Theater machen

Der Talisman

Der Talisman

nach Johann Nepomuk Nestroy
Premiere: 21.05.2008
Theater Kanton Zürich

Nicht primär die Kleider, sondern die Haare machen im Lustspiel von Johann Nestroy die Leute. Die Figuren in seinem „Talisman“ (Uraufführung: 1840 im Theater an der Wien)sind vom Ehrgeiz zerfressen und von Vorurteilen getrieben. Wer nach oben will, muss blond sein, oder zumindest schwarzes Haar tragen. Und so wird die Perücke, die der rothaarige Titus Feuerfuchs (Silvio Caha) von einem Friseur – gespielt vom durchtrieben tänzelnden, prall gestopften Antonio da Silva – als Dank für dessen Rettung geschenkt bekommt, zum gesellschaftlichen Türöffner. Die frische Handschrift des 37-jährigen Gastregisseurs Jochen Strauch bekommt dem eingespielten Team des Theater Kanton Zürich gut. Das Ensemble vermag Nestroys Klassiker über gut zwei Stunden hinweg in der Schwebe zwischen Innovation und Tradition zu halten.

Zum Beispiel im Umgang mit der Sprache: Da scheinen die Spielenden die österreichischen Dialekteinschübe sichtlich zu genießen. Sie formulieren sie textgetreu aus, bleiben jedoch vom Rhythmus und der Intonation her über weite Strecken bei einer schlichten, unaufgeregten Sprache. Das ergibt eine anregende Mischform, die modernen Hörgewohnheiten entgegenkommt und den Text wirksam entschlackt, ohne ihm dabei seine Eigentümlichkeit zu nehmen.

Tages-Anzeiger Zürich, 26.05.2008

Sie sehen urkomisch aus, diese sieben Gestalten in der hautfarbenen Unterwäsche, die ihre Hüft-, Brust- und sonstige Polster zurechtrücken und letzte Schritte üben. Mit einem Schlag wird es hell auf der Bühne, aus den Lautsprechern dringt laute Ballmusik. „3, 2, 1“, rufen die Schauspieler und beginnen alle gleichzeitig sich anzuziehen. Mit diesem fulminanten Auftakt beginnt die diesjährige Freilichtproduktion des Theaters Kanton Zürich. […]
Gespielt wird Johann Nestroys „Der Talisman“ –
und die temporeiche Inszenierung des deutschen Regisseurs Jochen Strauch beweist, dass das 1840 uraufgeführte Lustspiel kein bisschen verstaubt ist.

Der Regisseur lässt die Schauspieler Nestroys originalen Wiener Dialekt sprechen – was zunächst etwas gekünstelt wirkt, mit der Zeit jedoch überzeugt. Denn „Der Talisman“ lebt (auch) von der Sprache, die auf spielerische Weise eingesetzt wird. So verbietet sich der rothaarige Titus „alle Verwitzboldungen und Zielscheibereien“, und er empört sich über eine „herablassende Wimpernflimmerung“. Sätze wie „Der Mensch denkt und die Perückn lenkt“ bringen das Publikum ebenso zum Lachen wie die Szene, in der sich Gärtnerin und Kammerfrau in bester Stummfilm-Manier um den nun schwarzhaarigen Titus streiten. Kurz: es bleibt zu hoffen, dass der kurzweiligen Produktion des Theaters Kanton Zürich manch lauer Sommerabend vergönnt ist.

Neue Zürcher Zeitung, 26.05.2008
Jochen Strauch inszeniert Johann Nestroys „Der Talisman“ ungewohnt modern – Die Komödie thematisiert, wie Menschen wegen ihres Aussehens ausgegrenzt werden […]
Jochen Strauch hat keine Gelegenheit ausgelassen, sein funkelndes Ideenfeuerwerk zu zünden: seine mit Witz und Slapstick durchzogene Inszenierung bietet ungemein viel Vergnügen, sorgt für reichlich Spannung und Tempo bis zum Schluss.

Zürcher Landzeitung, 23.05.2008
Gelungene Première mit Witz und schwarzen Locken – Haarig ging es zu bei der Première von Nestroys „Talisman“ unter der Regie von Jochen Strauch […]

Nestroys Werk lebt von Wortwitz, ulkigen Zufällen und unwahrscheinlichen Übertreibungen. Die köstliche Mischung aus komischen Situationen und dem Offenbaren menschlicher Unzulänglichkeiten begeistert […] Ausdrucksstark und mit viel Gespür für die feinen Nuancen in Nestroys Lustspiel […] Minutenlanger Applaus war der Lohn für die gelungene Première […]

Schaffhauser Nachrichten, 23.05.2008
[Jochen Strauchs] „Talisman“ beginnt schon mit einer sprechenden (aber vorzüglich stummen) Szene vor dem eigentlichen Spiel. Sieben Komödianten warten auf ihren Auftritt, sie strecken, dehnen sich, machen sich warm auf das, was kommt. Noch trägt kein Mensch Kleider, zu sehen ist nur Unterbau: fleischfarbene Polsterungen an Schultern, Hüften, Hintern (die Männer tragen Cul de Paris an den Waden). Sieben Perücken liegen bereit, sie werden später über das Schicksal bestimmen: Wer sie aufsetzt, wird ein anderer.

Dann Zirkusmusik. Lichtwechsel. Allez hop! Das Fest beginnt. Schon jetzt zum Anfang: die weite Welt ist da. Sie ist grosses Theater. […] und irgendwie hat man hier schon ein bisschen die zukünftigen Möglichkeiten dieses Theaters gesehen.

Der Landbote, 23.05.2008

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