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Oleanna #metoo, Notizen

Das Theater ist ein trickreicher Ort. Wir sagen oft, dass wir lieber Fragen stellen als Antworten geben. Dass Theater nicht Sozialarbeit ist. Wir fragen uns, ob wir die Welt verändern können. Wir glauben an die Kraft der kritischen Reflektion. An die aufklärerische Relevanz der Spiegelfunktion. An den uralten Mechanismus der Katharsis, an Schuld und Mitgefühl.

Manchmal gibt es einen Stoff, da wünschen wir uns Antworten. Da reicht die Frage nicht mehr aus, weil die Frage den Spiegel zersplittern lässt. Mir war es nicht klar, dass „Oleanna“ so ein Stoff ist. Dass die Frage im Stück vergiftet ist. Und dass der Zeitpunkt, wann wir die Frage stellen, alles entscheidend ist. Dabei scheint alles so eindeutig.

Es gibt Monster. Männer, die aus der Sicherheit ihrer gut eingeschmierten, Jahrzehnte alten Seilschaften, glauben, dass sie mit allem davon kommen. Einige sind brutaler als andere. Wedel und Weinstein sind eindeutig durch den Katalog der Gesetzgebung zu betrachten und zu verarbeiten. Andere Fälle sind komplexer. Kevin Spacey. Kein Vorwurf war mehr juristisch relevant. Benny Frederikson ist tot und kein Fall schafft es auch nur zu einer juristiziablen Anhörung, die Beweise fehlen. Manche Gewalt ist eindeutig und kriminell wie eine Vergewaltigung, andere Formen von Machtmissbrauch passieren im Verborgenen. Ausgebrannte Alphamänner agieren sich im Glauben an ihre Unantastbarkeit aus.

Während wir in Rostock im Januar 2020 die Proben an David Mamets Well-made-Play von 1992 beginnen, startet der Prozess gegen Harvey Weinstein. Im Verlauf der Proben wird er auch zum Ende kommen – am 11. März 2020 wird Harvey Weinstein wegen Vergewaltigung und sexueller Nötigung zu 23 Jahren Gefängnis verurteilt. Die Kulturbewegung #metoo war das stärkste Argument von Weinsteins Anwältin Donna Rotunno, um ihren Klienten als schutzloses Opfer zu inszenieren und die Frauen als hysterische Erinnyen von zweifelhafter Moral zu verleumden. Als wir mit Mamet beginnen, sind wir ganz klar, was wir wollen: Ein deutliches Statement zum Thema #metoo. Zugleich ein Theaterrätsel, das die Zuschauenden selber lösen müssen. „You come as couple, you leave Single“ versprach das Broadway-Marketing 1992. Männer gegen Frauen. Das Ungeheuerliche wird nie zu sehen sein auf der Bühne.

Und damit beginnt die Herausforderung, denn beim Arbeiten entpuppt sich der Stoff als viel weniger eindeutig, als wir es uns wünschen. Unser heutiger Blick, unsere Haltung ist 30 Jahre später geschärft und „Oleanna“ ist definitiv nicht „Bombshell“.

Was passiert sichtbar auf der Bühne in „Oleanna“ – eine möglichst sachliche Annäherung an den Plot: Eine Studentin wird zum Professor einbestellt, er hat wenig Zeit, steht kurz vor der Festanstellung und ist erschöpft vor lauter privater Aufgaben im Zusammenhang mit der festen Professur; ihre Arbeit ist nicht gut, ihre Formulierungen unbeholfen. Sie versteht seine Sprache nicht, sie kommt aus einer anderen sozialen Schicht. Er identifiziert sich scheinbar mit ihr, bietet Nachhilfe an und schlägt ihr einen Deal vor, sie kommt öfters, die Arbeit kann vergessen werden. Im zweiten Akt versteht die Studentin, dass nichts davon in Ordnung war. Sie hat in bei seiner Berufungskomission angezeigt. Er hindert sie zu gehen. Im dritten Akt ist die Situation eskaliert. Sie trifft ihn ein letztes Mal auf seine Bitte hin, die Begegnung entgleist, sie will sein Buch verbieten lassen und er versteht, dass sie sein Verhalten als Vergewaltigung gemeldet hat. Mamet selber hat ein Spiegelkabinett geschrieben, das es uns schwer macht, die Figuren zu mögen: Wer hat recht? Wer lügt? Eindeutig? Wer mißbraucht die Macht?

