Blog Theater machen

Making-of Hamlet. Notizen auf dem Weg zur Inszenierung.

Aristoteles, Shakespeare, Freud, Hitchcock –

Aristoteles’ Theorie vom seelischen Fegefeuer durch Furcht und Mitleid aka Katharsis findet ihre Entsprechung im amerikanischen Thriller. Der tragische Held durchläuft, angetrieben von Konflikten, die er sich bereits vor Beginn unseres Kennenlernen mit ihm zugezogen hat, eine Heldenreise in den Abgrund. Harold Bloom nennt „Hamlet“ Shakespeares Beitrag zur Freudianischen Theorie: Introspektion als Weg zur Erkenntnis. 

Gehen wir davon aus, dass unser Ansatz, Hamlet ins Zentrum der Erzählung stellt, dass unser Blick auf das größte Theaterrätsel aller Zeiten um Mord und Verrat, um Erkenntnis und Rache, um Denken und Handeln, aus der auktorialen Perspektive der Titelfigur genährt wird, so ergeben sich einige einfache Setzungen als Grundlage für den Umgang mit der Mechanik des Dramas: Shakespeare hat das Spiel mit den Zeitebenen bereits geschickt aus der Aristoteleschen Einheit von Raum und Zeit befreit. Als Seelendrama mit Hamlet als Regisseur der Geschichte können wir durch die Szenen surfen und wie in 30 Minidramen Splitter eines Puzzles anordnen und uns mit Fug und Recht in ihm spiegeln.

Vater Bruder Mord

Wie oft wünschen wir uns nicht, dass eine himmelschreiende von Machtgier, Narzissmus  und politischer Intrige angetriebene Ungerechtigkeit ihrer gerechten Strafe statt einer öffentlichen Ehrung zugeführt wird? Zusammen mit Hamlet möchten wir den Potentaten, den nur seiner eigenen Größe verfallenen König, in uns ermorden, die verhurte Komplizin gleich mitmeucheln, kurzum das alttestamentarische Auge um Auge und ein Naturrecht anstelle unserer zivilisierten Aushalte-Gerichtsbarkeit durchleben – nur: Stimmt unsere Einschätzung? Ist der politikversessene Herrscher schuldbeladener als das System in dem er sich aufhält? Ist die korrupte Intrigantin eine Komplizin oder ist die mütterliche Witwe naiv in die Fänge eines gefährlichen Systems geraten? So können wir uns mit Hamlet in jedem Moment fragen: Was stimmt? Was ist subjektive Annahme und was ist Realität? Was an der Realität ist Politik und was ist echtes Verbrechen? Welches Verbrechen wird gesühnt? Von wem? Wenn alle Figuren analog zum Ende von Hitchcocks „Psycho“ sich in Hamlet zurückziehen und wir seine Version der Geschichte sehen, so sehen und teilen wir auch seine Sehnsucht nach dem gerechten und perfekten Mord.

Im Zentrum haben wir aber nicht nur den zweifelnden, rachsüchtigen Prinzen sondern auch einen Brudermörder? Bis zum beichtenden Gebetsmoment könnte Claudius unschuldig sein und alles, samt Geist eine Grille in Hamlets Phantasie. Und: Wieviel weiß die Königin? Welche Rolle spielt Ophelia? Welche Rolle spielt das Rollenspiel und Verstellung? Das aus-der-Realität-Heraustreten, um die Realität besser zu verstehen. Auch hier spiegeln wir uns mit Hamlet. Wir beobachten mit ihm gemeinsam und geraten mit ihm in die Verstrickungen dieser Chronik eines angekündigten Todes. In Distanz zur Gesellschaft scheint Hamlet wahnsinnig-klarsichtig und die ihn umgebende Gesellschaft politisch verroht bis zum Äußersten. Und am Schluss sind ziemlich viele Menschen tot und Hamlet ist Serienmörder wider Willen.

So beschrieb ich zum 7. Dezember 2017 den Stand der Konzeption, „Anatomie eines angekündigten Serienmords“.

