Blog Kunst kommunizieren

Making-of Raus aus dem Swimmingpool, rein in mein Haifischbecken

Logbuch | 06.2020 – 02.2021 |

Wenn wir über White Privilege sprechen, denken wir an Amerika. Rassistisches, klassistisches Denken bestimmt unseren Alltag indes auch in Europa und in Deutschland. Vielleicht ist das Unbehagen einer der vier Protagonist*innen unseres Stückes, das der Nachrichtensprecherin Christiane, symptomatisch für eine Erschöpfung ihrer und unserer Moralvorstellungen und Werteverabredungen: „Wird man seiner Verantwortung als mündiger Bürger gerecht, indem man die immer gleichen Meldungen konsumiert? – Was nützt es, informiert zu sein, wenn man doch nichts ändert?“


Mit diesen Sätzen kündigt sich ein Nervenzusammenbruch in die deutschen Wohnzimmer zur Hauptsendezeit an und das kommt Tochter Moana gänzlich ungelegen, hat sie sich eh grad schon beide Arme gebrochen – und dabei war sie doch auf der Überholspur! Jetzt fürchtet sie um ihre Durchsetzungskraft in der Unternehmensberatung, der sie 24/7 vollen Einsatz geschworen hat. Und ihr Freund Boris wiederum ist nicht nur in diesem Mutter/Tochterkonflikt am Boden der Tatsachen angekommen, sondern auch in seiner Berufung – als Servicekraft bei einer Airline. Einzig das Mysterium Nikita, Vierte/r im Bunde, behält alle Karten in der Hand – samt der Genderzuordnung. Und alle scheinen ständig zuhause zu sein… Kurzum: Laura Naumanns Text von 2014 wirkt wie frisch (für die Corona-Krise) geschrieben. Sie selber hat von Corona übrigens ziemlich amüsant in ihrer Rang I-Kolumne erzählt.

In den kommenden Wochen und Monaten schreiben wir wieder gemeinsam an der Geschichte der Entstehung dieser Arbeit, wie schon bei „Niemand wartet auf Dich“ wechseln sich Perspektiven und Textformen, Pläne und Skizzen miteinander ab. Es ist die erste Arbeit, die wir von Anfang an mit der COVID-19-Situation im Kopf konzeptionieren. Der Blog wird gefördert von der Kulturhilfe des Landeskulturverbands Schleswig-Holstein— Ende Juni 2020

Spoileralert / Triggerwarnung: Es wird keine Aufführung im klassischen Sinne geben. In den folgenden Einträgen werden viele ZOOM-Sitzungen abgebildet. — Anfang 2021

ZWEIUNDZWANZIG

Everytime we say goodbye
6. Februar 2021

Pünktlich um 18 Uhr hat Judith aus der Kommunikation des Staatstheaters alle Links „verdrahtet“ und es heißt: Premiere läuft. Ab jetzt bis Juli jederzeit unter bit.ly/haifischimswimmingpool – zeitgleich feiern wir unsere digitale Premierenfeier.
Und was soll ich sagen?

Es war schön. Und emotional. Nicht so leicht, nach so einer besonderen Zeit und Arbeit ein Ende zu finden.

Virtuelle Intimität: Das Ende einer Reise.

Ab jetzt wird interessant, was Theaterzuschauer:innen, Theatermenschen, Kritiker:innen, Freund:innen von uns und vom Theater erleben, zuhause allein oder virtuell oder live (je nach Pandemiesituation) miteinander. Der Kommentarbereich unter diesem Logbuch oder unter der Dokumentation der Rezeption ist offen.

Viel Spaß beim Stöbern und Hören. „Diese Vorstellung findet nur in Ihrer Vorstellung kraft Ihrer Vorstellungskraft statt.“

EINUNDZWANZIG

Endspurt
2. Februar 2021

Das digitale Produktionsbuch nimmt Form an. Wichtige Entscheidungen haben wir noch, genau wie in einer realen Endprobenphase treffen müssen, und uns dabei auch von Materialien verabschiedet. Essentiell war die Übertragung des Storyboards in die komplette digitale Form, also zugunsten von responsiver Lesbarkeit den Aufbau anzupassen, so dass es auf jedem iPad, Telefon oder Laptop ähnlich schön aussieht und nutzbar ist. Den Soundcloud-Player in die Seite zu integrieren, so dass man tatsächlich auch zwischen dem Hören der einzelnen Episoden surfen und stöbern kann. Digitale Premiere am 6. Februar um 18 Uhr auf der Website des Staatstheaters Darmstadt.

Heute außerdem in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: Ein großer Vorbericht zu unserer Arbeit.

ZWANZIG

Sneak Preview ins Produktionsbuch II
30. Januar 2021

Figurenportraits aus der Perspektive der Spieler*innen. Diese Gedanken und Notate werden angereichert mit Videosnippets und Auszügen aus den Entwurfbüchern von Kathi Eingang und viel viel mehr! Ab 06. Februar 2021 auf der Website des Staatstheaters Darmstadt. Aber hier erstmal Auszüge aus den Notizen von:

Christiane. Karin Klein

Nach dem ersten Lesen, habe ich tief in den Kisten gewühlt und tatsächlich 2 Fotos gefunden, die mich als Fernsehansagerin zeigen; 1983 vor, 37 Jahren beim Hessischen Rundfunk. Damit habe ich während des Studiums an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Geld verdient. Tagsüber Schauspielschule, abends Studio, dann Feiern. Obwohl es so lange her ist und ich ewig nicht daran gedacht habe, kann ich mich noch gut an die Atmosphäre im Studio erinnern, an die Kuriosität, dass unter der etwas fremd hinfrisierten und geschminkten Frau mein Name stand, an den Druck auf den Punkt funktionieren zu müssen und an den Spaß, genau das zu unterwandern… Jetzt also „Christiane“, eigentlich Journalistin, Nachrichtensprecherin mit Ambition, Zweifel, Verzweiflung und einem trockenen Humor.

