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Making-of Stecker ziehen

LOGBUCH | 05.2021 – 10.2021 |

Diese Arbeit war wegen COVID-19 um ein Jahr verschoben worden und wir stehen nun in den Startlöchern, um von September bis Ende Oktober 2021 die Uraufführung des Stücks über Stress bei Grundschülern zu realisieren. Im Folgenden skizzieren wir unsere Arbeitsprozesse der letzten und kommenden Monate.

If you see red, you can‘t even think of green

Dieses erste Bild des Making-of ist gleichzeitig ein Sneakpreview: der Video- und Animationskünstler David Schulz hat aus dem Bühnenraumentwurf von Sigi Colpe eine 3D-Welt entworfen. Inspiriert von einem Grundsatz der Stressforschung: If you see RED, you can’t even think of GREEN. Das modulare System, mit dem wir die verschiedenen Räume bauen werden, die das Stück von Rinus Silzle braucht, ist hier als Gehirn 🧠 zu sehen. Unser Thema, Stress bei Kindern, interessiert mich nicht nur im Kontext von Leistungsdruck und Bewertungssystemen oder im Kontext der Pandemie, der Homeschooling-Experimente der letzten Monate und der noch ausstehenden, wissenschaftlichen Auswertung der Folgen für die Psyche von Kindern. Sondern auch umfassender auf einer feinstofflichen Ebene: Wie funktioniert Stress? Einerseits will Theater die großen Systeme attackieren und zu Reflexion und Verbesserung von vorgefundenen Zuständen (wie z.B. im Schulsystem) einladen. Andererseits hat ein Theater wie das GRIPS (ha, Hirn!) auch immer wieder Wirkmöglichkeiten von spontaner Intervention. Wie kann zeitnah Leiden, auch individuelles Leidempfinden, verringert werden? Deshalb arbeite ich immer wieder gern am GRIPS, weil es diesen Aspekt von Mut-Mach-Theater in seiner DNA hat. Weil die engmaschige Verknüpfung mit der Berliner Schullandsschaft Dialoge initiiert, da wo die Arbeit beginnt. Neben allem Nachdenken über unseren Stoff werde ich immer wieder auch einem persönlichen Interesse (Hirnforschung, Neuroplastizität, Neuroscience) entlang schreiben auf dem Weg zu diesem Stück für Grundschüler. — 14. August 2021, in diesem Augenblick ist es heiss in Berlin, heute Abend wird #dieWELLE2021 die Saison eröffnen und wir haben gerade eine schöne Bauprobe für Stecker ziehen hinter uns.

Nach der GP. Noch einmal schlafen… 27.10.2021 – Vor der GP hatten wir ein Interview für den Vorbericht auf RBB. Obendrüber zu hören – und in der ARD Mediathek gibt es auch noch den TV-Bericht vom Vorabend.

FÜNFZEHN

Dokumentation der Aufführung und Angebot für Stressprävention
1. November 2021

Eine Dokumentation der fertigen Arbeit samt Auszug aus der Kritik ist hiermit verlinkt. Und kostenfreie Stressprävention für Lehrer*innen mit Transfer in den Unterricht hier.

VIERZEHN

Sound and Music
26. Oktober 2021

Das „Leitmotiv“ von Torben ein tieffrequenter raumfüllender Herzschlag, der für den häufig erwähnten, aber nie anwesenden Schüler stand. Das in Variation wiederkehrende Erzählthema, welches die innere Unruhe und den Stress der Schüler darstellt. Ein Element daraus: 16tel Hihats die in einen Delayeffekt gesendet werden der das Signal auf dem rechten und linken Kanal unterschiedlich lang verzögert. Verschiedene mit Effekten versehene Bewegungen mit dem Plektrum über die Saiten des Basses. Beim ersten Lesen des Stücks fiel mir auf, dass die Schulzeit nun schon relativ lange zurückliegt, ich mich aber noch sehr genau an den Stress durch die Notenvergabe erinnern konnte. Und da auch Endproben immer mit einem bestimmten Stresslevel einhergehen, konnte ich die Kinder im Stück teilweise sehr gut nachvollziehen!

