Blog Kunst kommunizieren

Making-of Raus aus dem Swimmingpool, rein in mein Haifischbecken

Wenn wir über White Privilege sprechen, denken wir an Amerika. Rassistisches, klassistisches Denken bestimmt unseren Alltag indes auch in Europa und in Deutschland. Vielleicht ist das Unbehagen einer der vier Protagonist*innen unseres Stückes, das der Nachrichtensprecherin Christiane, symptomatisch für eine Erschöpfung ihrer und unserer Moralvorstellungen und Werteverabredungen:
„Wird man seiner Verantwortung als mündiger Bürger gerecht, indem man die immer gleichen Meldungen konsumiert? – Was nützt es, informiert zu sein, wenn man doch nichts ändert?“
Mit diesen Sätzen kündigt sich ein Nervenzusammenbruch in die deutschen   Wohnzimmer zur Hauptsendezeit an und das kommt Tochter Moana gänzlich ungelegen, hat sie sich eh grad schon beide Arme gebrochen – und dabei war sie doch auf der Überholspur! Jetzt fürchtet sie um ihre Durchsetzungskraft in der Unternehmensberatung, der sie 24/7 vollen Einsatz geschworen hat. Und ihr Freund Boris wiederum ist nicht nur in diesem Mutter/Tochterkonflikt am Boden der Tatsachen angekommen, sondern auch in seiner Berufung – als Servicekraft bei einer Airline. Einzig das Mysterium Nikita, Vierte/r im Bunde, behält alle Karten in der Hand – samt der Genderzuordnung. Und alle scheinen ständig zuhause zu sein…

Kurzum: Laura Naumanns Text von 2014 wirkt wie frisch (für die Corona-Krise) geschrieben. Sie selber hat von Corona übrigens ziemlich amüsant in ihrer Rang I-Kolumne erzählt.

In den kommenden Wochen schreiben wir wieder gemeinsam an der Geschichte der Entstehung dieser Arbeit, wie schon bei „Niemand wartet auf Dich“ wechseln sich Perspektiven und Textformen, Pläne und Skizzen miteinander ab. Es ist die erste Arbeit, die wir von Anfang an mit der COVID-19-Situation im Kopf konzeptionieren. Der Blog wird gefördert von der Kulturhilfe des Landeskulturverbands Schleswig-Holstein.

DREI

Dramaturgische Notiz I
13. Juli 2020

Und was wäre, wenn es gar nicht die leibliche Tochter der Moderatorin ist? Ein Fake: Die Neudefinition von Familie, einer existentiellen Gemeinschaft, um zu überleben, um so etwas wie Wärme und Geborgenheit zu konstruieren. Genauso wie das Zusammenleben mit dem „Freund“. Der Bi-Mann sucht einfach eine Homebase, mehr nicht. Der Zweck heiligt die Mittel und konstruiert eine ‚Familie‘. Und weil alles Konstruktion ist, brauchen sie Nikita – ein Retter, eine androgyne Mitte, ein Kraft- und Wärmespender, ein „Echter“, ein Liebender, ein Sorgender, eine Projektion? Swimmingpool und Haifischbecken hängen für mich unmittelbar zusammen. Swimmingpool ist die Badewanne, der Rotwein, das Home-Castle. Haifischbecken das Leben, die Karriere, die Umwelt, die Erwartungen, die Gefahr. Nikita ist ein Weltenwandler, ein Noah, eine Projektion, ein Nichts, ein Lockdown. – Oliver Brunner

ZWEI

Erste Gedanken zur Verortung
11. Juli 2020

„Raus aus dem Swimmingpoool – Rein in mein Haifischbecken“ – der Titel macht doch direkt Lust auf mehr, oder? Allein aus dem Titel leiten sich für mich viele Interpretationen ab: Raus aus der Komfortzone – Rein ins Ungewisse. Aber nicht irgendeines, sondern mein ganz persönliches. Mein Ungewisses, mein Haifischbecken. Wenn es aber MEIN Haifischbecken ist, ist es dann überhaupt noch ungewiss? Dann müsste man es doch kennen oder nicht? Man weiß, was es ist – aber nicht was dort passiert…

Realismus oder Symbolismus? Was braucht die Szene? Was gucken wir gern an? Was wollen wir erzählen?

Der erste Gedanke zur Bühne war ein in die Jahre gekommener, ausgelassener Swimmingpool, der zur Wohnung umfunktioniert wurde. Jeder Spieler, der den Pool verlässt, geht in sein persönliches Haifischbecken, bei dem man zwar genau weiß wie es dort ist, aber eben nicht was dann dort geschehen wird: Die Tochter hat seit kurzem ihren ersten richtigen Job und bekämpft dort ihre ständige Angst zu versagen bzw. nicht gut genug zu sein. Die Mutter freestyled vor dem Teleprompter und sucht nach einer Scheidung mehr Sinn in dieser Welt. Der Freund der Tochter muss die Launen der Passagiere des Airbusses aushalten, welche manchmal sogar an Belästigung grenzen, dabei will er doch einfach nur gesehen werden und dann gibt es da noch Nikita.