Ich hätte diese Figur so gerne auf die Bühne gebracht! Ein schmerzhafter Prozess und auch das Abgeben an Aufnahme, Technik und Schnitt nicht so leicht. Doch ich bin froh, dass wir in ungewöhnliche Zeiten, einen ungewöhnlichen Weg gefunden haben, danke Jochen Strauch, Kathrin Eingang, Christian Schuller und Matthias Schubert und natürlich den reizenden Mitspielern für alle Energie und Geschmeidigkeit! Ich bin sehr gespannt auf das Ergebnis… to be continued im Produktionsbuch!

Literaturtip: Alain de Bottons „Die Nachrichten. Eine Gebrauchsanleitung“ und „10% happier“ von Dan Harris.

CHRISTIANES TOCHTER: Moana. Luise Harder

Moana ist für mich eine selbstbewusste und willensstarke  junge Frau. Ihr Ehrgeiz ermöglicht ihr viel und verschafft ihr beruflichen Aufstieg, steht ihr jedoch oft auch im Weg. Auf ihrem Weg nach oben, wie sie es wahrscheinlich bezeichnen würde, kommt sie selbst, ihre Gesundheit und ihr Wohlbefinden nicht allzu selten zu kurz. Chronischer Stress, verbissen darin es zu schaffen, einziger Fokus die Karriere: darin zerbröselt die Figur zu einem bemitleidenswerten Häufchen Elend, das man am liebsten in den Arm nehmen möchte. Plötzlich steht da eine erschäpfte fast schon kränkliche junge Frau voller Selbstzweifel. Mit ihrer radikalen Entschlusskraft kann sie schon auch mal gegen Wände rennen, aber man muss nicht lange warten bis sie wieder da steht wie eine Eins und weitermacht/weiterarbeitet. Man wünscht ihr eigentlich einfach nur eine RUHIGE MINUTE. Oder zwei oder drei oder…. to be continued im Produktionsbuch!

NEUNZEHN

Finales Finetuning
28. Januar 2021

Wie in einer echten Endprobenwoche nähern wie uns den finalen Änderungen. Während Matthias Schubert gerade quasi die GP des Hörstücks nach letzten Feedbacks durchführt, denn übermorgen wäre Premiere gewesen und wird nun Abgabe sein, arbeiten Christian und ich im Google Doc an den Texten des Produktionsbuches, während Kathi in Graz Videos und Skizzen perfektioniert.

Darmstadt wird die Aussendung unserer Arbeit erst ab kommenden Montag bewerben, um eine digitale Premiere am 06.02.2021 zu realisieren, denn ab morgen wird die Website komplett befüllt sein mit Gregor Schneiders „Sterberaum“. Zeitgleich haben wir heute den Upload eines neuen Hörstücks von Heiner Goebbels gefunden, „Gegenwärtig lebe ich allein“ mit Texten von Henri Michaux, Premiere 13. Januar 2021.

ACHTZEHN

Digitale Endprobenwoche
26. Januar 2021

Wir arbeiten mittlerweile fast durchgehend, das Homeoffice eröffnet seine Tücken: Man kann auch einfach immer weiter machen. Vor allem: Hören und Nachdenken und präzise beschreiben, was wir jetzt anpacken auf unserem Weg durch diese virtuellen Endproben. Bedeutet natürlich auch unendliche Zeiten vor dem Computer und in den ZOOM-Abstimmungen, aber… nicht nur!

Hören. Wieder und wieder genau reinhören. Weg vom Schreibtisch und einmal rund um Welt auf der Halbinsel Eiderstedt. Dabei gleichzeitig per WeCollect das Hörstück Teil 2 und 3 im Ohr und per Google Doc im Handy Feedback notierend virtuell am selben Schreibtisch. Ich sehe die Cursor aus Graz und Frankfurt über den Bildschirm flimmern, gleichzeitig die vereisten Straßen im Norden.

SIEBZEHN

Step by Step, Tag und Nacht:
Sneak Preview ins Produktionsbuch I
25. Januar 2021

Wir arbeiten am digitalen Produktionsbuch und dabei werden wir auch mit den Spieler*innen Rückschau halten auf ihre Figuren und den Arbeitsprozess… ab 06. Februar 2021 um 18 Uhr auf der Website des Staatstheaters Darmstadt. Ein erster Blick auf:

MOANAS FREUND: BORIS. STEFAN SCHUSTER

Boris ist mir persönlich erstmal sehr nah. Ich glaube man freundet sich schnell mit seinen, auf den ersten Blick alltäglichen Alltags-/Job- und vielleicht auch Liebesproblemen an. Er frühstückt gerne, das tu ich privat auch. Da hat ne Figur schonmal gewonnen. Erst beim zweiten und dritten Blick erahnt man welche Schichten da noch zwischenlagern und die kommen ja, ohne Spoilern zu wollen am Ende des Tages bzw. Stückes auch nach oben. Ob sich die Figuren aus ihren gegenseitigen Verbindungen lösen können oder wollen ist die nächste Frage. Irgendwie können sie nicht mit und auch nicht ohneeinander. Ich war beim ersten Kennenlernen der Figur anfangs der Meinung, da herrscht viel Oberflächlichkeit, aber wie auch im realen Leben gibt es eine gehörige Portion Flucht und Selbstschutz, die als Oberflächlichkeit ausgelegt werden kann… to be continued im Produktionsbuch!