Mögliche Elemente um Stress darzustellen:

110bpm. Störgeräusch. 115bpm. Herzschlag. 120bpm. Rauschen. 125bpm. AutomatisiertesPanning (LFO 10Hz). 130bpm. Hammerons. 131bpm. Das Plektrum kratzt über die Seite. 140bpm. Delay. 132bpm. Feedback. 133bpm. Feedback. 134bpm. Feedback. 135bpm. Rückkopplung. 136bpm.16tel. 137bpm. 32tel. 138bpm. Voltage. 139bpm. click. Crackle. 140bpm. Glitch. 141bpm. clack.  Electro.142bpm. Magnetic. 143bpm. glitch. 144bpm. spark. 145bpm. burst. 146bpm. zap. 147bpm. hit. 148bpm. Interferenz. 149bpm. 60Hz. 150bpm. Resonanz (86%). 151bpm. 50Hz.152bpm. Herzschlag. 152bpm. Netzbrummen. 153bpm. Hochfrequenter Sinuston. 154bpm. Cutoff. 155bpm. Distortion. 156bpm. Bit Crusher. Dein Computer wurde aufgrund eines Problems neu gestartet. Stille — Matthias Schubert

„Gelungene“ Generalprobe, obendrüber Stress-Sound von Matthias Schubert

DREIZEHN

Tryouts
25. Oktober 2021

Ich bin Theaterpädagoge mit Herzblut. Nicht nur, weil ich am GRIPS Theater ein Haus gefunden habe, wo ich meinen politischen und pädagogischen Anspruch nachkommen kann: Kinder und Jugendliche ernst nehmen, sie als Expert*innen ihrer eigenen Lebensrealität zu begreifen und sie mit Freude und in Gemeinschaft zu aktivieren, die Welt zu verändern. Als Teil des Produktionsteams von „Stecker ziehen“ habe auch ich mich immer wieder in meine Schulzeit gedanklich zurück gebeamt, meine eigenen Erfahrungen mit meinen jetzigen Einblicken in das System Schule abgeglichen. Und habe dadurch gemerkt, wie sehr ich mich bis heute durch spielerischen Austausch weiterentwickele und mit der Theaterpädagogik eine Lernform gefunden habe, die mir zusagt und die ich gern anderen Menschen anbieten möchte.

Seit mehr als zehn Jahren mache ich nun Bildungsarbeit, seit mehr als fünf Jahren auch als Theaterpädagoge. In der freien und außerschulischen Bildungsarbeit habe ich die Lernform gefunden, die mich mitreißt und große Lernprozesse mit Spaß verknüpft, sowohl als Teilnehmer, als auch als Anleiter: Das Abgleichen von Perspektiven und der kreative Ausdruck jenseits von absolut richtig und absolut falsch, jenseits von Ängsten, ob ich trotz nächtelangen Lernen die Klausur bestanden habe (true story). Diskussionen (auch) mit Kopf, Körper und Kreativität führen, bei denen meine Gedanken und mein Bauchgefühl genauso zählen wie Textwissen und aufgeladenes Namedropping. Meine roten Linien manchmal mit Buntstift, manchmal mit Filzstift ziehen zu können, die der anderen Personen zu sehen und den Verhandlungsraum dazwischen als eine immer wieder kehrende Entdeckungsreise zu begreifen. Theaterspielen und Theaterpädagogik ermöglicht im besten Fall all dies: Lernerfahrungen jenseits von Noten, Leistungsdruck und Zwängen, aber immer im respektvollen Miteinander – in einem Miteinander vergleichen, ohne in Wettbewerb und ausgefahrenen Ellenbogen auszuarten. Dadurch habe ich nicht nur mehr zu mir selbst gefunden, sondern auch meine Neugier als eine Triebfeder meines Lebens zu schätzen gelernt.

Fabian in action © by Aline Reinsbach

Damit ist kein Plädoyer verbunden, dass jetzt alle nur noch Theater spielen sollen. Der (mitunter) schwierige sozioökonomische Kampf läuft immer noch über Bildung und damit über Noten, Abschlüsse und Zertifikate. So lange sich das System dreht fände ich es heuchlerisch und klassistisch, allen Menschen zu sagen, dass sie auf ihre Noten pfeifen sollen. Aber auch: Jenseits von Schulbüchern und Hausaufgaben bieten pädagogische Ansätze eine Fülle an Lern- und Entwicklungsmöglichkeiten, die sich nicht immer beziffern lassen und nicht als reine Freizeitbeschäftigung abgehandelt werden sollten.

