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Making-of ORESTIE

„Nie wieder
soll Aufruhr
diese Stadt durchtoben:
Nie der mordbespritzte Nimmersatt,
der Bürgerkrieg
die Männer aufeinanderhetzen“ — so beginnt der Anfang vom Ende unserer Strichfassung der ersten Theater-Trilogie der Weltgeschichte, der „Orestie“ des Aischylos in der Übersetzung von Walter Jens. So heutig und zugleich wortgewaltig hat man den Stoff selten gehört. Und unserer pandemischen Wirklichkeit entsprechend ist allein die Entstehung des Projekts wieder wie schon in Graz und Darmstadt ein großes Abenteuer, das wir vielstimmig hier begleiten.

Work in Progress, Logbuch 2020 — 2021

Bereits im Februar 2020 verabredeten wir diese aufwändige Arbeit: „Die Orestie“ als Koproduktion zwischen Schauspiel und Tanz am Theater Regensburg. Der Lockdown kam und es gab viel Zeit, um die großen Themenfelder anzupacken, Auswahl der Übersetzung (Walter Jens!), Umgang mit dem Chor, Konzeption des Tanzes (oder des Elements von Körper und Bewegung) als integrativen, narrativen Faktor und auch schon an der Strichfassung zu arbeiten – doch das Theater war besorgt: Wie soll die Saison weitergehen? Der unterschriebene Vertrag wurde nicht mehr zurück gesandt. Ich entschied mich auf Zeichen aus dem Theater, dass das Projekt in jedem Fall stattfinden werde, die Arbeit an der Auswahl der Übersetzung sowie das Nachdenken über die Herausforderungen (viele Menschen, Bewegung, Chorisches Sprechen) in Bezug auf COVID-19 aufzunehmen. Die Fassung entstand, ich hörte mich wieder und tiefer in die Sprache ein (mit Rolf Boysens Aufzeichnung der „Ilias“) – und im September 2020 wurde der Vertrag zugesandt. Die Pfade werden nun weiter gelegt und wir schreiben gemeinsam über unseren Arbeitsprozess und teilen Aspekte dieser interdisziplinären, internationalen Zusammenarbeit hier, in diesem Logbuch; die Proben beginnen Ende April 2021. — Jochen Strauch, Oktober 2020

ACHT
Abruptes Ende einer Reise
09. Februar 2021

Nach fast einem Jahr Beschäftigung mit dem Stoff, nach unzähligen Vorbereitungen, fertiger Konzeption zu Fassung, Movements & Musik, Raum, Kostüm und und und, hat sich das Theater Regensburg gestern entschieden, die Arbeit auszubezahlen.

Raumkonzeption: Livetreffen mit Michael Lindner in München am 03. Oktober 2020

SIEBEN

Step by Step
20. Januar 2021

Während ich die COVID-19-bedingte Transformation zum Hörstück meiner Darmstädter Arbeit im Homeoffice realisiere, denken wir weiter in allen Bereichen über unsere großes Projekt in Regensburg nach. Raum & Kostüme, Video & Musik, alles wächst auf verschiedensten Ebenen weiter. Eine Inspiration neben kultischen Theatervorlagen und der Auseinandersetzung mit berühmten Vorgängerinnen wie Ariane Mnouchkines Les Atrides ist auch der Schmutz moderner Familiensagas voller Rache und Mordlust. Ein visuell aufregendes Beispiel für die Video-Ebene besonders im dritten Teil ist für mich das Intro von Alan Balls Vampir-Kult-Trash „True Blood“. Die Art wie schamanische Tiermetaphorik (ein großer Aspekt auch in der Orestie, wer ist der Hirsch, das Kalb, die Schlange) auf White Trash, religiöse Kulte, Sexualisierung und kultische Handlungen trifft, aber – seht selber.

Michi Lindner hat das Bühnenbildmodell fertig und die gesamte Grundstruktur ist gelegt.

Aus Michis Atelier in Regensburg.

SECHS

Virtuelle Konzeption
05. Dezember 2021

Endlich. Wir haben uns alle getroffen und all‘ die Gedanken und Ideen, die wir in verschiedenen Kanälen und Gremien entwickelt hatten, zusammengetragen, ausgetauscht und weiter verarbeitet. Einmal die gesamte Fassung durchgearbeitet. Und so schon ganz en passant die Struktur der Arbeit vorvisualisiert: Über welche Passagen erstrecken sich welche Movements. Der Vordergrund wird, ganz Corona-tauglich von der Sprache und den Spieler*innen dominiert, während der Hintergrund (die gesamte Bühnenfläche) dem Tanz zur Verfügung steht. Welche szenischen Aspekte werden vom Tanz in emotionale Flächen übertragen, gibt es Aspekte, wo sich Figuren assoziativ doppeln (im zweiten Teil: Elektra bei Richard Strauss, Die Choephoren, Opfer für die Toten übergeben wir den gesamten Raum Doppelgängern im Tanz, während die Sprache den Raum umfasst) oder sind Archetypen im Untergrund einer gesamtgesellschaftlichen Erzählung verkörpert? Alessio Burani und Christina Schmidt haben schon während dieser Probe die kleinteiligen Movements gebündelt und in energetische, dynamische Prozesse umgedacht. Tom Lane hat in Dublin vieles von dem bereits entworfenen Material präsentiert und stellt sich in den kommenden Wochen der Arbeit mit den drei Teilen. Jeder Teil wird eine eigene visuelle Welt bekommen und ein eigenes musikalisches Land, so Teil zwei eben ein Spiel mit Richard Strauss‘ Elektra und der Enthüllungsmechanik des modernen Thrillers.