Nikita. Hans-Christian Hegewald

Nikita versteht sich als Mensch, selbstverständlich. Die Menschen drum herum missverstehen sich als Menschen, missverständlich. Meine Figur Nikita ist in ihrer Selbstverständlichkeit genauso umwerfend wie ungreifbar. Allein darüber zu schreiben wird ihr nicht gerecht. Und doch und zwar einfach weil. Nikita stellt fragen. Nikita redet nicht viel. Über Nikita wird viel geredet. Nikita weiß das. Nikita weiß. Nikita lernt. Nikita muss nicht. Nikita will und kann. Nikita entscheidet sich für Konfrontation. Nikita will sich nicht erklären. Nikita will dazu gehören. Nikita gehört dazu. Aus Nikita wird man nicht schlau. Nikita hat das nie behauptet. Nikita muss auf keine Bühne. Nikita muss in die Köpfe des Publikums. Nikita will nicht in Berlin im Exil leben müssen. Nikita will in jeder x-beliebigen Kleinstadt zum Bäcker gehen können. Nikita liebt das Wasser. Nikita hat den Elefanten im Raum an der Leine. Nikita würde nie auf ihm reiten. Nikita ist keine Kunstfigur. Nikita ist knallhart. Nikita ist der Fall. Mir ist es wichtig zu sagen, dass ich keine Trans*-Person „spiele“. Vielleicht ist Nikita trans*, vielleicht non-binär, vielleicht bezeichnet sich Nikita als Mann* oder als Frau* oder vielleicht anders. Wichtig ist, dass das nicht die wesentliche Eigenschaft dieser Figur ist, sondern zu problematisieren, dass die anderen Figuren sich an der Nicht-Antwort auf diese Frage aufhängen. Dass Christiane, Moana und Boris sich ein Leben mit Nikita vorstellen können. Und warum wäre das so besonders? Nicht wegen des Geschlechts, nicht wegen der sexuellen Orientierung, sondern weil Nikita zuhört, weil Nikita Fragen stellt, weil Nikita zeigt, dass ein Leben jenseits dieser Normen möglich ist, in denen die anderen gefangen sind… to be continued und vervollständigt im Produktionsbuch!

Netflixtip: „Disclosure. Hollywoods Bild von Transgender.“

SECHZEHN

Letzte Aufnahmen
23. Januar 2021

Was für ein seltsames Gefühl, nun wie beim Film das Material „im Kasten“ zu haben und es ins Editing und in die Postproduktion zu geben; dass wir uns nur noch virtuell wiedergesehen haben… Die Momente im Studio waren für jede:n eine kleine Premiere/Dérnière gleichzeitig und auch wenn wir bestimmt noch abrundende Rituale erfinden werden, fällt es nicht leicht Abschied zu nehmen…

FÜNFZEHN

Theater im Kopf: Update zu Nikita
22. Januar 2021

Jetzt, kurz vor Abschluss der Arbeit nach vielen Twists und Turns und der Verlagerung ins Virtuelle, ins Theater in unserem Kopf, ohne die Grenzen oder Widerstände der COVID-19 Realität, haben wir heute an unserem letzten Tag unserer Tonaufnahmen herumgeträumt, Hans-Christian Hegewald und ich – auch im Vorbereiten auf seine Aufnahme heute Abend: Wie eindeutig sollte Nikita sein, wie vielgestaltig könnte sich das Gender von Szene zu Szene changierend stimmlich ausdrücken? Und auf einmal fiel uns ein Film ein, eine Figur und wir dachten: Das wäre lustig gewesen, wenn Hans Aspekte dieser „Biografie“ in den Hintergrund gelegt und wir uns im Kostüm und der Figurengestaltung davon hätten inspirieren lassen. Harley Quinn… Mehr zu Nikita im November in SIEBEN.

VIERZEHN

Der X-Prozess
19. Januar 2021

Wir sind eingestiegen in einen der absurdesten, lustigsten und schrägsten Prozesse ever: morgens nehmen wir jeweils eine Figur (eine/n Kolleg:in) in den Fokus und trainieren das gesamte Stück aus deren Perspektive für den Abend. Wir untersuchen die Situationen daraufhin, wie der jeweilige Sprachgestus genauestens unsere Arbeit an Figur, Beziehung, Emotion abbilden kann – und versuchen innerlich kleine akustische Erinnerungen zu speichern. Denn am Abend steht jede/r täglich allein vor dem Mikro! Ich bin per Zoom am ersten Abend nur in die Tonkabine und ab dem zweiten Abend zusätzliche ins Aufnahmestudio mit Bild geschaltet. Die Dialoge werden also zum auditiven Memospiel im vollkommen leeren Staatstheater. Der Vorgang nennt sich X-en. Hochkomplex und aufregend – wird das funktionieren, dass die Dialoge später ineinander passen, waren unsere Erinnerung und Entscheidungen präzise genug oder hören wir bei Frankensteins Monster die Nahtstellen des Materials?