Im Rahmen von „Stecker ziehen“ merkte ich im direkten Kontakt zu unserem Zielpublikum, wie sehr Stress schon in frühen Jahren an den Nerven nagen kann. Beim Schulbesuch in der Fichtelgebirge Grundschule in Kreuzberg zum Anfang der Produktion wurde dabei ersichtlich, dass sich der Stress zum Teil gar nicht so sehr von uns Erwachsenen unterscheidet: Das permanente auf Leistung gestrickt sein, um „gute“ weiterführende Schulen erreichen zu können, begleitet Kinder von früh an. Denn oftmals – und hier zeigt sich der elementare Unterschied – ist dieses Entscheidungsmoment einmalig und später nicht korrigierbar, denn in der Schule werden alle Weichen für später gestellt. Ein „Wenn das nicht klappt kommt bestimmt etwas anderes Tolles“, wie es bei den Erwachsenen mitunter der Fall sein kann, gibt es bei dieser Weichenstellung nicht. Da kann Schweiß auf die Oberlippe kommen bei jeder einzelnen schulischen Leistung, die da mitreinspielt. Und ich merkte auch: Eine Lehrerin, die nah an den Schüler*innen dran ist, sie als mehr als Rezipient*innen eines Lehrplanes sieht und individuell wahr nimmt und fördert ist an dieser Stelle Gold wert. Dafür braucht es auch mehr Ressourcen und Skills für die Lehrkräfte.

Zur Hauptprobe von „Stecker ziehen“ zeigten wir die fast finale Inszenierung zum ersten Mal unserem Zielpublikum. Vier Klassen, von der 3. bis zur 6. Klasse, offenbarten uns dabei: Das, was da auf der Bühne passiert, kennen wir. Die Aufregung bei Klassenarbeiten, das „immer das Ziel fest im Blick haben“, das permanente Vergleichen, Bewerten, Übertrumpfen. Dadurch ist Lernen immer mit Stress verbunden. Und gleichzeitig ist der Besuch der Kinder im Theater exemplarisch dafür, was wir mit „Stecker ziehen“ erreichen wollen: Lernen kann Spaß machen, denn auch bei „Stecker ziehen“ darf und wird viel gelacht. Lernen bedeutet auch jenseits von Formeln und Pauken Perspektiven zu erschließen, den Austausch zu suchen, Impulse aufzunehmen, sie kritisch zu beleuchten und miteinander zu verhandeln.

Wir alle lernen jeden Tag dazu. Unterschiedliche Menschen lernen unterschiedliche Dinge auf unterschiedliche Art und Weise unterschiedlich schnell. Lernen sollte nicht mit purem Stress besetzt sein, sondern auch in seinen informellen und non-formalen Ausprägungen als eine Bereicherung wahrgenommen werden. Und Theaterspielen können eh alle, ob sie es glauben oder nicht. — Fabian Schrader

