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Making-of Orestie

Gender Wars

Ganz am Schluss, nach 170 Seiten, am Ende der Trilogie läuft alles auf ein großes Courtroomdrama hinaus, indem sogar Gott und Göttin eingreifen: Apollon findet, der Mord am Vater muss gerächt werden, die Erinnyen fordern Rache für den Mord an der Mutter und Pallas Athene soll als letzte Instanz entscheiden. Sie springt Apollon insofern zur Seite, als dass sie ein Gericht etabliert – und nur noch als Zünglein an der Waage pro Orest stimmen würde, wenn es unentschieden endet. Was passiert. Den Rest dieses offensichtlich eh schon kruden letzten Teils der Trilogie ist sie dann damit beschäftigt den Titel einzulösen, nämlich aus den Erinnyen die Eumeniden zu machen – aus den Gedanken voller Rache und zerstörerische Rumination werden nach langer Argumentation: Die Wohlgesinnten.

„Nie wieder
Soll Aufruhr
Diese Stadt durchtoben:
Nie der mordbespritzte Nimmersatt,
Der Bürgerkrieg
Die Männer aufeinanderhetzen,
Wutberauscht, Totschlag und Rache, Rache, Totschlag,
Fort und fort und fort,
Bis eines Tags die ganze Stadt ein Totenhaus ist.
Freude sollt tauschen, ihr Bürger, nicht Blut,
Und sollt gemeinsam handeln:
Nur Einigkeit beschützt die Stadt
Und wehrt der Not.“  — Aischylos / Walter Jens

Das möchte man im  Augenblick auch Portland wünschen und den gesamten Vereinigten Staaten, wo the Big Bad Pussygrabber einen ähnlich archaischen Bürgerkrieg entfacht hat zwischen Republikanern und Demokraten, zwischen darwinistischem Liberalismus und humaner Solidarität.

Tragödie mit Abstand

Unter früheren Umständen wäre es mein Thema gewesen, die Abstimmung (und damit auch Etablierung der ersten demokratischen Form der Rechtssprechung, einer Judikative) ins Publikum zu verlegen und in einem riesigen Auflösungszustand die Trilogie im Chaos des fluiden Gender zu beenden: Wen darf man eher ermorden, Vater oder Mutter? Wer ist wertvoller: Mann oder Frau? Dieser Übergang von Matriarchat zu Patriarchat würde eine Spiegelung erleben, die wir heute aufregend neu denken. Nur: Wir können Publikum nicht mit der Bühne in Auflösung bringen. Und unsere Ansätze für den Abend sind… pandemisch.

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