Tonchef Sebastian Franke steht jedem/r von uns bei den Aufnahmen im desinfizierten Studio des vollkommen leeren Staatstheaters fürsorglich auf Distanz zur Seite. Nachts werden die Daten per WeTransfer dann an Matthias nach Hamburg geschickt… Karin Kleins Textbuch hat es nicht überstanden.

DREIZEHN
Lost in WONDER-Land
13. Januar 2021

Wann immer die Begehrlichkeit nach Digitalität im Theater entsteht, sind mehrere Aspekte interessant: Wie sind die technischen (Vor)Kenntnisse der einzelnen Beteiligten? Wie sind die Produktionsbedingungen, wie ist die Ausstattung vor Ort? Oftmals sind die Wünsche und Visionen abgekoppelt von der Realität, denn selten sind die Ressourcen so gestrickt, dass Videospielprogrammierer:innen, AR-Expert:innen oder Webdesigner*innen gleichzeitig mit am Start sind oder ganz banal alle Beteiligten die neueste, heiße Hardware am Start haben. Und die Phantasie (auch der politischen Ebenen) überholt manchmal aus fehlendem Detailwissen die Möglichkeiten. In unserer Arbeitserfahrung der letzten Woche z.B. konnten wir miteinander herausfinden, dass die hippe Idee, dass man auf WONDER probiert (oder aufführt) und sofort auch interessante Videoclips aufzeichnen könnte, keinerlei Realität hat. Denn WONDER ist in Wirklichkeit eher ein aufgepimptes ZOOM, wo man selbständig in kleine BreakOut-Session aussteigen kann, wie in virtuelle Kaffeepausen.

There’s no place like home: Darmstadt – Frankfurt – Graz – Hamburg – Welt

Aber es bietet nicht Avatare für jedermann, selbsterklärende AR-Maschinen, die sich virtuell durch den Raum bewegen, es bleibt bei der ZOOM-Ästhetik von Fenstern – nur mit viel schlechterer Audioqualität und dem Phänomen, dass die Rechner zügig so heißlaufen, dass es fast qualmt. Ergo landen wir dann doch wieder auf ZOOM und konfrontieren auch dort interessante Widerstände: MacBooks unterhalb 2018er Edition verarbeiten keine virtuellen Hintergründe, die wiederum von Kathi Eingang extra für diese Neukonzeption entworfen worden waren. Also machen wir Kern wieder schöne Textproben zur Vorbereitung der Aufzeichnungen fürs Hörstück… Kurzum: Die Akademie für Theater und Digitalität in Dortmund ist der Ort der Stunde.

Kathis siebter Raumentwurf, jetzt: Virtuelle Welten

ZWÖLF.2

Between. Meanwhile. Zwischenzeit.
8. Januar 2021

Wir haben seit dem Abbruch der Proben mit der Gefahr gelebt, dass es keine Probenbedingungen mehr geben könnte. Und die letzten Wochen haben es realistischer werden lassen: So wie sich die Pandemie in Deutschland gerade entwickelt, kann es auch gesellschaftliche Verantwortung bedeuten, sich in den Rückzug zu begeben, und das auch im Theater. Das waren schwere Zeiten und Entscheidungen, davon Abschied zu nehmen, dass unsere Ideen auf der Bühne realisiert werden. Aber immer wieder beschäftigt mich in den letzten Arbeiten auch die Frage, inwiefern wir die eigenen Haltungen und Aussagen, die wir künstlerisch vertreten auch bereit sind bis in die letzte Konsequenz zu verkörpern.

Wir haben uns damit abgefunden, dass die Entscheidungen an anderen Stellen getroffen werden, dass die Demokratie keine Demokratie ist, dass wir maximal ausbaden können, was andere uns einbrocken. So sehen wir uns: Wir sind die, die alles ausbaden. Und so sind wir am Leben, aber wir haben keine Ideen für dieses Leben, wir übernehmen keine Verantwortung für dieses Leben. — Szene 3

Wir haben zwischen den Jahren und bis in die letzten Tage, bis gestern, gerungen um Szenarien der Ermöglichung; was gehen könnte und wie es gehen kann.

Zwischen allem: Küsten, Jahren, Entscheidungen.

Theater im Homeoffice?

Ein Weg ist sichtbar geworden. Wir werden Theater im Homeoffice machen. Die Widerstände waren: Niemand will mehr ZOOM-Theater sehen. Wenn wir keine Aufzeichnung einer erprobten Situation in einem tollen Raum machen können, die qualitativ unserer Arbeit gerecht wird, was machen wir dann? Wie kann man mit dem Material etwas schaffen, das reizvoll ist ohne die ermüdeten Mittel des ersten Lockdowns weiter zu bearbeiten?

Wir erarbeiten ein Hörstück. Und drumherum ein digitales Produktionsbuch, quasi ein Puzzle mit dem Inhalt des Stückes als auditivem Erlebnis im Zentrum. Und einem Kaleidoskop der Erinnerungen an eine ausgefallene Inszenierung drumherum…
Inspirierend: Limitless Potential.