Endproben mit Sound „Unter Strom“ von Matthias Schubert

ZWÖLF

20. Oktober 2021
Reflexionen

Der Wecker klingelt. Erster Blick aufs Handy. 32 neue Nachrichten. Jetzt schon die komplette Reizüberflutung. “Lass doch einfach mal dein Handy morgens weg!“ Nehme ich mir immer vor, schaffe es nicht. Da könnte ja ein wichtiger Anruf sein, eine neue Casting Einladung, ein neues Vorsprechen, oder sonstiges.
Ich mache mir erst mal Musik an. Dann aber: Ein Anruf! Eine Einladung zu einem Vorsprechen. Ich freue mich sehr darüber, checke meinen Kalender. Mist eine Überschneidung mit einem anderen Termin. Kann ich ihn absagen? Verschieben? Ich rufe an. Will ihn verschieben, aber der Kalender ist voll. Was nun?
Was mich stresst? Volle Terminkalender. Was ich aber auch mindestens genauso liebe? Volle Terminkalender.
Das alles zu koordinieren ist nicht ohne. Gefühlt an mehreren Orten gleichzeitig zu sein. Verschiedene Rollen gleichzeitig zu spielen und trotzdem jeder die Aufmerksamkeit und Liebe zu schenken, die sie verdient. Fokus halten. Versuchen im Moment zu sein. Atmen.
Dann kam ich ans Grips Theater und landete in der Produktion „Stecker ziehen“. Ich war überglücklich hier zu sein. Tolles Team, gewohnter Probenrythmus, wieder auf der Bühne stehen. Das alles gab mir eine gewisse Ruhe und Struktur zurück.
Das Thema des Stückes: Stress. Burnout. Überforderung. Leistungsdruck.
Als ich mich mit dem Text beschäftigt habe, wurde mir klar, wie früh das eigentlich alles anfängt. Dass wir schon als Kinder unglaublichen Stress und Druck haben, indem wir gute Noten schreiben müssen, um nicht als Loser:in dazustehen. Um keinen Ärger zuhause zu kriegen. Um einmal was tolles studieren zu können. Wie meine Oma immer sagte: „Dass etwas aus dir wird.“ Ich musste wirklich oft an meine eigene Kindheit zurückdenken und wie oft ich mit der 5 in Mathe nach Hause gekommen bin und Angst hatte, es zu sagen. Mit einer 1 in Englisch könnte ich es vielleicht aber nächste Woche wieder ausgleichen? Warum steckt man Kinder von Anfang in solche Bewertungssysteme? Warum lässt man sie nicht selbst herausfinden was sie können, lieben, tun wollen und was nicht? Wo ihre Stärken und Schwächen liegen?

Kurz vor der ersten ALLES MIT ALLEM!

Ich habe aus diesem Stück so viel mitgenommen. Und vor allem, dass es total toll ist, wie vielfältig und bunt wir alle sind. Von klein auf. Und das ist auch gut so!! Wir müssen nicht alle das selbe können. Wie einseitig wäre die Welt, wenn wir alle die gleichen Stärken und Leidenschaften hätten? Und auch, wenn der Stress in jedem Alter präsent sein wird, weil wir ihn nicht vermeiden können. Er kann auch positiv sein und uns eine gewisse Lebensenergie geben. Also… Wenn wir gerade wieder kurz davor sind, dass uns der Stecker gezogen wird: lasst uns gegenseitig
unterstützen und dabei so unterschiedlich und bunt sein wie es nur geht! 🌈 — Sarah El-Issa

ELF

Korb und ich
19. Oktober 2021

Vor der ersten Begegnung mit jeder Rolle ist die Ungewissheit.
Denn mit der Zeit gewinnt man zwar an Erfahrung, aber es gibt keine Garantie, dass ein künstlerischer Vorgang gelingt. Korb und ich haben uns getroffen, als ich zum ersten Mal den Text gelesen habe. Manchmal ergibt sich durch den ersten Kontakt schon ein plastisches Bild, ein Geschmack, ein Geruch oder ein Gefühl für eine Figur, der als guter Leitfaden für den weiteren Probenverlauf genutzt werden kann.

Bei Korbinian war das schwieriger. Durch die verschiedenen Erzählebenen und „Metaebenen“ im Stück war es für mich unklarer wer genau dieser Junge ist und welche Funktion er im Stück und in der 4erFreundschaftsgruppe einnimmt. In so einem Fall ist es spannend durch und mit den Kollegen seine Figur zu entdecken. Spielerisch zu erkunden welche Handlungsmotivationen und Muster Korb antreiben. Ich fand es eine wirklich spannend zu entdecken, dass sich die vier Freunde ganz oft einerseits in Situationen wiederfinden, wo sie unter sich sind und durch ihre enge Verbundenheit nicht gezwungen sind ihre gesellschaftlichen Masken aufrechtzuerhalten und andererseits sich oft auf der Erzählebene zum Publikum bewegen in der sowieso andere Regeln gelten, weil es eine artifizielle Situation ist. Die meisten Menschen lernen wir aber kennen und deuten sie durch die Persönlichkeit, die sie öffentlich tragen. Wie sind die Kinder im Klassenverband und wie im Umgang mit anderen Kindern oder mit ihren Eltern? Das beantwortet der Text nur kurz und oberflächlich. Das ist einerseits eine große Freiheit und andererseits setzt es einen Einigungsprozeß der Spielphantasie zwischen den Darsteller*innen unter sich und den Darsteller*innen und der Regie voraus. Das ist uns glaube ich in diesem Fall ganz gut gelungen und ich bin sehr gespannt, wenn uns in den Proben endlich Kinder besuchen um unsere Ideen an der Realität der Expert*innen abzuklopfen. — Frederic Phung

Schauprobe für alle Gewerke – und der Autor ist auch aus München angereist! Matthias fügt erste Entwürfe zum Stress-Motiv ein.

