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Making-of Gespenster

LOGBUCH | Lockdown 2021

Wir hatten Zeit. Und gleichzeitig war diese Zeit voller Sorge und stoßweise voller Betriebsamkeit und Hektik. Wir wussten nicht, wann der Spielbetrieb weitergeht. Alles in permanenter Bewegung.  Vieles gleichzeitig. Für die Festangestellten im Theater eine ebenso große Herausforderung wie für die Freelancer. Wir wollten diese Zeit nutzen und vor der Sommerpause die Konzeption so weit vorantreiben, dass die Spieler:innen bereits eine Fassung mit in die Ferien nehmen können, dass die Werkstätten und Gewerke schon mit unseren Ideen arbeiten können. Eine luxuriöse und ungewöhnliche Situation. Im Folgenden rekonstruieren wir diesen Arbeitsweg und schreiben das work-in-progress fort. Und ebenso verschlungen wie Ibsens Erzählung springen wir in unseren Erinnerungen vor und zurück. — 16. Juli 2021

SECHS

Besuch vom Exorzisten: Manders
3. August 2021

In unserer Besetzung erzählt sich die Geschichte auch als Liebesgeschichte: Manders und Helene kennen sich seit über zwanzig Jahren, wahrscheinlich genau ein Jahr länger als Osvaldo Alter. Sie waren jung, er ein junger Priester, sie frisch verheiratet mit dem viel älteren Mann. Für sie war er ein möglicher Rettungsanker und sie wurde für ihn zur Gefahr. Nicht nur für seine Karriere, sondern für seine Entscheidung. Und je mehr er diese Gefühle abgetötet hat, desto brachialer entwickelte sich sein Weltbild und sein Selbstbild, seine Selbstgerechtigkeit. Er und die Kirche hatten die Macht, über das seelische, geistige Wohl des Umfelds zu entscheiden, die moralischen Daumenschrauben anzulegen und einzuteilen, was richtig und was falsch ist. Wo kommt er her? In meiner kleinen Erzählung hier und heute wäre schlüssig, dass er selber ein Waisenkind ist, dass in einem kirchlichen Institut aufgezogen (und programmiert, infiltriert, erleuchtet) wurde. Seine Ansichten über „das Leben“ wurden firm gezimmert und dieses kurze Flackern von Lust und Zuneigung mit Helene hätte das gesamte Bauwerk einstürzen lassen können. Entsprechend besonders ist diese Begegnung zwanzig Jahre später. Er hat mit ihr über die „richtige Sicht“ auf die Welt diskutiert, über die einzige Art wie man leben sollte und sie hat ihre ganz eignen Schlüsse daraus gezogen, wie sagt, hat sie an seinen Lehren entlang begonnen nachzudenken und nicht mehr aufhören können, bis sie den ganzen Faden in der Hand hatte, das Gewebe aufgeriffelt war. Ist die Begegnung, die wir erleben werden, ein Duell? Ein Kampf auf Leben und Tod um „die Wahrheit“? Hat diese Anziehung zwischen den beiden noch einen Wert, noch eine Kraft? Ist es ein Machtkampf um die Deutungshoheit? Denn die toxische, maskuline Welt der (kolonialistischen) Privilegien wird von wenigen Instituten so traditionsreich bebildert wie von von der Kirche. Wenn Helene die Statue stürzen will, dann kann er es nur persönlich nehmen. Kann es in so einem Kontext überhaupt noch Raum für Liebe geben? Oder für Lust? Wer exorziert hier wen?

Moods von Frank zu: Manders, dessen Vornamen wir nicht wissen und den wir von Helene auch einfach immer mit dem „Manders“ anreden lassen.