ZWÖLF.1

Locked down, Production interrupted
20. Dezember 2020

Zum Beginn des nationalen Lockdowns liegen unsere Proben nach sechs Monaten Vorbereitung und zwei arbeitsintensiven Probenwochen erst mal in der Warteschleife. Wir haben viel geschafft seit dem Probenstart und im Bewusstsein der schwierigen Situation diszipliniert bereits sechs der acht großen Szenen skizziert und die beiden verbleibenden am Tisch angedacht in langen Proben, um wenig Wege in der Stadt zurück legen zu müssen. Wir freuen uns, wenn es weitergeht, wenn die Szenen noch dichter werden und Raum und Licht und Sound und Kostüm und Video die Erzählung anreichern. Aber fürs erste sind wir im Lockdown.

unsplash: Jason Mowry

ELF

Unter Wasser Welten oder: Maske in Grau
13. Dezember 2020

Ganz Darmstadt trägt Maske, ständig und überall. Das Wetter bleibt düster, nieselig, grau. Ich bewege mich von der Probe zur Wohnung und zurück. Bis auf kurze Einkäufe, je nach Füllstand des Supermarktes kommt mir meine Erinnerung an Schwimmerzeiten zupass: Einmal tief unter der FFP2 Luft holen und dann Apnoetauchen. Das Staatstheater Darmstadt hat ein ausgeklügeltes Sicherheitskonzept, sobald ich auf meinem Platz sitze, an einem großen Tisch oder in der Entfernung des Zuschauerraums, gibt es Sauerstoff.

Wir arbeiten uns konzentriert und in dem Bewusstsein, dass wir nicht wissen, wann der Lockdown kommt (ab heute: kommenden Mittwoch! Aber: Was bedeutet das für die Theater? Fürs Produzieren und Proben?) konzentriert und ausdauernd durch Szenen, nutzen die Zeit für erste Entwürfe und drehen bereits wichtige Inlays, die später verwendet werden.

Karin Klein als Christiane kurz vorm Breakdown.

ZEHN

Dramaturgische Notiz II
Die Konzeptionsprobe
07. Dezember 2020

In den Kammerspielen des Staatstheater Darmstadt. Draußen regnet es. Alle, die noch nicht oder nicht mehr in Kurzarbeit sind, sind gekommen um das Team zu begrüßen, das hier in den nächsten 8 Wochen arbeiten wird.

Es ist Montagmorgen, und alle sind da. Haus-Dramaturgie, Marketing, Regieteam, Schauspieler:innen, Requisiteurin, Techniker, Alle. Jetzt gehts los: Konzeptionsprobe. Wir stellen einmal allen Anwesenden unsere bisherigen Ideen vor: Inszenierungsansätze, Bühnenskizzen, Musiksnippets, Kostümideen, und so weiter. Jetzt gehts richtig los. 10 Blogeinträge nach der Pressekonferenz im Juli gehts jetzt so richtig los. Wir starten.
Wir starten – nach einer kurzen Kaffeepause – damit, den Text von Laura Nauman gemeinsam, vor Ort, fast ohne Zoom (Kathi Eingang ist nach ihrer abenteuerlichen Einreise aus Österreich noch bis Mittwoch in Quarantäne), Skype oder Facetime zu lesen.
Wir starten. Auf Seite 3. Die Schauspieler:innen beginnen den Text zu lesen, der Rest liest quasi mit.
Immer wieder unterbrechen wir uns selbst, unterbrechen uns, um zu disktuieren, welchen Strich wir gerade noch sinnvoll finden oder eben gerade nicht mehr. Wir unterbrechen uns, um zu sprechen. Wann kommt ein Videoeinspieler, wann Musik, ob und wann sprechen wir chorisch, wer spricht dann im Chor. Wir unterbrechen uns, um uns Fragen zu stellen.
Heute ist Konzeptionsprobe. — Christian Schuller ist als Dramaturg grad dazugestoßen und wird den Bereich Internetdramaturgie fokussieren.

 

NEUN

Alles auf Start
02. Dezember 2020

In einer Woche starten die Proben. Mitten im zweiten Lockdown. Zum Glück. Die Tickets sind gebucht, im ICE Sprinter zu nachtschlafender Zeit werden Matthias und Schubert und ich aus Hamburg anreisen, Kathi Eingang wird dann Darmstadt schon erreicht haben und sich in Quarantäne begeben, alles ist vorbereitet, um die ersten Tage mit ihr, aus Österreich eingewandert, per Zoom verbringen zu können. Wir haben geplant und gestrichen und vorbereitet und zugepackt und nun werden wir sehen, was uns die Realität bringt, was wir gemeinsam schaffen, was möglich werden wird. Heute haben wir uns zusammengezoomt, um alle Drehs und alle Dispositionen und alle Vorplanungen abzustimmen und gemeinsam nachzudenken: Wie werden wir diese wiedermal besondere oder langsam dann fast schon eingeübt distanzierte Konzeptionsprobe gestalten? Kathi auf der Leinwand, wir übernächtigt und der Dezember ohne jegliche Vorstellungen von morgens bis abends im Originalraum… Und was für eine Premiere werden wir im Januar erreichen?

In den Startlöchern und auch ein schon allzu vertrautes Bild digitaler „Intimität“ – per Zoom zu Besuch zu Hause: Bei mir, Marie Gottschalck, Matthias Schubert, Kathi Eingang und Christian Schuller.

ACHT

Musikalische Notiz II
Wie alles zusammenhängen soll
18. November 2020

Für die einzelnen Übergänge zwischen den Szenen, werden Elemente des Hauptthemas verwendet, welche einen musikalischen Rahmen um das Stück bilden. Diese kurzen Elemente (mal Synthesizer, mal Bläser, mal E-Bass, Klavier und Schlagzeug) dienen der dramaturgischen Trennung der einzelnen Szenen. Wie können wir immer wieder, egal wie dunkel sich die Szene einfärbt, auch die Dramedy als emotionalen Unterton gestalten?