ZEHN

Ist die Angst vor Stress vielleicht schlimmer als der Stress selbst?
14. Oktober 2021

Wenn mich etwas in Stress versetzt, dann, wenn ich aufgefordert werde etwas zu tun, was ich nicht kann. Oder von dem ich denke, ich könnte es nicht. Zum Beispiel: Hast Du Lust etwas für den Blog zu schreiben?

Ich kann aber nicht schreiben. Also ich kann natürlich schreiben aber eben nichts erschaffen. Denke ich jedenfalls. Auch wenn es um Musik geht, besonders ums Singen, denke ich Covern kann ich. Etwas das existiert verbessern, bearbeiten, neu interpretieren. Aber etwas erschaffen? Kreieren? Keine Chance.

Woher kommt das? Daher, dass mir in meiner Schulzeit gesagt wurde, dass die Dinge die ich sah, sagte, die neu waren, die es vorher nicht gab, die anders erdacht wurden als es gewohnt war, nicht in der Musterlösung standen und deswegen falsch waren? Dass alles was ich mag, von dem ich überzeugt bin dass ich es kann, sehr gut sogar, immer als falsch angesehen wurde? ZU Schnell sein, ZU Laut sein, ZU viel sein, …Alles was aus mir kam, war lange nicht als Ideal angesehen, also hab ich gelernt einfach alles so zu machen wie die anderen, aber besser. Und das dann ganz schnell wieder verlernt. In der Schauspielschule geht es nicht ums Besser sein!Vergiss alles, was du kennst und erfinde neu!“ Traue ich mir immer noch nur schwer zu.

Jetzt sitze ich aber an einem Regentag am Fenster und bin gestresst, weil ich etwas schreiben soll. Wo fange ich an?

Helenas neues iPhone 13 mini im Stresstest.

Stress.

Ausgangslage gerade? Ganz ok. Hab mich wieder an ihn gewöhnt. Nach einem Sommer mit wenig Arbeit ging es ziemlich schnell los, mit sehr viel auf einmal. Proben, Wiederaufnahmen, Premieren. Ein kurzes, von meinem Körper erzwungenes Innehalten. Loslassen durch Tränen. Bin ich überfordert? Dann merken ‚Ach, alles ist normal, ich muss mich nur gewöhnen.‘

Jetzt habe ich mich gewöhnt. Und schon wieder Stress. Weil ich Angst habe, dass wenn der ganze Stress weg ist, ich nichts mehr zu tun habe. Habe ich zwar, aber anders. Und das stresst. Mit Freunden rede ich über genau diesen Zustand. Wenn man das Gefühl hat man rennt offenen Auges gegen eine Wand, aber eben erst in drei Wochen. Und jetzt schon ist da dieses Gefühl, man sei auf den Schienen, die auf die Wand zugehen wie in einem Zug gefangen, entgleisen wäre keine gute Idee.

„Meditieren hat mir mal geholfen“  Ha. Sehr guter Witz.

Also lieber verhindern, dass das passiert, diese Entlastung. Weitermachen. Und es sich im gewohnten Stress bequem machen.

Draußen Regen, drinnen Stress. Weil die Wäsche ja auch noch gewaschen werden muss. Und einkaufen muss ich auch noch. Gleich kommt Besuch und ich muss noch Abwasch machen. Den Text für den Blog schreiben. Den Text wiederholen für die Probe. Achja, Probe ist auch noch. Und wenn es so weiter regnet kann ich nicht mit dem Fahrrad ins Theater, bei Regen versagen mir die Bremsen. Die muss ich mal austauschen lassen. Vor dem Winter oder danach? Aber wenn ich mit der Bahn fahre muss ich früher los. Und wie schafft das alles überhaupt irgendjemand?

