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Theatermagazin 2: Zeit

Die Suche nach zusätzlichem, zukünftigem Stammpublikum (bereit und zahlungskräftig für ein Bindungsmodell wie ein Abo) führt Theater immer wieder zu ähnlichen Zielgruppen. Und auf diese demographische Generation zielt offenbar eine Vielzahl unterschiedlichster Branchen in der Hoffnung, neue „Kundschaft“ anzulocken und zu binden, vom Zeitungsverlag über die Computerindustrie bis zur Stiftung, alle suchen: Solvente, gebildete Menschen zwischen 30 und 55 – Menschen, die akribische Zeitmanager sein müssen, um ihren (Arbeits-)Alltag zu bewältigen.

Wir vermuten diese Personengruppen hier in Hamburg immer wieder in den Kreativberufen der Werbeindustrie und im Designgeschäft, lokalisieren sie fiktiv irgendwo zwischen Schanzenviertel und St. Pauli – aber das sind vermutlich Wunschträume nach einer einfachen, greifbaren und sogar räumlich überschaubaren Realität. Die Wirklichkeit ist (glücklicherweise) verschlungener. Aber auch wenn wir die Gruppe ausweiten auf jeglichen Akademiker mit festem Einkommen bleibt die Schwierigkeit begreifbar, Menschen zur Bindung an ein Produkt zu bewegen. Denn das ist mein Thema hier: Wie entsteht eine neue Schicht jüngerer Abonnenten, die sich mit dergleichen Leidenschaft wie ihre Elterngeneration „in Serie“ mit Kunst auseinandersetzen. Kunstgenuß will einstudiert werden. Nicht umsonst sind die Erfahrungen der Praxis: Theaterabonnenten sind aufgeschlossene, unspießige Kunstliebhaber, die schon viel gesehen haben und einiges aushalten.

Aber nicht nur dass die Idee eines verbindlichen Stammpublikums heutzutage entgegen jedweden Trends agieren müsste (entpackaging überall!) … Offenbar hat es einen ganz anderen, nachvollziehbaren Grund, warum grade ein Theaterpublikum sich in der Überspitzung oftmals aus ganz jungen Menschen (Studenten) und einer gereiften Generation zusammensetzt: Weder Solvenz ist dabei das alles entscheidende Thema, noch der Umgang mit kulturellen Gütern – also das Wissen um einen gemeinsamen Kanon, das Erlernen eines gesellschaftlich verabredeten Grundrepertoires theatralischer Werke. Sondern einer der Hauptgründe, warum Menschen meiner Generation nicht so häufig Kunst konsumieren, wie es sie vielleicht sogar eigentlich wollen würden, könnte in einem simplen Faktum begründet liegen: dem Fehlen von Zeit. Aufbau und Sicherung einer gesellschaftlichen Existenz, die ersten Kinder, die Arbeitsbelastung einer immer rasanter sich global bewegenden und kommunizierenden Realität – das alles führt nicht zwangsäufig zu einer gesunden Work-Life-Balance.

Darüber haben wir nachgedacht, als wir im zweiten Magazin (nach dem ersten Theatermagazin zum Thema „Treue„) für das Thalia Theater erneut am Image des Abonnements arbeiten wollten. Verführt uns vielleicht ein Abonnement nicht gerade zu mehr Disziplin für uns selber? Ist das Einplanen und Vororganisieren von Terminen nicht erleichternd in einer Zeit, in der die totale Flexibilisierung und Unverbindlichkeit ein ununterbrochenes Multitasking sogar im Privatleben einfordert? Das waren unsere Grundannahmen in der Realisation eines der Wirklichkeit seiner „Kunden“ zugewandten Theatermagazins – auch für (Noch-)Nicht-Theatergänger.

Wie gehen wir eigentlich um mit unserer Zeit?

Thalia Magazin #2: Zeit

 

 

1 Kommentar zu “Theatermagazin 2: Zeit

  1. […] haben wir uns bereits dem Image altmodischer Tugenden in vielstimmigen Magazinen zugewandt, z.B. Zeit und Treue. Diesmal wird es […]

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