenzt sich strikt gegen den Rassismus ab.
    Diese Einsichten in glaubhafte Figuren zu gießen, zumal mit Jugendlichen, die diese Zeit allenfalls vom Hörensagen kennen, ist eine riesige Herausforderung. Viel Glück und Erfolg!

  2. Beschäftigt man sich mit den Vorlagen, die dem Vorhaben am Grips-Theater Die Welle zugrunde liegen und denkt darüber nach, wie sich wohl Schulklassen in einem solchen Experiment heute verhalten würden, dann fallen einem zwei Dinge ein.

    Das erste: die Schülerinnen und Schüler sind heute so selbstbewusst, so individualistisch, so aufgeklärt, dass sich das Ergebnis wohl nicht so leicht wiederholen ließe. Das Angebot des Lehrers: „lasst Euch durch das Einüben in Disziplin, das Zusammenstehen in der Gemeinschaft und das gemeinschaftliche Handeln verführen, mir als Eurem Leader zu folgen“, würde vielleicht unterschiedlich aufgenommen und befolgt, auf jeden Fall kritisch beantwortet werden. Und schnell käme es zu Reaktionen von außen: die heute gut über Facebook, Instagram usw. vernetzten Schülerinnen und Schüler würden ihre Erlebnisse ihren Freunden mitteilen und Stellungnahmen dazu ließen kaum lange auf sich warten. Nun überlegen wir einmal, wie diese angesichts der Fridays-for-Future-Bewegung und dem dort sichtbaren Selbstbewusstsein junger Menschen heute ausfallen würden?

    Das zweite aber: man denkt auch an aktuelle Sammlungsbewegungen junger Menschen. Es sind zwar überwiegend noch junge Männer, die sich rechtsextremen Populisten anschließen und die gewillt sind, autoritären Aufforderungen zu folgen – z.B. in der Jugendorganisation der AfD, der „Jungen Alternative für Deutschland“. Immerhin spricht die AfD im Internet Schülerinnen und Schüler direkt an und fordert sie auf, Lehrkräfte zu denunzieren.
    Es ist also keineswegs abwegig, sich auch heute mit dem Thema zu befassen, wie „sattelfest“ junge Menschen in der Abwehr von autoritären Strukturen sind, ob die beschriebenen Gruppenphänomene auch heute auftreten.

    Bravo also für Jochen Strauch und das Team des Grips-Theaters, Die Welle auf der Bühne und inmitten jugendlicher Zuschauerinnen und Zuschauer in 2020 zu realisieren und mögliche Ergebnisse auszuloten.

    Vera Birtsch
    Dezember 2019

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