Im Findungsprozess von Raum und Kostüm schlug sich entsprechend der Gedanke des Schädels nieder, wir befinden uns in Hamlets Kopf – aber auch in Skandinavien, auf einem Eisberg, einem Affenfelsen der Macht, der die Menschen unbehaust ausstellt und als brutalen Kampfplatz des Status keine Heimat anbietet. Assoziationen, die dann durch viele Sedimentierungsprozesse auch mit der Realität einer Landesbühne auf Realisierbarkeit bearbeitet werden mussten.

In der minimalistischen ästhetischen Klarheit wurde unsere Suche nach den Kostümen auch zu einer Entscheidung für die zirzensische Kraft Shakespeares; die ästhetische Welt durch Kostüme zu ergänzen, die teils improvisiert wirken, teils farbkräftig Charaktere anskizzieren ist der Arbeitsschritt in progress.

Konzeptionsprobe 16. Mai 2018

16. Mai – 8. Juni 2018

Die ersten Wochen in Memmingen waren, wie oft im Alltag einer Landesbühne, auch vom hohen logistischen Arbeitsdruck und Einsatz aller KollegInnen geprägt; statt chronologischem Einstieg ins  Stück, begannen wir uns je nach Probenmöglichkeiten einzelne Szenen zu erforschen – und dadurch bereits sehr früh Kernszenen miteinander anzueignen. Äußere Begrenzungen sind oftmals kraftvolle Katalysatoren kreativer Prozesse und Energien. So haben wir die Herausforderungen genutzt und sind sofort ins Zentrum des Stückes gesprungen. Mutters Schlafzimmer. Hamlet und Ophelia. Sein oder Nichtsein. Eine rasante Reise ins Herz des Materials. Das Puzzle, als das wir diesen größten aller Theaterstoffe erleben, beginnt seine ersten Geheimnisse zu offenbaren.

Fechten, Epischer Stückstart, Spielplanvorstellung – ein ganz normaler Samstagmorgen…

Shakespeares Besonderheit erschließt sich mir in der praktischen Arbeit komplett anders als beim Sehen, es fühlt sich anders an, fremdartig und schön, dieses Nebeneinander aus Philosophie und Machtkampf. Liebe, Poesie, Extistenzbefragung, Introspektion, Intrige, Mordattacke und Auftritt verschiedener Entertainer, die am Hof Karriere machen wollen. Diese Durchdringung, die man mit Fug und Recht auch Welt nennt, die Bloom nicht umsonst mit der Erfindung des Menschlichen überschreibt, diese Zusammenschau macht unglaublich Lust. Immer wieder stehen wir mit Staunen davor, wie intensiv und intim der Text Vorgänge beschreibt und erforscht, die zu Shakespeares realer Lebenszeit nicht im geringsten wissenschaftlich ausgeleuchtet waren – und dennoch oder vielleicht auch gerade deshalb finden sich feinste Reisen die menschliche Seele. Beschreibungen intensivster Gefühlsregungen, strategische Betrachtungen wie man die Welt nehmen sollte, Gedanken zu Gefühlen und Gefühle zu Vorgängen, Macht und Missetaten wechseln sich mit Liebe und Verrat ab. Und im Zentrum der denkende Mensch, der den Verlust der intuitiv-brutalen Naturhaftigkeit an sich bemerkt. Der sein Gehirn nutzt und genießt und leidet unter den brutalen Attacken, die der Geist selber auf ihn ausübt.

Reinschnuppern in die Mitte des Stückes: „Die Bibliothek“.

Der Text braucht in meinem Herangehen wenig bis gar keine Requisiten. Die Geschichte gilt es im Zusammenspiel mit dem Zuschauer zum Klingen zu bringen, die Kraft der Sprache eröffnet uns alle Bilder, alle Gefühle, Begegnungen und Erlebnisse.

11. Juni – 23. Juni 2018

Die Dichte der Story und die wechselnden Stimmungslagen und „Genres“ ist phänomenal und beim Arbeiten einzigartig, ganz anders als deutsche Klassiker. Philosophie, Existenzfragen, Komödie, Liebe, wie oben beschrieben, reihen und wechseln sich ab, grade für die Titelfigur eine Tour de Force. Zusammengehalten von der Klammer der Todestriebs. Im letzten Akt, auf dem Friedhof, endgültig mit dem Sterbenmüssen und im Herz der Finsternis angelangt, offenbart sich der ganze düstere suizidale Kern des Stoffes.