Ist die Angst vor Stress vielleicht schlimmer als der Stress selbst? Weil man Angst vor dem Kontrollverlust hat, der automatisch passiert, wenn man nur noch funktioniert? Egal. Keine Zeit darüber nachzudenken. Die To Do Liste ist lang. Musik in die Ohren und los gehts.

Wenn ich schon nichts erschaffen kann, schaffen tu ich’s doch irgendwie immer. — Helena Charlotte Sigal 

Probenwoche vier, putting it together

NEUN

Ute fragt, Jochen antwortet
(auszugsweise dann auch im Programmflyer)
September/Oktober 2021

Was macht dir so richtig Stress?  

Schwere Frage. Ich hab nun ziemlich viel Zeit damit verbracht, mein persönliches Stresslevel zu bearbeiten, also die Stresstoleranz zu erhöhen. Stress hat ja immer damit zu tun, wie wir Situationen bewerten. Für den einen ist etwas stressig, was die andere völlig kühl lässt. Mancher kriegt erhöhten Puls, wenn andere ein wohltuendes WorkOut des Büroalltags erleben. Aber das ist keine Antwort sondern ein Ausweichen…

Ich kriege Stress, wenn ich wütend werde. Und wütend werde ich, wenn ich eine Situation oder ein Erlebnis als ungerecht bewerte oder als aussichtslos, als hoffnungslos. Wut als Gefühl ist oftmals ja ein Cover über etwas anderem, über Traurigkeit oder Verzweiflung und Wut wehrt das ganz gut ab. Wenn ich in Wut gerate, dann habe ich nicht mehr soviel Optionen, um Situationen zu bewältigen oder kreative Lösungen auszudenken, weil ich in einen Tunnel gerate, wie in eine persönliche Echokammer: Warum ist das jetzt gerade passiert, das kann ja wohl nicht wahr sein?

Ziemlich behämmerter Gedanke, denn: Wenn es passiert ist, dann ist es Realität gewesen, was bringt es jetzt, es nicht erlebt haben zu wollen? Oder anders, besser, angenehmer? Manchmal passieren halt ungerechte und bescheuerte Dinge. Und dann gilt es einen Umgang zu finden. Und als Regisseur macht man ja den ganzen Tag ständige Bewältigung von Konflikten, widersprüchlichen Wünschen und Hoffnungen, Entscheidungen und versucht, unterschiedlichste Menschen zusammenzubringen, am Besten auch noch mit Spaß und Lust. Besser, wenn die Stresstoleranz nicht zu niedrig ist…

Wie gehst du inszenatorisch mit dem Thema um? Wo zeigt sich der Stress auf der Bühne?

Wir haben uns räumlich und gedanklich ein paar stressige Elemente ausgedacht: Das Modulare Baukastensystem verführt dazu, dass ständig neue Räume aufgebaut werden (müssen), das können die Spieler*innen als Figuren gleich schon für einen Wettkampf nutzen, das macht körperlich wach und treibt Atem und Muskeltonus hoch. Da wird es dann fast herausfordernder nicht wirklich unter Stress zu geraten, sondern immer wieder auch (handwerklich) ruhig von Szene zu Szene die Anforderungen zu bewältigen, die uns das Stück auch abfordert: Schnelle Rollenwechsel oder Ortswechsel. Im zweiten Teil nehmen wir den Boden aus dem Raum, ein Stressfeld entsteht, auf dem keine Sicherheit mehr zu finden ist, alles sind nur noch kleine Boxen, und alles wird eine Frage der eigenen Balance. Ich habe also in die Grundanlage der szenischen Struktur sprechende Bilder und körperliche Zustände veranlagt, die auch mit einer Wahrheit der Stressforschung umgehen: If you see red, you can‘t even think of green. Wie finden wir aus dem roten Bereich, einer schier ausweglosen Situation heraus? Wie können die Vier das Stressmonster besiegen. Zusätzlich wechselt dann auch noch Videoebene mit Spiel sich ab und Musik und Sound kommt als weiterer Layer unserer Wahrnehmung dazu. Ich mag es, wenn immer wieder neue Aufgaben, Eindrücke, Bilder, Gefühle und Beziehungen auf der Bühne entstehen und nachzuerleben sind!

