Kunst kommunizieren

Making-of Oh Boy

Manche Filme sind Zeitkapseln, die ein Lebensgefühl so verdichtet und poetisch einfangen, dass man sich Jahre später die Augen reibt und wünscht, wieder eintreten zu dürfen in dieses Land vor unserer Zeit, diesen vergangenen Ort der Sehnsucht. So mühelos und leicht scheint diese Vergangenheit. 

Zeitreisen

Als Jan-Ole Gerster 2010 seinen Abschlussfilm an der Deutschen Film- und Fernsehakademie in gerade mal anderthalb Monaten nach einem eigenen Drehbuch produzierte, gelang ihm ein kleines Wunder. Der Arthouse-/Autorenfilm kam 2012 in die Kinos, und spielte, wenn ich richtig gerechnet habe, gleich im ersten Jahr mindestens das zehnfache seines Produktionsbudgets ein und wurde 2013 mit dem Deutschen Filmpreis als bester Spielfilm ausgezeichnet.

Ich hatte den Film damals verpasst und als mir der Stoff angeboten wurde, habe ich zuerst die Dramatisierung gelesen, und dann erst den Film.

Mir ist das immer wichtig dem dramatischen Material unvoreingenommen (also gerade im Fall eines Filmdrehbuchs erst einmal ohne fremde Bilder) zu begegnen und eigene Herangehensweisen, die dem Stoff entsprechen einzuladen, die Sprache innerlich zu hören, die Bewegungen des Plots nachzuvollziehen. Diese ersten Eindrücke werden konzeptionell so etwas wie der Nährboden aus dem heraus sich der Theaterabend entwickeln kann. Beim Lesen stellte sich mir viele Fragen und dann habe ich den Film geguckt und war mehr als beeindruckt von der oszillierenden Leichtigkeit, mit der Tom Schilling als Niko Fischer durch das schwarz-weiße Berlin tapst, offenbar ohne Ziel und Aufgabe, von seinem Vater mit 1000 Euro monatlich budgetiert, das Jurastudium längst abgebrochen. Und diese 24 Stunden, die wir Niko von Sonnenaufgang bis Sonnenaufgang begleiten, die lassen sich durchweg als langen Tages Reise in die Nacht überschreiben. Als mäandernder Roadtrip ohne Ziel und Aufgabe.

Guilty Pleasure Historiendrama?

Und beim ersten Lesen des Stückfassung von Klaus Krückemeyer wuchs von Seite zu Seite meine Spannung, wohin die Reise denn führen wird… Wir begegnen auf dieser Journey of our Hero teils tragischen, teils lustigen Gestalten und dieses Berlin spielt ihm nicht nur gut mit auf der Suche nach einer Tasse Kaffee. Am Set einer Fernsehschmonzette über den Zweiten Weltkrieg dient die Shoa als atmosphärische Tapete für eine Bilderbuchromanze für einen lieben Nazi, der eine Jüdin liebt und rettet, am Set werden Witze über Nazideutschland geschwungen; die Begegnung mit einer ehemaligen Mitschülerin würde für Niko viel Reflexionspotenzial anbieten, er hatte sie damals arg wegen ihrer Körperform gemobbt; seine MPU (Idiotentest!) gerät zur Farce; und sobald sein Vater versteht, dass Niko auf seine Kosten seit mehreren Jahren über den Sinn von allem nachdenkt, da endet die Pension Papa mit dem sofortigen Sperren aller Bankkarten. Und mich beschlich immer mehr das Gefühl, dass die Komödie ganz schön traurig sein könnte. Dass das titelgebenden Oh Boy auch Mannomann bedeuten kann, was ist denn hier los? Bei der Recherche zu den Konnotationen des Begriffs, der sich fast schon umgangssprachlich anfühlt, tauchte auch ein neueres Debattenbuch auf — über neue Männlichkeit*en… Was Jan-Ole Gerster wohl dazu sagen würde?

Ich schaute den Film und war bezaubert von der Poesie, mit der Gerster durch Jazz, Schwarz-Weiß und fließende Schnitte ein Lebensgefühl 2010 eingefangen hat, ein Kunstfilm. Ein bißchen Manhattan aber vollkommen eigen und originär-originell in der Erfassung eines ganz spezifischen Lebensgefühls.