FÜNF

Notizen zum Text
22. Juli 2021

Wenn ich mich an diesen Arbeitsprozess zurück erinnere, dann fällt mir als Erstes das Wort Essenz ein. Wie Kerstin und ich Szene für Szene danach geschürft haben, was ist das Wichtigste dieser Szene für mich? Wie sind die Konflikte noch höher zu treiben? Wann lenken wir kurz ab, wann geht es um Verschnaufpausen? Wieviel der Statusgesellschaft 1890 können wir retten, wieviel davon braucht es für die Handlung und wann wird es schnuckelig wie ein Häkeldeckchen? Mir kam immer wieder bei den ausführlichen Beschreibungen auch des Raumes von Ibsen in den Kopf, dass das damals absolut neuartig war, dieser Realismus. Und dass Ibsen diesen fast naturalistischen Ansatz aber symbolistisch auflädt. Und das beginnt schon beim Titel. Diese „Wiedergänger“, diese unverarbeiteten Zombies, die den Menschen durchs Hirn spuken und deren Leben versauen durch falsch verstandene oder pervers tradierte moralische Vorstellungen, die sollen ans Licht gezerrt werden – auf dass die Zusehenden erschauern und sich mehr trauen in ihrem Leben? Dabei ist auffällig wie immer bei Ibsen: Dass er die Hauptlast des Tragischen der Frau übergibt. Einerseits stemmt sie sich mit einer Kraft dem Verlogenen und Toxischen entgegen. Andererseits kann sie gegen diese verwickelten Seilschaften der ins Lächerliche ragenden Männer nicht gewinnen. Wie kriegen wir die Sprache der bereits großartig trockenen Übersetzung von Angelika Gundlach noch trockener, noch pointierter, noch brutaler? Wie wird dieses Duell zwischen Helene und Manders gleichzeitig auch ein Kampf um vertane Chancen, falsche Türen im Leben und um das Ende einer großen Liebe? Wie wird Osvald handfest greifbar und ein junger Mann, um dessen Absturz wir tatsächlich mitleiden? Wie kann Regines brutale Berechnung „sympathisch“ nachvollziehbar sein, wie wird sie zur ehrlichsten Figur im ganzen Stück – obwohl sie die meiste Zeit situativ anderen etwas vorspielt? Und wie wird Engstrand gerissen, grausam und lebensklug ohne auf eine fast Ohnsorg-putzige Art (und damit meine ich das Ohnsorg meiner Kindheit, das ich mit Begeisterung geguckt habe, wie alle Volkstheater ab Willi Millowitsch – nicht das jetzige moderne Ohnsorg am Hamburger Hauptbahnhof) der Humorgarant zu sein? Zu den Figuren schreibe ich vielleicht noch jeweils einzeln mehr. to be continued…

VIER.2

Raum und Visuals
3. August 2021

Am 21. Juni trafen Frank und ich uns in Berlin während der WA-Proben zu #dieWelle2020 und haben ganz klassisch und live und analog das Stück am Modell durchgearbeitet.

Wir haben unseren Entwurf überprüft im Motel ONE an der Gedächtniskirche in Berlin – und wir sind froh: Die scheinbar statische Handlung wird in Bewegung kommen. Und die Erkenntnisse über die Erzählform wird Konsequenzen haben für die Außenhülle.

Erstaunlich und doch fast banal: Live und zusammen haben wir ganz andere Dinge noch mal gesehen als via ZOOM. Der Widerspruch zwischen dem eleganten, cleanen Spiegelraum innen, Turandots Eishöhle/Helenes Raum, und dem verrotteten verbrannten Außenraum brachte uns noch einen Gedanken weiter: Was wäre, wenn der ganze Grusel dieser Familienaufstellung auch noch mehr Horrorelemente beisteuern würde? Dieser ganze kirchliche, brutale Zusammenhang, den Manders mitbringt? Dass diese Nischen, die man für geheime schnelle Absprachen vorbeiwehen lassen kann, wenn die sich ergänzen um Nischen voller Totems der Story, wie in einem Stephen King Roman…

Über den Weg dahin schreiben wir in VIER.1

VIER.1

Notizen zum Raum
21. Juli 2021

Die Arbeit am Raum hat sich neben der Arbeit am Text über mehrere Monate erstreckt. Frank hatte zuerst einen Entwurf im Kopf, der sich am Skandinavischen und an der szenischen Grundsituation orientierte: Einen in sich geschlossenen weiten leeren Raum mit einer Fensterfront im Hintergrund und nur einer einzigen Tür für Auftritte und Abgänge, also die Abstraktion dieses Ibsen’schen Wohnzimmers. Mit diesem Entwurf sind wir gedanklich umgegangen und merkten, dass etwas Entscheidendes fehlte, obwohl der Raum ästhetisch groß war. Für mich ging es immer wieder um die Frage, wie komme ich zwischen die Handlung? Diese Art Stoffe neigen dazu deutlich die Hand zu führen, wenn man sie nicht komplett auf links drehen sondern erforschen will. Ich wollte zwischen die einzelnen Szenen kommen. Einen Raum, der den Schauspieler:innen Aufgaben gibt, der sie körperlich in Bewegung setzte, weil das Stück scheinbar vorgibt, dass ständig gesessen und gesprochen wird.

Der durchstehende Einraum-Psychothriller, auch hier schon aufgeladen mit Licht und Schatten und E.A. Poes Raben.