Die Titel der einzelnen Szenen (z.B. „Sonntagmorgen wenn niemand eine Hose trägt und alle ein Frühstück wollen“) sind als Videoprojektion auf der Rückwand des Bühnenbildes zu lesen. Zum auditiven Umgang mit den einzelnen Szenentiteln gibt es mehrere Ideen:
1. Die Titel werden durch eine/einen imaginären Moderatorin/Moderator als Einspieler zur Musik vorgetragen. | 2. Die Schauspielerinnen sprechen die Szenentitel über ein Mikrofon live ein. Hier ist es spannend aus welcher Perspektive die Szene eröffnet wird. Welche Rolle erzählt die nächste Geschichte? | 3. Die Szenentitel werden nur über den Text der Videoprojektion dargestellt.

Und wie gestalten wir die visuellen Welten? Wo verbinden wir die gedanklichen und narrativen Linien visuell vom Swimmingpool zum Haifischbecken, von der fiktiven Ausstellung „Home Stories of a Time long gone : 2014“ mit heute? — Matthias Schubert & Kathi Eingang & Yours truly

SIEBEN

Nikita: Gedanken über ein Geheimnis
17. November 2020

… erst dachte ich, das ist ein ganz geheimnisvoller Mensch, der etwas magisch Anziehendes hat, das alle um ihn herum ergründen möchten. Inzwischen denke ich, das ist so ein Heraushalter, der keine eigene Meinung hat, keinen Standpunkt, Fragen mit Gegenfragen beantwortet, der damit keine Auseinandersetzung und Reibung zulässt und für seine Mitmenschen nur so interessant ist, weil sie sich selbst in ihm spiegeln können. Man kennt doch solche Begegnungen; man fühlt sich erstmal sehr wohl und verstanden und wacht am nächsten Morgen mit einem schalen Gefühl auf, weil der andere nichts Wesentliches von sich preisgegeben hat, während man sich selbst geöffnet hat und nicht weiss warum. Der andere hat jetzt ein Wissens- und Machtvorsprung, nur er kennt die Regeln. Ich denke Nikita ist ein ER, wahrscheinlich weil ich durch Christianes Brille gucke und weil Hans Nikita ist. Er bedient also die Not, Eitelkeit und Einsamkeit der anderen. Aber warum macht er das? Was wäre sein persönliches Anliegen, sein Interesse, seine Absicht? Ausgesprochenerweise hat er das ja gerade nicht! Es könnte also eine eingesetzte KI sein, um aus den Menschen das Beste und Schlechteste heraus zu holen und sie in ihrer Persönlichkeit sichtbar zu machen.
Aber wer hat sie eingesetzt???
Oder doch nur eine Nicht-Persönlichkeit, die anderer Leben und Leiden abgreift… — Karin Klein, 4.11.20

Für mich ist Nikita eine Figur Mitte/Ende 20. Als Non-binäre Person sprengt sie, das heteronormative Weltbild auf und findet auf diese Weise Zugang zu jeder der anderen Figuren. Sie interessiert sich nicht für die Berufe, das Geschlecht oder irgendwelche anderen Äußerlichkeiten der Anderen, sie interessiert sich für den Menschen an sich, für seine Gefühle und seine Geschichte. Nikita ist es egal, was für einem Geschlecht ihr Gegenüber angehört. Ihre sexuelle Orientierung ist in meiner Lesart asexuell, sie hat kein Interesse an sexuellen Interaktionen jeglicher Art und auch wenn es um Beziehungen geht. Nikita ist sich selbst genug, sie hat ihre Art zu Leben für sich selber gefunden. Sie geht an Orte, die sie interessieren. Sie entscheidet selbst, wo sie wann wie lange sein will. Sie ist eine Figur, die sich an keinen Moment festlegen möchte, um ihre Freiheit nicht zu verlieren. Ihr sind sowohl Äußerlichkeiten als auch Meinung von anderen über sie egal. Ihr erster Eindruck auf Menschen ist sehr offen, liebevoll und hilfsbereit. Sie hört den Menschen zu. Aber über allen steht immer sie selbst. In dem Moment wo für sie etwas aus erzählt ist oder sich eine neue Möglichkeit für sie auftut, wird sie sie ergreifen und gehen, egal was die Konsequenzen sind.  Nikitas Eigenschaft, die also über allen steht ist Egoismus.  In einem Stück in dem allen Figuren nach ihren eigenen Perfektionismus streben, ist Nikita die Perfektion schon gelungen.
Der perfektionierte Egoismus. — Marie Gottschalk, 29.10.20

Mehr zu Nikita im Januar in FÜNFZEHN.