Und wie bei allen Drehbüchern oder Adaptionen, die ich bisher realisiert habe, gilt es auch hier zu erarbeiten: Was wird das Besondere an dem Stoff auf der Bühne? Was braucht der Stoff, um Theater zu werden? Theater ist immer bigger than life, die intime Nähe des Close-Ups ist nur wiederum mit den Mitteln des Films (und in manchen monologischen Erzählformen) übertragbar, die unterschiedlichen Erzählgenres haben eigene Gesetze und Bedarfe.

Film & Bühne

Den Film einfach nur auf der Bühne abzubilden ist, zumindest für mich, reizlos. (Das hat mich schon in The Party beschäftigt oder auch in Misery, wo der Rückgriff auf den Roman natürlich eine andere Welt öffnet.) Und in diesem speziellen Fall bei Oh Boy ist eine mir fremde pure Abbildung des Films auch durch diese nahe aber dennoch deutlich spürbare historische Distanz nicht möglich. Zumindest für meinen Begriff von Theater nicht. Die Leichtigkeit mit der Themen von Bodyshaming, Political Correctness oder Umgang mit der deutschen Geschichte ironisiert werden, die mag 2010 humorvoll gewesen sein, fünfzehn Jahre später aber wird es zweideutig. Wir befinden uns mitten in einer Multikrise aus erstarkendem Rechtspopulismus, internationalen Krisen und Wirtschaftsschwankungen, die so ein fröhliches „Das wird man doch alles noch sagen dürfen“ leicht zu einem toxischen Narrativ machen, wie wir auch schon bei einer Wiederbegegnung mit David Mamets Oleanna erlebt haben. Es gilt theatralisch Entscheidungen zu setzen, die dem bittersüßen Humor des Films einen ebenso oszillierenden Mehrwert abgewinnen.

EINS, Mai — August 2025
Die Zeitreise entsteht

Die Themenvielfalt und die Spielfassung. Wir haben viel nachgedacht über die Fülle an Szenen die einer Revue gleich an uns vorüberrauschen, über die Bühnentauglichkeit mit sechs Spieler:innen, wovon manche sofort anschlüssig als neue Figur auftritt. Als Berliner Revue erinnert es ein wenig an Linie 1, allerdings ohne die Dichte des permanenten Raums U-Bahn, der als Sammelbecken und Transitort eine diverse Stadtgesellschaft in Bewegung hält. Stattdessen reist die Hauptfigur von Ort zu Ort und steht immer weiter staunend, ahnungslos oder festgefroren vor Situationen, die nicht gut für ihn ausgehen. Das könnte sich auch als Studie einer Depression lesen lassen…

Spätestens wenn wir das Themenfeld Nazideutschland betreten, wurde es Zeit für Entscheidungen. Ganz handfest szenische, was das Kostümbild angeht, aber auch textliche in Bezug auf die Fassung. Mit wieviel Humor wollen wir 2025 noch Junx „Heil Hitler“ blödeln hören und einen ironischen Hitler-Gruß „Hällöchen, Heil Dingsbumms“ anschauen? In einer Wirklichkeit, in der wir dauernd mit Brandmauern des Konservativen und erstarkender Rechtspolitik europaweit konfrontiert sind? Auf welche Art könnte es stattdessen wirkungsvoll sein, die Banalität des Bösen durch Verharmlosung zu zeigen… Dabei sind immer wieder einzelne Sätze für mich Schlüssel, z.B. wenn der Schnitt der Uniform als zeitlos, „das könnte man heute wieder tragen“, beschreibt…

Dann haben wir über die Fülle nachgedacht und den Fokus und das für uns heute zentrale Thema Haltungslosigkeit:
Inwieweit kriegen wir das titelgebende Oh Boy zu einem Junge, Junge! erzählt — wieviele Versäumnisse wurden gelassen durchgewunken, in den letzten Jahre und Jahrzehnten scheinbarer Sicherheit im bequemen Wohlstand bis kurz vor der Corona-Pandemie. 