Alle an Bord: neben yours truly Saskia, Christina, Tom, Michi & Alessio

FÜNF

Die Fassung
01. Dezember 2020

Kommendes Wochenende werden wir uns im ZOOM treffen, das gesamte Team, Tom in Dublin, Michael, Alessio, Christina, Saskia in Regensburg und ich in Hamburg. Saskia und ich haben die letzten Wochen die Fassung aufwändig finalisiert, so dass das Stück Corono-konform über die Bühne gehen wird. Ein lustvoller und gedanklich genauer Prozess, der einen großen Teil der Vorbereitung und Konzeption bündelt: 170 Seiten sind auf 60 Seiten Essenz gekürzt, die gesamte Idee fürs Ballett, welche Funktion die Movements haben werden, die Video-Ebene, die Trennung der Schauspielebene vom Ballett, alles alles alles ist bedacht und in einer groben Skizzierung genau umrissen. Sechs Schauspieler*innen werden die gesamte Trilogie verkörpern, inkl. Chöre und Verschachtelungen der Figuren. Saskia Zinsser-Krys hat zudem die nur abfotografierte PDF-Fassung der hervorragenden Übersetzung von Walter Jens in eine perfekt formatierte Textfassung für unseren Bedarf umgebaut.
Wir freuen uns auf das vertiefte Einsteigen am Wochenende!

VIER

Music ideas
16. Oktober 2020

We’re starting to bring together some ideas for creating music for the Orestie/Oresteia trilogy using samples of existing recordings. This is a technique I’ve used in the past for other dance productions, I’m excited about its potential applications in this piece. Below is an example of a „remix“ I made using part of Schubert’s Rosamunde String Quartet for a new choreography by Morgann Runacre Temple in 2019. In this track I broke up a recording of the piece into short loops which I combined in different ways and using different layers (it has a long build so give it some time!), listen.

Movements, Sound and Music – Dublin, Regensburg, Hamburg – Tom Lane, Alessio Burani and yours truly im ZOOM

I love the way that this technique allows me to mix the rich instrumental sound of the Schubert with more contemporary rhythmic electronic music. The result captures something of the texture and feeling of the original while creating something new and dynamic. The possibilities of combining this with Aeschylus‘ text are thrilling! – Tom Lane, Dublin

DREI

Sound and Music
September 2020

Wir tauschen uns aus, von Dublin nach Regensburg nach Hamburg. Wie werden die verschiedenen Schichten/Layers dieser Arbeit aufgetragen… An welchen Stellen werden Movements mit dem Chorischen einen gemeinsamen Eindruck ergeben, vor dem Hintergrund eines großflächigen Videos… Raum, Bewegung, Musik, eine große schöne Aufgabe! Erste Entscheidungen werden getroffen.
Im Dezember treffen wir uns, hoffentlich live, in Regensburg.

ZWEI

Tragödie mit Abstand
Juni 2020

Unter früheren Umständen wäre es mein Thema gewesen, die Abstimmung (und damit auch Etablierung der ersten demokratischen Form der Rechtssprechung, einer Judikative) ins Publikum zu verlegen und in einem riesigen Auflösungszustand die Trilogie im Chaos des fluiden Gender zu beenden: Wen darf man eher ermorden, Vater oder Mutter? Wer ist wertvoller: Mann oder Frau? Dieser Übergang von Matriarchat zu Patriarchat würde eine Spiegelung erleben, die wir heute aufregend neu denken. Nur: Wir können Publikum nicht mit der Bühne in Auflösung bringen. Und unsere Ansätze für den Abend sind… pandemisch.

Spaziergänge mit Rolf Boysen und der „Ilias“, Streaming der Schaubühne und Ankündigung in Regensburg – das pandemische Frühjahr 2020 ist eine willkommene erste Vorbereitunsgphase.

EINS

Plädoyer für die Demokratie?
April 2020

Ganz am Schluss, nach 170 Seiten, am Ende der Trilogie läuft alles auf ein großes Courtroomdrama hinaus, indem sogar Gott und Göttin eingreifen: Apollon findet, der Mord am Vater muss gerächt werden, die Erinnyen fordern Rache für den Mord an der Mutter und Pallas Athene soll als letzte Instanz entscheiden. Sie springt Apollon insofern zur Seite, als dass sie ein Gericht etabliert – und nur noch als Zünglein an der Waage pro Orest stimmen würde, wenn es unentschieden endet. Was passiert. Den Rest dieses offensichtlich eh schon kruden letzten Teils der Trilogie ist sie dann damit beschäftigt den Titel einzulösen, nämlich aus den Erinnyen die Eumeniden zu machen – aus den Gedanken voller Rache und zerstörerische Rumination werden nach langer Argumentation: Die Wohlgesinnten.

„Nie wieder
Soll Aufruhr
Diese Stadt durchtoben:
Nie der mordbespritzte Nimmersatt,
Der Bürgerkrieg
Die Männer aufeinanderhetzen,
Wutberauscht, Totschlag und Rache, Rache, Totschlag,
Fort und fort und fort,
Bis eines Tags die ganze Stadt ein Totenhaus ist.
Freude sollt tauschen, ihr Bürger, nicht Blut,
Und sollt gemeinsam handeln:
Nur Einigkeit beschützt die Stadt
Und wehrt der Not.“  — Aischylos / Walter Jens

EINS.1

Portland, Demokratie, Civil Wars
Update im August 2020

Diese abschließenden Sätze möchte man im  Augenblick auch Portland wünschen und den gesamten Vereinigten Staaten, wo the Big Bad Pussygrabber einen ähnlich archaischen Bürgerkrieg entfacht hat zwischen Republikanern und Demokraten, zwischen darwinistischem Liberalismus und humaner Solidarität.

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