Im nächsten Entwurf entsteht eine Erzählmaschine voller Spiegeln, das hat mich sofort fasziniert, die Mechanik, dass die Handlung immer wieder weitergedreht oder gestoppt wird, dass sich die Figuren mehr und mehr selber erkennen müssen. Und wer treibt die Handlung voran, wer schiebt sie an? Wo kann man sich heimlich treffen? Wer vertraut wem etwas an…

Und dann hat Frank noch einen Entwurf gemacht, der diese beiden Komponenten zusammenführte: Die geschlossene Kiste, in der sich im verregneten Fjord das Unglück entblättert und einem Spiegelkabinett wie auf dem Rummel. Auch aufregend.

Geschlossener Raum, Spiegelkabinett, Rummel, Kaleidoskop … Die Arbeit von mehreren Monaten.

Und das haben wir noch weiter gedacht und endeten bei einem Raum, auf den ich mich jetzt schon freue: Ein verspiegeltes Oktogon, das von verschiedensten Seiten genutzt werden kann. Das innen Geheimnisse und Verrat atmet und außen voller gruseliger Nischen Begegnungsort für schnellen, gehetzten Austausch von Vertraulichkeiten ermöglicht, dazu noch eine ganz andere Ästhetik, etwas Verwitterndes, Moderndes, Faulendes ist diese Außenhülle und innen ist dieser kühle Eispalast. Helenes Raum.

Von hier aus gehen wir weiter: Wer weiß was? Was ist wann zu sehen und was bleibt verdeckt, ist nur in der Spiegelung ahnbar? Was drängt mit welcher Kraft an die Oberfläche? Rorschachtests und doppelte Böden.

gespenster. lichtscheue beängstigende gestalten in einem sozialen korsett und einer von patriarchalischer dominanz geprägte gesellschaft. so reaktionär diese beschreibung auch klingen mag. so aktuell sind die faktoren von macht und manipulation, me too und scheinbarer gleichberechtigung. die konzeption bedient sich sehr bewusst verschiedener ästhetischer mittel, um die soziale interaktion der figuren und deren familiäre und gesellschaftliche abhängigkeit zu zeigen. der raum ist die bildgewordene macht quälender kaleidoskophafter sehnsucht nach dem ‚mehr‘ an möglichkeiten, das allen figuren immanent ist. in seiner vervielfältigungssystematik stellt er den figuren eine haltlose heimat entgegen, die jenseits psychologischer verankerung den figuren einen endlosraum entgegenstellt, in denen gefühle, wünsche, sehnsüchte und hierarchien verhandelt werden. mystische, verklärende und verstörende bildwelten und zitate aus dem leben des abwesenden, wenngleich doch auch nach seinem ablebenden dominierenden vater umkreisen die figuren innerlich, wie äusserlich. eine gespenstische schattenwelt, die sich nach erleuchtung sehnt. — Frank Albert, 19. Juli 2021

DREI

Tonalität: Die Struktur des Textes
April, Mai, Juni 2021

Die Suche nach einem direkten Ton, der die Geheimnisse nicht verrät, aber das Ornamentierte der Sprache aus den Angeln hebt, das hat Kerstins und meine Arbeit beflügelt. Die Sprache teilweise durch Striche so direkt zu machen, dass die Figuren jetzt mit uns sprechen, ein Aufbrechen der banalen Dialoge (Netflix 1890) in eine surrealere monologische Struktur… Und das Herausarbeiten der Figurenbeziehungen, das stand im Zentrum unserer Strichfassung, die wir via ZOOM immer wieder neu hin und hergespielt haben. Dabei hatte ich auch immer schon im Kopf, dass ich das Gruselige, das Perverse der Geschichte herausarbeiten wollte. Dass Manders Zugriff in die Geschichte nicht nur ein Beispiel toxischster Maskulinität ist und dazu einlädt, das Patriarchat abzufackeln, sondern: diese Übergriffigkeit der Kirche, dieses erstickende emotionale Motiv sollte einen Aspekt des Horrorgenres bedienen, wer schreibt hier wem zu, wie sie zu leben hat… Und diese Horrorelemente wurden auch wieder für den Raum wichtig.