ZWEI, September – Oktober 2025
Eine Ensembleerzählung

Wollen wir das als Science Fiction erzählen? Hat der ziellose Niko Fischer dann doch noch was aus sich gemacht und wurde ein berühmter Zukunftsforscher, der 2065 zurückreist? Und sich mit seinem Team (und damit wird die Geschichte zur Ensembleerzählung) ausgiebig darüber auseinandersetzt, wohin man in die Geschichte reist? Verhindert man das sowieso schon grotesk verunglückte Attentat auf den Thronfolger Ferdinand von Österreich-Ungarn 1914? Wird Baby Hitler getötet? Hiroshima verhindert? 9/11 gestoppt? Oder schauen wir uns allein die letzten 15 Jahre an, von 2010 bis 2025, wo sich soviel Unglaubliches, Unvorstellbares, Unsagbares wieder Bahn gebrochen hat? Und Niko wählt dann diese eine Nacht, als das Leben noch lustig war?

Zwar gehören die goldenen Berliner Berghain-Zeiten als man arm aber sexy war und mit 1000€ im Monat fürstlich überleben kann schon dem Reich der Märchen und Mythen an, aber man wird doch noch träumen dürfen… Also selbst der ursprüngliche Stoff hat schon ein Legenden-umwobenes Eldorado im Zentrum, wie der RBB-Bericht verdeutlicht.

DREI, November – Dezember 2025
Was wir wissen könnten

Als ich Ian McEwans neuen Roman Was wir wissen können begann, verdichtet sich in mir die Erkenntnis, warum mir diese Arbeit mit Zeitebenen bei unserem Stoff so wichtig war. McEwan fabuliert eine Zukunft nach den möglichen Katastrophen um Klima und autokratischem Größenwahn. 2119 leben die Menschen in einer größtenteils überfluteten und eher rückwärts entwickelten Welt, KI ist staatlich kontrolliert und die Geisteswissenschaften nehmen sich ausführlich Zeit die Welt zwischen 2010 und 2030 literarisch zu analysieren. Auf der Suche nach einem mythologisch aufgeheizten Sonnettenreigen reist unser Erzähler sogar hochgefährlich in das Archipel der ehemaligen schottischen Highland nach Ardnarmurchan, wo das Haus der berühmten (Klima-)Dichters gestanden haben soll. Statt des Œuvres findet er etwas vollkommen anderes und eine weitere Bedeutungsebene des Titels und Romans, was wir eigentlich überhaupt über die Vergangenheit wissen können, eröffnet sich.

Die nostalgische Rückschau zu dieser Zeit der Idioten (also uns), die älter als 62 werden (wegen der 2025 noch nicht radioaktiv verseuchten Luft) und viel bessere Lebensmittel zur Verfügung haben, die bekräftigte meine Konzeption, dass unsere Rückschau nach 2010 bereits historisch ist, naheste Vergangenheit kann dazu neigen allzu vertraut vorzukommen – doch was übersehen wir, bei dieser süßen Nostalgie?

Muttidämmerung oder: Angie und wir

Warum entspannen wir uns, wenn Angela Merkel eine Bühne betritt? Auch ich bemerke in mir exakt den Effekt, den Konstantin von Hammerstein im SPIEGEL 46/2025 analysierte: Merkel stehe (fast schon verehrt wie eine deutsche Queen Mum) für all das, was wir an ihrem Nachfolger Merz vermissen. Und das ist natürlich genau das, was wir überhaupt aktuell weltpolitisch vermissen.

»Diese Idee, wenn man einen Schuldigen oder eine Schuldige gefunden hat, wird von allein die Zukunft besser, die ist natürlich auch nicht richtig. Und deshalb könnte ich sagen – dann werden Sie wieder sagen: Das ist lax –, aber da könnte ich sagen: Wenn’s hilft, dann war ich eben auch schuld. Aber das beschreibt die Dinge nicht ausreichend.« AM 10 Jahre später im Interview mit Markus Feldenkirchen.