SECHS

Dystopie oder Dramedy
25. Oktober 2020

„Und während (…) die ‚westlichen Werte‘ doppelbödig und wir uns selbst unheimlich werden, entstehen uns durch den Klimawandel Bedrohungen von solchem Ausmaß, dass paradoxerweise in der Explosion von Ungleichheiten wieder eine neue Gleichheit erscheint. Nämlich die Gleichheit, auf dieser Erde als Menschheit überleben zu wollen.“ — Marion Detjen in DIE ZEIT, 8. September 2020 über Intersektionalität

FÜNF

Sprinter nach Darmstadt, Masken und Risikogebiete überall
20. Oktober 2020

Gestern war es soweit, nach vielen Telefonaten und Mails hatten wir den Entwurf finalisiert und endlich kommt wieder Leben in den Theateralltag. Aber wie anders sich alles anfühlt. Mit dem frühen Sprinter um 5:51 von Hamburg Altona nach Darmstadt, da ist noch alles leer, auch die Innenstadt in Darmstadt, relativ leer, aber Masken überall. Im Theater dann eine Schleuse samt Personendatenerfassung und in der BP dann viele Menschen, die auf Abstand die Tribünen füllen und wir tragen fast die ganze Zeit Masken, nur wenn der Abstand wirklich riesig ist, dann lupfen wir sie kurz, um uns mal zu zeigen, wie wir eigentlich aussehen. Ein sonderbares Gefühl, soviel neue Kolleg*innen und die Gesichter sind nur halb zu sehen, keine Handschläge, alles sehr konzentriert und herzlich, aber auf Entfernung.

Wir haben einen Entwurf erarbeitet, der die COVID-19-Notwendigkeiten konzeptionell aufnimmt und spielerische Motive schafft: Die very well-made Dramedy von Laura Naumann bekommt eine dunklere Grundierung – „Still life of a time gone by, 2014“.

Kathi Eingangs Entwurf verknüpft den Exhibition-Aspekt mit der Einsamkeit einer modernen urbanen Lebenswelt

VIER

Musikalische Notiz I
28. August 2020

Das Stück hat mir schon nach dem ersten Lesen sehr gut gefallen, auch wenn (oder gerade weil) ich die Figuren als sehr überzeichnet und Stereotyp-bedienend wahrgenommen habe. Die Figurenkonstellation ist schon sehr speziell. Ein Stück mit viel Energie und Humor.  Ich mochte die Geschwindigkeit und Rhythmik der Dialoge, das Stück kam mir stellenweise schon fast gehetzt/hektisch vor. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass man bei einigen Dialogen die Stimmung/Wirkung einzelner Szenen auf „Knopfdruck“ durch Musik & Lichtwechsel verändern kann. Somit kann man das rhythmische Gefühl des Textes noch verstärken und unterstützen. 

Die Soundwelt die ich mir während des Lesens vorstellte könnte man als eine Art elektronischen Synthesizer-Soundtrack für eine absurde Sitcom beschreiben. Ein Hauptthema für Stückbeginn und Übergänge, welches in veränderter Form und fragmentiert in den Szenen verwendet wird. Den einzelnen Figuren könnten kurze „Keynotesounds“ zugeordnet sein für Boris z.B. ein digitale Glockengeräusch wie im Flugzeug und für Christiane die Anfangstöne eines Newsflashjingles. Um einzelne Monologe zu unterstützen und um tiefer in die Innenwelten der Figuren zu tauchen könnten abstraktere Synthesizersoundscapes dienen. Generell stelle ich mir das Stück, als eine sehr energetische, schnell getaktete Inszenierung mit vielen Klängen vor. – Matthias Schubert

DREI

Dramaturgische Notiz I
13. Juli 2020

Und was wäre, wenn es gar nicht die leibliche Tochter der Moderatorin ist? Ein Fake: Die Neudefinition von Familie, einer existentiellen Gemeinschaft, um zu überleben, um so etwas wie Wärme und Geborgenheit zu konstruieren. Genauso wie das Zusammenleben mit dem „Freund“. Der Bi-Mann sucht einfach eine Homebase, mehr nicht. Der Zweck heiligt die Mittel und konstruiert eine ‚Familie‘. Und weil alles Konstruktion ist, brauchen sie Nikita – ein Retter, eine androgyne Mitte, ein Kraft- und Wärmespender, ein „Echter“, ein Liebender, ein Sorgender, eine Projektion? Swimmingpool und Haifischbecken hängen für mich unmittelbar zusammen. Swimmingpool ist die Badewanne, der Rotwein, das Home-Castle. Haifischbecken das Leben, die Karriere, die Umwelt, die Erwartungen, die Gefahr. Nikita ist ein Weltenwandler, ein Noah, eine Projektion, ein Nichts, ein Lockdown. – Oliver Brunner

ZWEI

Erste Gedanken zur Verortung
11. Juli 2020

„Raus aus dem Swimmingpoool – Rein in mein Haifischbecken“ – der Titel macht doch direkt Lust auf mehr, oder? Allein aus dem Titel leiten sich für mich viele Interpretationen ab: Raus aus der Komfortzone – Rein ins Ungewisse. Aber nicht irgendeines, sondern mein ganz persönliches. Mein Ungewisses, mein Haifischbecken. Wenn es aber MEIN Haifischbecken ist, ist es dann überhaupt noch ungewiss? Dann müsste man es doch kennen oder nicht? Man weiß, was es ist – aber nicht was dort passiert…

Realismus oder Symbolismus? Was braucht die Szene? Was gucken wir gern an? Was wollen wir erzählen?

Der erste Gedanke zur Bühne war ein in die Jahre gekommener, ausgelassener Swimmingpool, der zur Wohnung umfunktioniert wurde. Jeder Spieler, der den Pool verlässt, geht in sein persönliches Haifischbecken, bei dem man zwar genau weiß wie es dort ist, aber eben nicht was dann dort geschehen wird: Die Tochter hat seit kurzem ihren ersten richtigen Job und bekämpft dort ihre ständige Angst zu versagen bzw. nicht gut genug zu sein. Die Mutter freestyled vor dem Teleprompter und sucht nach einer Scheidung mehr Sinn in dieser Welt. Der Freund der Tochter muss die Launen der Passagiere des Airbusses aushalten, welche manchmal sogar an Belästigung grenzen, dabei will er doch einfach nur gesehen werden und dann gibt es da noch Nikita.