Kerstin, yours truly und Frank am 31. Mai 2021 kurz vor der Sommerpause, die Textfassung ist fast fertig und kann vor dem Sommer verschickt werden und auch der Raum ist in den letzten Feinarbeiten. Musikbeispiel von Tom Lane, kurz vor dem Brand.
ZWEI

Helene
8. März 2021

Mit Moods und assoziativen Bildwelten sind Frank und ich in die Arbeit an der Konzeption gestartet. Parallel haben Kerstin und ich begonnen, die Fassung zu erarbeiten, nicht nur wegen möglicher COVID-19-Auflagen, sondern auch aus unserem Bedürfnis, diesen Text als eine Essenz der Konflikte und Emotionen zu begreifen ein aufwändiger Prozess. Ebenfalls zeitgleich sofort mit detaillierten Kostümentwürfen, mit Gedanken zu den Figuren. Wir wissen, dass unsere Besetzung ungewöhnlich in dem Sinne ist, dass die Protagonist:innen jung sind – und das finde ich natürlich sofort aufregend. Während die anderen Ibsen-Heldinnen oftmals den Titel schon beherrschen, wie Nora oder Hedda Gabler, ist Frau Alving in der Personenbeschreibung die Witwe des Hauptmanns und Kammerherrn. Also über den Status ihres Mannes gesellschaftlich definiert. In einer sozialen Enge an der Spitze einer kleinen Community etabliert aber eben auch festgefroren an einem Fjord wie in der Frau vom Meer. Das kann ich literarisch und theaterwissenschaftlich genießen, für die Theaterarbeit interessiert mich das wenig. Ich möchte auf eine duzende Ebene mit den Figuren kommen in diesem Fall, ich will verstehen, was diese ganzen Verklemmungen und Zurückhaltungen und Verdrängungen ermöglicht oder angetrieben hat. Warum hat Helene ihr Leben so gegen die Wand gefahren bei bester Versorgung? Eingekerkert in einer unglücklichen Ehe? Denn bei aller historisierender Distanz, für die wir uns sofort beim Kostüm entschieden haben, müssen wir ja ran an die Figuren, an Manders, an Helene, an Osvald.

Wenn die Schauspielerin jünger ist als die klassische Besetzung einer Mittfünzigerin, dann entstehen für mich dabei interessantere Setzungen und Deutungen: Is it a Golddigger trapped in an unhappy marriage? Quasi Milena Trump 2035, zu Sinnen gekommen? Warum hat diese Frau mit Anfang zwanzig ihr Leben auf einen viel älteren Mann eingestellt? Und wo ist sie dabei geblieben? Wie ging das Leben für sie weiter? Wo steht sie in dem Moment, wenn wir sie kennenlernen.

Dita van Teese, Penny Dreadful und ein Cul-de-Paris, das Korsett als tragbares Gefängnis

Die Schichtung verschiedener Elemente ermöglicht uns eine heutige Frau in die Verfremdung dieses Dramas zu setzen. Eine Frau mit Intellekt, Willen, Führungskraft und Leidenschaft, die nur noch mit Mühe die Fassade der Umgebung erträgt und aufrecht erhält. Die vielleicht mit beobachtender, ruhiger Lust den Zusammenbruch des Hauses Alving herbeiführt… und dabei einen unglaublichen Preis bezahlt.

EINS

Skandal 1890, skandalös 1988 – und 2022?
2. März 2021

Apropos Machtmissbrauch und das Ende toxischer Maskulinität in patriarchalen, kolonialistischen Herrschaftssystemen, das uns während des Lockdowns in unseren Arbeitsstätten in Aufregung versetzt in Berlin (Volksbühne, Gorki) und Düsseldorf:

Wenn übergroße Vaterfiguren zum Problem werden. Wenn es Zeit wird, sich von Illusionen zu verabschieden. Wenn Frauen sich aus tradierten Rollen herausarbeiten. Dann ist manchmal Henrik Ibsen kein schlechter Stofflieferant. Seine „Wiedergänger“, wie  der größte Theaterskandal des 19. Jahrhunderts, „Gengangere“, passender aus dem Norwegischen zu übersetzen wäre, war eines der ersten Dramen, das ich damals verschlungen habe, mit 17 in der rheinischen Provinz. Das war 1988. Draußen tobte eine Seuche. Aber damals war es keine multimedial ausgeleuchtete Epidemie, die uns alle betraf, sondern eine tückische virale Erkrankung, die oftmals junge Männer befiel, exzentrische Junggesellen hätte Tennessee Williams gesagt, und die starben brutal. Alterten im Zeitraffer und für eine zeitlang schien es keinen Ausweg zu geben außer dem Verzicht auf jede körperliche Nähe. Einige erinnern sich, dass es damals sogar einen Papst gab, der die Seuche als Strafe Gottes bezeichnete. Kurzum: Ibsens Drama um die Sünden der Väter und tödliche Familenmuster, „Gespenster“ von 1881, ging und geht mich persönlich an. Mal sehen, wie wir heute Hauptmann Alvings Asyl abfackeln werden… Premiere am 26. Februar 2022 im Stadttheater Wilhelmshaven. Raum, Kostüm und Video: Frank Albert. Dramaturgie: Kerstin M. Car. Musikalische Impulse: Tom Lane.

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