Das Moderate, das Vernünftige, das Vertrauenswürdige, Empathische, das Verbindende. Während Merz und eine Menge noch viel düstere Gestalten jeglichen Geschlechts (und sehr viel weniger ausgleichend als Merz ins Populistische, Autokratische, Faschistiche neigend) national und international patriarchal-nationalistisch polternd polarisieren, spalten und ausgrenzen, verkörpere Merkel das Gegenteil. Es sei ihr Ton, den viele inzwischen vermissen, nicht ihre Politik. Und so ist ein erschöpftes Oh Boy vielleicht auch genau der passende Ausdruck, den wir den sorglosen Figuren des Großstadtmärchens von 2010 entgegenbringen können: Was waren das für entspannte Zeiten, als wir naiv die Ressourcen verplempernd einfach auf der Suche nach uns selbst Berlin bevölkern konnten.

Der Journalist Anas Modamani nahm 2015 das berühmte Selfie auf (Foto © picture alliance / Associated Press / Ebrahim Noroozi) und sagt 2025 im Deutschlandfunk Kultur „Deutschland ist nicht mehr wie damals.“

Die Bauprobe, 9. Dezember 2025

Julia Plickats Raumentwurf, unser Holodeck, auf dem diese Phantasie einer Nacht 2010 heraufbeschworen wird.

VIER
Probenstart Januar 2026

Schon beim Einstieg in die szenische Arbeit bemerken wir die Finessen des Übertrags vom Film auf die Bühne. Geschrieben für leise fast improvisative Begegnungen voller Close-Ups muss nun der Sprung in die dramatische Szene erfunden werden.

Proben im Tageslicht! Auf der Probebühne im Theater Paderborn. Jörg Wockenfuß beginnt die ersten Motive zu erarbeiten, die aus kollektivem Gedächtnis für nostalgische Berlin-Erinnerungen gespeist sind.

Nach der Konzeptionsprobe mit dem Haus und dem ersten gemeinsamen Lesen am 21. Januar starten wir abends musikalisch ins Stück. In die erste Szene…
Die Ensembleerzählung wird mit Leben gefüllt!

FÜNF
Februar 2026

Unsere Annahmen werden an der Realität überprüft: Wann sperrt sich der filmische Realismus für die Bühne? Was fordert der große Raum und die permanente Livepräsenz vom Stoff ein?

SECHS 
März 2026

Wir sind einmal durch’s Stück durch, die Arbeit an den Szenen hat immer wieder Ideen gebraucht, um die schöne Poesie der filmischen Nähe in den Raum zu übertragen. Ab heute geht es darum es aus dem kleinen Raum der Probebühne auf die Große Bühne zu übertragen. 

Songs, die diese starke, traumhaft schöne musikalische Jazz-Ebene des Films in unsere Theaterrealität übertragen sind einstudiert und laden zur kollektiven Erinnerung in eine verwehte Phantasie vom „Eldorado“ Berlin ein.

Auf der Bühne

Jetzt wird es sich zeigen, ob unsere ganzen Ideen und Lesarten, wie wir Szene für Szene vorbereitet haben, im großen Raum und im großen Bogen behaupten. Ein Stationendrama ist immer räumlich herausfordernd: Was bebildern wir? Wieviel muss gezeigt werden, was regt unsere Phantasie an? Was ist im tieferen Sinne in einer Szene enthalten, was muss schnell drüber weggespielt werden?

Vor der AmA, einmal alles durch beleuchtet.

Gedanken zu Handeln und Nichtstun

Während der Endproben betrachte ich Niko immer wieder mit derselben Frage im Kopf: Warum handelt er nicht? Von alltäglichen Problemen getrieben begegnet er kontinuierlich Menschen und interessiert sich am Ende scheinbar nur für sich und seine Bedürfnisse. Es ist kein Tag wie jeder andere. Im Prinzip hat sein Tag noch nicht richtig begonnen, immerhin bleibt Niko bis zum Schluss auf der Suche nach einem Kaffee – für unsere Leistungsgesellschaft ist es die Droge schlechthin. Würde Niko mehr leisten oder anders handeln, wenn er in den Tag mit einem Kaffee gestartet wäre? Wir werden es wohl nie erfahren und uns die Antwort nur ausmalen können. Nichtsdestotrotz bleibt die relevante Frage, warum Niko nicht handelt. Eine Frage, die uns heute, wenn wir auf Niko blicken, auch noch 14 Jahre nach dem Erscheinen des Films beschäftigt. Warum handeln wir nicht, obwohl es in dieser Welt genug Gründe gibt?