Nikita, das große Mysterium, wo keiner so recht weiß wer er oder sie ist, woher die Person gekommen und letztendlich auch wieder verschwunden ist. Am Ende wirkt es so, als wäre der Swimmingpool der anderen, das Haifischbecken von Nikita. Also vielleicht doch lieber ein Haifischbecken als Bühnenbild?

Die Story selbst finde ich super realistisch! Vor allem das Verhältnis von Mutter und Tochter. Sie stehen sich nahe und helfen sich gegenseitig.
Die Tochter zieht mit Freund bei ihrer Mutter ein, um sie nach der Scheidung zu unterstützen, dafür macht die Mutter sämtliche Mental-Breakdowns der Tochter mit und baut sie irgendwie dann doch wieder auf. Ein humorvolles, unterhaltsames, knackiges Stück mit viel Raum für Fantasie. Diesen Raum will ich auch nutzen und hoffentlich finden wir genug Platz auf der doch sehr breiten aber wenig hohen Bühne. Da es auch fix eingebaute Elemente auf der Bühne gibt, ist man hier natürlich in der Sicht und Gestaltung etwas eingeschränkt.
Wobei eingeschränkt das falsche Wort ist, man hat gewisse Vorgaben und diese gilt es im Bühnenbild miteinzubeziehen und mitzudenken. Bis jetzt stecken wir noch in der Entwurfsphase, welche bei mir, vor allem bei diesem Stück, nahezu jeden Tag neue Ideen, Fantasien und einen enormen Papierverschleiß hervorbringt.
Vielleicht wird es ein Pool, vielleicht ein Haifischbecken, vielleicht ein Aquarium oder doch eine normale Wohnung? Mal sehen was die nächsten Wochen bringen. – Kathrin Eingang, Bühne, Kostüm & Video

Aus dem Entwurfbuch von Kathi Eingang

EINS

Fragen zur Pressekonferenz
1. Juli 2020

Was ist Ihre Assoziation zu dem neuen Spielzeit-Motto: „Komm ins Offene“ in Zeiten der Pandemie? 

Vielschichtig. Wir alle wollen in diesem Moment wieder ins Offene, in die Welt draußen. Wollen, dass es weitergeht, aber wollen auch, dass etwas neu startet. Dass eine offenere, durchlässigere, solidarischere, achtsamere Welt entsteht aus der Krise – und gleichzeitig raten Wirtschaftsexperten bereits offensiv,  auf keinen Fall gleichzeitig Konjunktur und Klima zu bearbeiten. Aber für mich hängt das alles zusammen. Als der erste Shutdown kam, haben viele meiner Freund*innen aufgeatmet in einem Gefühl, das neben der Sorge umeinander voller Hoffnung war, dass jetzt etwas stehenbleibt und ganz anders entwickelt werden kann. Gleichzeitig klingt Hölderlins Satz in mir auch wie ein „Öffne Dich dem Ungewissen“, wenn ich es mit heute zusammendenke…

Wie passt „Raus aus dem Swimmingpool“ zu diesem Motto? 

In „Swimmingpool/Haifischbecken“ stoppen die Menschen mehr oder weniger freiwillig ihre Leben, hadern mit ihren Lebensentwürfen und fechten ihre Ansprüche ans Leben (hochamüsant und) brutal miteinander aus: Die Mutter will mehr Sinn, die Tochter mehr Leistung, der Freund mehr Wahrnehmung – und dann kommt noch ein Sehnsuchtsmensch dazu. Ihnen bleibt nur das Offene, wenn sie ihre Leben konstruktiv gestalten wollen – und für mich ist allein der Titel bereits assoziativ im Bezug zum Motto: Raus aus der Gated Community der abgesicherten Wirklichkeit der eigenen Konzepte und Annahmen, rein ins pralle, wirkliche Leben voller Adrenalin und Gefahren. Ein Riesenspaß.

Was reizt Sie an dieser spätkapitalistischen Geschichte? An diesem Text?

Dass es eine hochspannende, melancholische Komödie über Lebensentwürfe in Zeiten der Krise ist. Jetzt ist der Moment. Was wir in Amerika beobachten. Was wir im Weltklima wahrnehmen. Wie COVID19 unsere Fragilität herausgearbeitet hat. Da kann doch Kapitalismus nicht mehr das Lösungsangebot sein. Eine Nachrichtensprecherin, die in laufender Sendung aus ihrem Job aussteigt und in die Wohnzimmer hinein alles in Frage stellt, eine Tochter, die so eine Mutter naiv findet und sich in vollem Tempo aus der Kurve haut, bildlich und real sich beide Arme bricht vor lauter Leistenwollen und der (Lufthansa-)Steward, der Anerkennung haben will – Menschen, die um ein glückliches Leben kämpfen. Für mich finden die ihr Glück und ihre Erfüllung nicht in diesem System. Der Text oszilliert um die Themen unserer Zeit.

Dank für die Fotos an: unsplash. Und an Christian Schuller für viel Probenfotos. Karin Klein für die Erinnerung an Zeiten im Studio. Und an Kathi Eingang für die Entwürfe und Abbildungen unserer Konzeption. Dank für die Musik natürlich an Matthias Schubert, dessen Rolle in unserer Arbeit plötzlich und unerwartet zur Hauptrolle wurde!

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