Nikita, das große Mysterium, wo keiner so recht weiß wer er oder sie ist, woher die Person gekommen und letztendlich auch wieder verschwunden ist. Am Ende wirkt es so, als wäre der Swimmingpool der anderen, das Haifischbecken von Nikita. Also vielleicht doch lieber ein Haifischbecken als Bühnenbild?

Die Story selbst finde ich super realistisch! Vor allem das Verhältnis von Mutter und Tochter. Sie stehen sich nahe und helfen sich gegenseitig.
Die Tochter zieht mit Freund bei ihrer Mutter ein, um sie nach der Scheidung zu unterstützen, dafür macht die Mutter sämtliche Mental-Breakdowns der Tochter mit und baut sie irgendwie dann doch wieder auf. Ein humorvolles, unterhaltsames, knackiges Stück mit viel Raum für Fantasie. Diesen Raum will ich auch nutzen und hoffentlich finden wir genug Platz auf der doch sehr breiten aber wenig hohen Bühne. Da es auch fix eingebaute Elemente auf der Bühne gibt, ist man hier natürlich in der Sicht und Gestaltung etwas eingeschränkt.
Wobei eingeschränkt das falsche Wort ist, man hat gewisse Vorgaben und diese gilt es im Bühnenbild miteinzubeziehen und mitzudenken. Bis jetzt stecken wir noch in der Entwurfsphase, welche bei mir, vor allem bei diesem Stück, nahezu jeden Tag neue Ideen, Fantasien und einen enormen Papierverschleiß hervorbringt.
Vielleicht wird es ein Pool, vielleicht ein Haifischbecken, vielleicht ein Aquarium oder doch eine normale Wohnung? Mal sehen was die nächsten Wochen bringen. – Kathrin Eingang, Bühne, Kostüm & Video

Aus dem Entwurfbuch von Kathi Eingang

EINS

Fragen zur Pressekonferenz
1. Juli 2020

Was ist Ihre Assoziation zu dem neuen Spielzeit-Motto: „Komm ins Offene“ in Zeiten der Pandemie? 

Vielschichtig. Wir alle wollen in diesem Moment wieder ins Offene, in die Welt draußen. Wollen, dass es weitergeht, aber wollen auch, dass etwas neu startet. Eine offenere, durchlässigere, solidarischere, achtsamere Welt entsteht aus der Krise – und gleichzeitig raten Wirtschaftsexperten bereits offensiv nun nicht gleichzeitig Konjunktur und Klima zu bearbeiten. Aber für mich hängt das alles zusammen. Als der Shutdown kam, haben viele meiner Freund*innen aufgeatmet in einem Gefühl, das neben der Sorge umeinander, voller Hoffnung war, dass jetzt etwas stehenbleibt und ganz anders entwickelt werden kann. Gleichzeitig klingt Hölderlins Satz in mir auch wie ein „Öffne Dich dem Ungewissen“, wenn ich es mit heute zusammen denke…

Wie passt „Raus aus dem Swimmingpool“ zu diesem Motto? 

In „Swimmingpool/Haifischbecken“ stoppen Menschen mehr oder weniger freiwillig ihre Leben, hadern mit ihren Lebensentwürfen und fechten ihre Ansprüche ans Leben (hochamüsant und) brutal miteinander aus: Die Mutter will mehr Sinn, die Tochter mehr Leistung, der Freund mehr Wahrnehmung – und dann kommt noch ein Sehnsuchtsmensch dazu. Ihnen bleibt nur das Offene, wenn sie ihre Leben konstruktiv gestalten wollen – und für mich ist allein der Titel bereits assoziativ im Bezug zum Motto: Raus aus der Gated Community der abgesicherten Wirklichkeit der eigenen Konzepte und Annahme, rein ins pralle, wirkliche Leben voller Adrenalin und Gefahren. Ein Riesenspaß.

Was reizt Sie an dieser spätkapitalistischen Geschichte? An diesem Text?

Das es eine hochspannende, melancholische Komödie über Lebensentwürfe in Zeiten der Krise ist. Jetzt ist der Moment. Was wir in Amerika beobachten. Was wir im Weltklima wahrnehmen. Wie COVID19 unsere Fragilität herausgearbeitet hat. Da kann doch Kapitalismus nicht mehr das Lösungsangebot sein. Eine Nachrichtensprecherin, die in laufender Sendung aus ihrem Job aussteigt und in die Wohnzimmer hinein alles in Frage stellt, eine Tochter, die so eine Mutter naiv findet und sich in vollem Tempo aus der Kurve haut, bildlich und real sich beide Arme bricht vor lauter Leistenwollen und der (Lufthansa-)Steward, der Anerkennung haben will – Menschen, die um ein glückliches Leben kämpfen. Für mich finden die ihr Glück und ihre Erfüllung nicht in diesem System. Der Text oszilliert um die Themen unserer Zeit.

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