Der von Corinna M. Flick herausgegebene Sammelband Tun oder Nichttun (2015) macht deutlich, dass Nichthandeln auf zwei grundsätzlich unterschiedliche Weisen verstanden werden kann. Kai A. Konrad zeigt dort in seinem Beitrag, dass Nichthandeln sowohl als individuelle als auch kollektive Praxis verstanden werden kann. Was Passivität auf kollektiver Ebene bedeutet, wird wiederum in Stefan Korioths Beitrag sichtbar: Er beschreibt unterschiedliche Beweggründe für ein potenzielles Unterlassen auf institutioneller Ebene und spricht sich (auf die Gesetzgebung rekurrierend) für umfangreiche Reformen statt Aktionismus aus. Dieser nehme sich keine Zeit für Entschleunigung, die beispielsweise für wirkliche Kehrtwenden hinsichtlich des Klimawandels – wie sie etwa der Club of Rome formuliert – notwendig wären. Auf individueller Ebene, hebt Korioth die Technologisierung unserer Welt hervor, die Menschen ohnehin zu Zuschauenden macht, wodurch sie seltener ins Handeln geraten, da sich Individuen zunehmend auf die Kontrolle von automatisierten Prozessen beschränken, so seine These.

Ist Niko also nur ein Stein im geschäftigen Getriebe unserer Welt? Oder steht sein Nichthandeln etwa symptomatisch für eine von digitalen Bildern hypnotisierte Gesellschaft? Neben diesen tendenziös negativen Deutungen kann sein Nichthandeln – im Sinne Bartlebys – allerdings auch als eine bewusste Entscheidung gegen das Handeln verstanden werden. Eine Entscheidung für etwas anderes. Oberflächliches Nichthandeln weist nicht eindeutig auf absoluten Stillstand hin. Wir können davon auszugehen, dass auch im Nichthandeln eine Form von Handlung steckt. Hannah Arendt schließt ihr Buch ‚vom tätigen Leben‘, ergo Vita activa (1967), mit folgendem Zitat von Cato ab: „Niemals ist man tätiger, als wenn man dem äußeren Anschein nach nichts tut, niemals ist man weniger allein, als wenn man in der Einsamkeit mit sich allein ist.“ (Arendt 2002: 415) — Marcel Kieslich, 10. März 2026

13. März 2026 Die Uraufführung …

… war ein großer Spaß!

Werktreue: Endlich Theater in Schwarzweiß! Alexander Wadouh, Yours Truly, Klaus Krückemeyer, Julia Plickat, Jan-Ole Gerster am Abend der UA in Paderborn.

Mehr dazu in der Dokumentation.

Aus dem Programmheft:
Der anamnestische Rausch

Den Flanierenden leitet die Straße in eine entschwundene Zeit. Ihm ist eine jede abschüssig. Sie führt hinab, wenn nicht zu den Müttern, so doch in eine Vergangenheit, die um so bannender sein kann als sie nicht seine eigene, private ist. Dennoch bleibt sie immer Zeit einer Kindheit. Warum aber die seines gelebten Lebens? Im Asphalt, über den er hingeht, wecken seine Schritte eine erstaunliche Resonanz. Das Gaslicht, das auf die Fliesen herunterstrahlt, wirft ein zweideutiges Licht auf diesen doppelten Boden.

Ein Rausch kommt über den, der lange ohne Ziel durch Straßen marschierte. Das Gehen gewinnt mit jedem Schritte wachsende Gewalt; immer geringer werden die Verführungen der Läden, der Bistros [sic!], der lächelnden Frauen, immer unwiderstehlicher der Magnetismus der nächsten Straßenecke, einer fernen Masse Laubes, eines Straßennamens. Dann kommt der Hunger. Er will nichts von den hundert Möglichkeiten, ihn zu stillen, wissen. Wie ein asketisches Tier streicht er durch unbekannte Viertel, bis er in tiefster Erschöpfung auf seinem Zimmer, das ihn befremdet, kalt zu sich einläßt, zusammensinkt.

Quelle: Benjamin, Walter (1991): Gesammelte Schriften (Band V, Teil 1). Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, S. 524-525.

 

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