Nachdenken

Ganz großes Kaleidoskop

Es brauchte zwei Anläufe bis ich drin war. Zuerst nervte mich der Hype. Dann stieß mich die Form ab. Der Absturz, der Katastrophenporno, den ich erwartete. Und der sich in den ersten Kapiteln um „Das Leben des Vernon Subutex“ unwillkürlich einstellte, der Abwärtssog. Ich legte es mehrfach beiseite. Und auf einmal rastete es ein. Ich kapierte das Kaleidoskop und spürte: Das ist meine, das ist unsere Sehnsucht – obwohl die Splitter disparat sind, hält etwas im Zentrum sie zusammen. Komplexere oder schlichtere Gemüter (je nach Blickwinkel) haben das wahrscheinlich schon beim Titel kapiert, ich brauchte. Zeit und Raum, um den Rausch entfalten zu können. Zu verstehen, dass Vernon das Epizentrum dieses Höllentrips wird, der maximal viele globale Bewegungen und Gedankenwelten nebeneinander anschauen lässt. Zu spüren, dass da ein tiefer Humanismus hinter der Ausleuchtung von Dreck, Rassismus und Elend steckt. Nach Jahren amerikanischer Literatur bin ich also wieder in Europa angekommen. Die großen Romane, also die Serien vor Netflix, nehmen in mir Raum, die Figuren werden Freund*innen oder Antagonisten und eine Welt(Sicht) öffnet den Blick über das eigene Selbst hinaus.

Das Prinzip

Ich war geschockt. Von den unsympathischen Typen und nervigen Tussen. Vom Absturz und der Ausweglosigkeit, von der Beiläufigkeit wie sich uns vertraute Leben zerlegen. Von der brutal-rechtsgewandten Innenwelten einzelner Charaktere und der Lust am Abgrund, die mir aus vielen Gedanken entgegen schreien, aber dann auch fasziniert von der simplen, fast theatralen Drastik, wie der subjektive Blick immer wieder von neuem eine grade erst für real genommene Behauptung einer Figur einreißt. Wenn zum Beispiel Sylvie glaubt, es läuft super mit Vernon, sie ihre romantischen Gefühle ausbreitet und in ihren Phantasien schwelgt, wie das Leben mit ihm weitergehen kann und das Kaleidoskop weiterdreht, die Erzählung ein Kapitel weiterfließt und Vernonen uns in seine Wahrnehmung mitnimmt, wie sehr ihn Sylvies Gefühlsausbrüche überraschen und überfordern, wie brachial gewaltvoll er sie und ihre Bedürftigkeit erlebt und dass er das nicht mehr lange aushält, das war so ein Einrastmoment. Virginie Despentes hält sich nicht lang mit Erklärungen auf. Sie zeigt. Ohne große Rücksicht auf unsere politisch-korrekten zarteren Gefühle. Da steht dann in diesem endlosen Reigen dann ein Rassist neben einem linksgerichteten Proletarier, die Pornoqueen neben dem Trans*King und alle haben eine mehr oder weniger politische Innenwelt. Ähnlich im Plotting, Achtung SPOILER: Céleste trifft den Mann mit dem Wolftatoo in einer Kneipe, wir sind nah an ihr dran, sie ist sich sicher, das sie sich keiner Gefahr aussetzt, dass sie die Situation im Griff hat. Ein Kapitel weiter. Max, der Mann, der das Wolfstatoo wollte, beschreibt die Falle und wie leichtsinnig Céleste hineingetappt ist, die blutend und geschunden in einem Kellerverlies vor sich hin vegetiert. Man spürt Despentes’ dramatische Erfahrung. Kein Wunder, dass das auf die Bühne will! Anders als bei Monsieur Houellebecq kommt es zudem nicht einseitig rechts, zwielichtig intellektuell funkelnd zwar, aber immer wieder auch abstoßend, Dirty-Old-Fucker-rechts-ist-wirklich-rechts rüber, sondern bleibt schillernd – und dreht sich von Band zu Band immer weiter. Wird eine große Utopie, die mir die Zeit extrem versüßt, wie das raue neben dem poetischen entsteht. Wenn dann im dritten Band die Versammlungen auf der Place République erzählt werden, wenn der rechte Xavier seine Sicht formuliert in einem Gespräch mit dem prügelnden Patrice („Warum nimmt nicht Saudi Arabien sie auf … das wäre auch weit weniger weg von zu Hause, oder? Ich begreife ja, dass sie Muslime bleiben wollen. (…) Sag mir nicht, dass es hier mehr Arbeit gibt – sie wissen so gut wie Du und ich, dass es hier keine gibt. Dafür gibt es weniger Hinrichtungen, dass sehe ich ein.“), dann wird das abgelöst und somit auch gebunden vom ultralinken epischen Monolog der Riesin Olga(„Allerwerteste Frau Gräfin, wenn Sie das Recht haben, islamophob zu sein, was meinen Sie, wie lange Sie den anderen verbieten können, antisemitisch zu sein und es ohne Scham auszusprechen, (…) zu denken, man muss die Schwuchteln ausrotten, zu denken, der Platz der Frau ist am Herd und man muss sie bestrafen, wenn sie ausgeht (…) Wofür schämt ihr Euch überhaupt noch in eurem Palast? (…) Weder für Steuerflucht noch für Korruption oder Ausweisungen, weder für baufällige Schulen noch für kaputte Krankenhäuser (…) oder Langzeitarbeitsigkeit.“), der Obdachlosen, die zur Sprache gefunden hat.

Phänomenal übersetzt von Claudia Steinitz! By the way und vor allem #namethetranslator

Gott ist ein DJ

Wenn DIE ZEIT die Bandenbildung hervorhebt, dann ist das sicherlich der spannendste Aspekt im Übergang von Volume 1 auf 2, die ans asoziale grenzenden, brutalen Splitter der Innenwelten einzelner Personen rücken zum Kaleidoskop mit Vernon als passiv-erotischem Zentrum in der Mitte. Eine Gruppe entsteht und Vernon als Messias hält entspannt lächelnd und ohne viel Text die ganzen Menschen und Monologe zusammen. Um ihn herum und unterstützt vom endlosen Soundtracks seiner Convergences finden die Gegensätze in einer Art zueinander, wie wir es in der aktuellen Politik schmerzlich vermissen.

Lieblingsfiguren

Als ob die Portraits von Nan Goldin begonnen hätten, ihre Geschichten zu erzählen. Der Blogpost ist in Progress, schreibt mich um, ergänzt Positionen, beschreibt Eure Lieblingsfiguren. Bildet Banden!

Meine Favoritin ist: Die Hyäne. Eine Frau irgendwo Mitte vierzig, eine düstere Lesbe, elegant, ich stelle sie mir wie eine Mischung aus Charlotte Rampling und Fanny Ardant in den 70ern vor, mit einem Schuss Lisbeth Salander. Ein Internettroll mit Herz, eine Hackerin ohne Skrupel, die gleichzeitig gelassen strategisch agiert für die Menschen, für die Frauen, die ihr wichtig sind.

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