In seiner MasterClass von 2017 hat David Mamet im Kapitel „Lies & Truth“ dann auch noch scheinbar eindeutig Stellung bezogen, das Drama mit den Zumutungen der aufkommenden Political Correctness („Nonsense“) in Verbindung gesetzt und die Studentin als verblendet von Radikalisierung durch ihre feministische Gruppe beschrieben. Damit wäre „Oleanna“ und sein East Coast Campus fast ein Schlüsseldrama für die Populismusbewegung, die Identitätspolitik als Beginn der politischen Entfremdung betrachten, vgl. Francis Fukuyamas „Identity“. Nur – je länger man liest und bearbeitet, um so weniger kann man es glauben, dass Mamet Political Correctness albern findet: Er gibt gerade Carol hervorragende Argumente im Kampf gegen privilegierte Machtmänner und deren Glauben an ihre privilegierte Unantastbarkeit.

Anna Gesewsky als Carol

Beim Arbeiten entpuppt sich das Well-made-Play allerdings als viel ungeeigneter für eine Abrechnung mit Privilegien und patriarchaler Vorherrschaft im Geist der #metoo-Bewegung, denn: sobald wir Eindeutigkeiten ausprobieren, wird der Stoff flach. Ein alternder Busengrapscher und eine junge Feministin, das ergibt keine Lesart, die einen Abend spannend machen. Die Ungeheuerlichkeiten des „paternalen Prärogativs“ müssen mit dem Kampfgeist einer „jungen Anwältin“ Funken schlagen. Aber es wird immer wieder schwierig, wenn es um die „Interpretation“ des Einsatz des Begriffs Vergewaltigung geht. Macht er einen sexuellen Übertritt ist der Konflikt ein juristischer und er ist im brutal im Unrecht.

Im Zwielicht I

Macht er gar keinen Übertritt, sehen wir keinen Machtmissbrauch, wird die Frau in voller Bewusstheit und mit Absicht des Rufmords schuldig. Dann nutzt sie mit dem Wort „Vergewaltigung“ einen Begriff für ein juristisch zu ahnendes Verbrechen, um selber Macht zu ergreifen. Ein vergifteter Konflikt.

Ulrich K. Müller als John

Wie weit gehen wir mit einer Lesart, die einen Mann in voller Bewusstheit seiner Unantastbarkeit zeigt? Einen ausgebrannten Zyniker, der nur vorgibt, an Lehre und freien Meinungsaustausch interessiert zu sein? Wie weit gehen wir mit einem Versuchsaufbau, der tatsächlich den Ausgang des erzählerischen Experiments in der Balance hält?

Im Zwielicht II

Die komplexe Mechanik des Stücks ist gleichzeitig der größte Reiz daran und ein weiteres Stereotyp unserer Arbeit wird zum Gegenspieler. Wie oft sagen wir: Die Figur muss ihrem Recht kommen. Wenn aber beide Figuren Recht haben, wo liegt das Unrecht? Wir wollen den Entscheidungsprozess ins Publikum übergeben, eine Versuchsanordnung herstellen, die eine Situation erzeugt ähnlich dem erzählerischen Rahmen in Ferdinand von Schirachs „Terror“.

Reist nach Rostock. Stimmt mit ab:
Wer hat … „Recht“?