Hamlet und Polonius „Höchst untertänig meinen Abschied nehmen…“ – „Es gibt weniger, das ich Euch lieber geben würde – außer mein Leben…  Außer mein Leben! Sein oder  Nichtsein dann…“

Die Monologe versorgen die wilde Handlung um Wahnsinn, Realität und Spiel, mörderische Intrigen und eine explodierende Liebesaffäre mit Gedankenströmen voller giftiger Rumination. Als strukturierendes Element zäsieren sie Handlung und wir lassen im Hintergrund die Welt langsam weiterziehen während sich Hamlet in seinen mind palace zurückzieht und uns daran teilhaben lässt, wie seine Gedankenwelt ihn wegfrisst und stocken und stottern lässt.

„Was ist ein Mensch, Wenn seiner Zeit Erlös, sein höchstes Gut nur Schlaf und Essen ist? ein Vieh, nichts weiter. Gewiß, er, der uns schuf mit so viel Denkkraft zur Vor-  und Rückschau, gab uns dies Vermögen und diese gottgleiche Vernunft nicht nur, dass Sie ungenutzt in uns verschimmle. – Nun, obs Viehisch Vergessen ist, ob irres Grübeln, das zu genau bedenkt den Ausgang – Zaudern, das, so zerlegt, nur ein Teil Weisheit hat Auf drei Teil Feigheit? – Ich weiß nicht, warum ich noch immer leb und sag »Dies gilts zu tun«, da ich doch Anlaß, Willen, Kraft und Mittel zur Tat hab; wie steh ich da, der ich des Vaters Mord, der Mutter Schändung zu Stacheln meines Sinns und meines Bluts hab, und laß sie alle schlafen?“

 

2. Juli – Die letzte Woche

Wir stehen in den Startlöchern für die großen Abläufe bevor die Inszenierung nach Freitag Abend „schockgefrostet“ nach den zweiten Hauptprobe in eine große Pause geht und dann im Oktober in fünf Tagen wieder aufgeheizt zur Premiere kommt. Licht: check. Kostüme: sehen wir morgen Abend das erste Mal. Fechten: check. Blut: check. Ich bin gespannt: Heute Abend die erste AmA!

97% fertig

… ein paar Eindrücke aus dem Juli vorab:

Ophelia und Laertes, Totengräber, Rede an die Schauspieler, nach der Bibliothek, Monologe und Geister – Eindrücke aus der zweiten Hauptprobe

11. Oktober 2018 – 1 Uhr 52

Zwei Tage vor der Premiere schaue ich selber auf unsere Arbeit, beglückt und erstaunt, wie rau und brutal uns dieser Zugriff gelungen ist, wie mutig und differenziert. Wie wir in Zeiten pathologischer politischer Selbstdarsteller, denen die eigene Position näher ist als der Zustand ihres Landes, die über Fake News lamentieren und nonstop Lügen verbreiten, eine Geschichte erzählen, in deren Zentrum ständig die Frage oszilliert: Was ist echt? Was soll ich glauben? Wie sehe ich die Welt – und was stimmt? Wie weit gehst Du, um die Macht nicht zu verlieren. Diese Geschichte, die in minimalistischer, aufwändiger Ausstattung den Schauspieler ins Zentrum rückt handelt von Menschen, die permanent spielen, um ihre Macht zu erhalten oder um die mordlustige Macht zu entlarven, Wahnsinn vortäuschen. Auf der Suche nach der Wahrheit.

Wir nutzen dabei verschiendste Moden und Spielarten des Theaters, vom Puppenspiel über die Bürgerbühne, vom Chor bis zur Performance wird unser Metier thematisiert – als Polygraph einer Gesellschaft im Taumel aber auch als Verführungsmittel und Vertuschungsinstrument perverser Potentaten. Die Schauspielszene selber holt eben jene vielbeschworenen „Experten des Alltags“ auf die (Bürger)Bühne, auf dass sich der neue König sich im Bühnenzauber seines Regie-führenden Neffen Hamlet selber erkenne… Schauspieler gucken Zuschauern beim Spielen zu. Die Handlung fokussiert sich immer wieder neu. Ich bin so gespannt, wie sich das am Freitagabend mit Publikum anfühlen wird!

0 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.