Bühne & Kostüme: Sigi Colpe
Musik: Öz Kaveller
Fotos: Dorit Gätjen

„Oh to be in Oleanna, that’s where I’d like to be, than be bound in Norway, and drag the chains of slavery“ – Ostküste/Bauhaus

Theater in Zeiten von Corona

Premiere am 14. März – abgesagt, weitere Termine waren geplant am 25., 26. März, am 4., 18. April und am 6., 7. Mai 2020 im Volkstheater Rostock. Das Theater nimmt den Spielbetrieb wieder auf zum 14. April voraussichtlich. Schreibt mir Eure Meinung zu diesen Notizen und Gedanken zu David Mamets Stück gern unten in den Kommentaren!

Update, Juni 2020

Wie wir alle erlebt haben, wurde der Shutdown drastischer als gedacht… Let’s hope for autumn!

Update, September 2020

Am 24. September ist endlich „Premiere“ – während ich in Graz und Berlin arbeite, laufen Wiederaufnahmeproben unserer Produktion und ich bin in Gedanken dabei!

5 Kommentare

  1. Vera Birtsch

    Das Stück jetzt anzusehen, wäre interessant. Aber leider muß man bis zum 14.4. warten – hoffentlich.
    Und doch, ohne es gesehen zu haben: aus der Kommunikationswissenschaft wissen wir, dass es eigentlich keine ‚Wahrheiten‘ im sozialen Geschehen gibt. Auch nicht, wenn jemand einen anderen schlägt und der eine Wunde davon trägt, auch dann nicht, wenn wir erfahren, was vorher geschah.
    Stattdessen gibt es Sicht- und Erlebnisweisen, unterschiedliche Perspektiven also auf zwischenmenschliche Interaktion. Das macht es wohl schwer, sich bei der Inszenierung ‚Oleanna‘ für die eine oder andere Seite zu entscheiden. Und außerdem: zwischen einer offensichtlichen ‚Vergewaltigung‘ und einer offensichtlichen ‚Lüge‘ liegen viele Möglichkeiten sozialen Geschehens. Das macht es noch schwerer, eine Aussage zur ‚Schuld‘ zu treffen. Auch dann, wenn man auf der Seite der Frauen steht.

  2. „Und so werden alte weiße Männer – vielleicht zum ersten Mal überhaupt – einem pauschalisierenden Typus zugeordnet: privilegiert, seine Privilegien nicht hinterfragend, feministische und antirassistische Positionen ablehnend.“- Kübra Gümüsay, Sprache und Sein
    https://kubragumusay.com
    http://eedenhamburg.de

  3. Anna Gesewsky

    Theater ist nicht Sozialarbeit. Theater muss kontrovers sein und unbequeme Fragen stellen.
    Theater muss sich in bestimmten Fragen oder Themen auch positionieren.
    Je nach Textvorlage und Inhalt ist es oft notwendig, Haltung zu beziehen, sonst will man nichts, spult ab.

    Oleana ist schwierig.
    Wir haben uns daran abgearbeitet. (Ich spiele Carol.) Es ist wahr, dass Jochen sagt, manchmal lässt die Frage den Spiegel zersplittern. Die Frage nach Schuld und Unschuld, nach moralischem Recht lässt die reine Textvorlage schon nur schwer beantworten. Wobei diese deutlicher den Professor als Opfer seiner etwas unbedachten Art und einer wütenden Studentin darstellt, die ihm aus Rache sein Leben ruiniert.
    Daher ist die Herausforderung hier besonders groß, zu erspielen und zu entwickeln, was wir zwischen den Zeilen erspielen wollen. In diesem brisanten Thema ist ein inhaltliches Abarbeiten unumgänglich und es war gut und sicher springend wichtig, dass wir immer wieder diskutiert und veschiedene Möglichkeiten probiert haben.
    Ein Vergewaltigungsvorwurf ohne erzählte Vergewaltigung ist ein no go, eine Manipulation und bedient die Mär der angeblich gefährlichen FeministInnen, die ihre Macht der Definition nutzen, um Männer zu entwürdigen.

    Wie weit kann Theater gehen, soll es hier erziehungsartig Brechtsch politisch „korrekt“ bleiben, oder wäre die Darstellung einer Frau, die über das Ziel hinaus schiesst und sich dessen skrupellos zeigt, wurde ihr und „ihrer Gruppe“ doch jahrelang Unzumutbares zugemutet, sogar spannender und kontroverser zu spielen sein?

    Die metoo anprangernde Regel ist die jedoch u.a. die weltweit verbreitete Normalität von Vergewaltigung. So wäre es doch ein politisch gesehen konservativer Irrsinn, John als Opfer zu zeigen und Carol als Täterin.

    Wir drehen und wenden im Prozess das Blatt. Klar wird uns: Welch falscher Fokus das doch wäre, eine „Anti Mee too“ Version zu zeigen, Carol als Biest und John als Opfer.

    In diesem Spiel hängt die Interpretation so massgeblich davon ab, wie sich beide Figuren verhalten. Ist doch gerade ein Machtverhältnis, um das es hier geht, körpersprachlich definiert, der Text lässt viel zu, was unsere Haltung dazu zwingend erfordert.

    Nun ist es besonders komisch durch Corona nur ein Testpublikum erlebt zu haben, denn Theater ist für die, die sehen. Und ich bin gespannt, was Sie sehen werden. Sehr gespannt.

  4. Karen ist eine Zuschreibung für Leute, die an Zuschreibungen nicht gewöhnt sind. …

    Oder die New Yorker Karen Amy Cooper, die die Polizei rief, weil ein schwarzer Mann im Park Vögel beobachtete und sie bat, ihren Hund anzuleinen. Dabei erwähnte sie seine Hautfarbe explizit.

    Nicht nur mit dem letzten Beispiel steht „Karen“ für weiße Frauen, die ihre eigene Verletzbarkeit (vornehmlich durch Männer) als Waffe gegen schwarze Mitmenschen verwenden und damit Macht ausüben, die den anderen unter Umständen das Leben kosten kann. Es ist nicht mehr witzig, wenn aus „Ich will mit dem Manager sprechen, weil mein Frappuccino nicht schaumig genug ist“ wird: „Ich rufe die Polizei und tue so, als würde ein Schwarzer mich bedrohen.“ Inklusive Wimmern und Schreien. Es ist zumindest nicht mehr witzig in einem Land, in dem Polizeigewalt vor allem gegenüber schwarzen Männern ein erhebliches Problem ist. Weiße Weiblichkeit wurde historisch und wird heute noch als Waffe vor allem gegen schwarze Männer verwendet – sei es von Politikern, die sich als Verteidiger der weißen Frau gegen den schwarzen Mann stilisieren (in Deutschland: gegen Flüchtlinge und Migranten), oder von Frauen selbst. Die Vergewaltigung der weißen Frau durch den Schwarzen ist dabei oft impliziert und ein Werkzeug für rassistisch gefärbten Terror gegen Schwarze. „Wir machen White Supremacy gern zu einer testosterongeladenen Angelegenheit, aber es ist genauso wahrscheinlich, dass sie hohe Schuhe trägt anstatt einer Klanhaube“, schreibt Charles M. Blow in der New York Times.“

    Annika Brockschmidts Analyse über weiße Privilegien und das Klischee der weißen, auf ihre Privilegiertheit pochenden Frau, Karen, in der ZEIT, lesenswert! „Oleanna“ muss im heute gedacht werden.

  5. „Eine Meinungsstudie des Thinktanks More in Common von 2018 zeigt, dass die große Mehrheit aller Amerikaner (82 Prozent) – auch der Schwarzen – glaubt, Political Correctness sei »zu weit gegangen«. Die Ausnahme sind die »progressiven Aktivisten«, die nur acht Prozent der Bevölkerung stellen. Eher weiß, gebildet und wohlhabend, fechten sie für Diversität und Sprachkontrolle. Der Rassismus trage die Hauptschuld am Schicksal der Minderheiten.“ schreibt Josef Joffe in seinem großen Artikel Die Feinde des Liberalismus, DIE ZEIT 31/2020

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