Probenwoche drei inkl. Bergfest

Im Stück erleben die Kinder Schule als eine potentiell krank machende Spirale von Bewertungssystemen. Als Regisseur wird deine Arbeit sogar öffentlich bewertet. Gewöhnt man sich daran, solche Bewertungen in der Zeitung zu lesen?

Ja klar. Das wäre ja sonst, wie beim Lampenfieber, sehr schlimm, wenn ich im Alltag meines Berufes ständig Stress und Angst empfinden würde. Ich stresse mich über Kritiken gar nicht. Ich freue mich darauf, wenn eine Arbeit fertig ist. Das ist doch das Tollste an unserem Beruf, wie bei der Tischlerei, am Ende steht ein fertiges Stück auf der Bühne, das ist scheinbar abgeschlossen, das kann man ansehen. Eine Zeit lang ist das da, dann wird es abgespielt. Sehr lebendig. Und diese Tage, nachdem eine Arbeit fertig ist, die finde ich auf eine gute Art aufregend. Ein bißchen wie Weihnachten, da gibt jemand was zurück, wie auch schon bei der Premiere, wir spüren die Reaktionen. Und manchmal verkalkuliert man sich – aber: Manchmal kriegt man an Weihnachten auch nicht das, was man sich gewünscht hat und ringt mit der Fassung, um weiterlächeln und sagen zu können „Danke dafür“… Aber ernsthaft: Wenn Kritik ernst gemeint, klug gedacht und respektvoll geäußert wird, dann ist sie immer bereichernd, weil es etwas zu verstehen und zu lernen gibt.

MBSR Stress COVID-19 Strategien Lehrer
Workshop zu „Corona, Stress und Strategien“ mit Kontaktlehrer*innen des GRIPS auf unserer Probebühne am 3. Oktober

Was oder wer hat dir während deiner eigenen Schulzeit am meisten Stress gemacht?

Ich erinnere mich an eine Mathe-Lehrerin (natürlich, da kommt’s her, jetzt ham wir’s!), die mich in der Grundschule immer mit dem Mathebuch geohrfeigt hat (Hardcover), wenn ich mich verrechnet habe. Ja. Ich bin schon so alt, dass es noch so Lehrer*innen gab, die nicht sofort von fürsorglichen Eltern auf dem Marktplatz gelyncht wurden. Meine Eltern haben viel gearbeitet und ich habe das erst nicht sagen wollen. Die war auch permanent laut, hat rumgeschrien und willkürlich die Sternchen wieder weggewischt von der Tafel, wenn man was gemacht hat, was sie nicht mochte, wie z.B. lachen. Ja. Ich bin echt schon älter, wir hatten Schiefertafeln in der ersten Klasse.  Als meine Eltern es dann kapiert haben, dass ich da nicht mehr so gerne hin gegangen bin, haben sie die Lehrerin angerufen und konfrontiert und dann sind wir zu der nach Hause gefahren – und das war dann eine schwerhörige Omi, die oftmals die Hörgeräte zuhause vergessen hatte. Und auch gar nicht vollausgebildet als Lehrerin war. Es gab halt damals schon Lehrermangel. Ich bin 1971 geboren, das müsst ihr Euch jetzt selber ausrechnen. Von wegen Mathe und so.

Probenwoche zwei

In „Stecker ziehen“ erleben wir eine Gruppe von Viertklässlern, die enorm viel Stress haben in der Schule. Was macht ihnen so zu schaffen?

Aus meiner Perspektive ist der vordergründige Stress im Bewertungssystem verankert, im Vergleichen, Bewertbarmachen und diesem ganzen frühen Ansetzen eines brutal-hierarchisierenden Leistungssystems. Aber dahinter lauert für mich der viel aufregendere Stress: Die Welt der Erwachsenen ist in unserem Stück für mich überfordert, ignorant, vernachlässigendes, überkontrollierend und und und, mit anderen Worten: Die „Kids“ sind komplett auf sich gestellt, während sie schlimme Erlebnisse und Anforderungen verarbeiten müssen. Fast wie eine Heldenreise, Vier brechen auch, um das Stressmonster zu besiegen. Da hört selten mal eine*r zu, geschweige denn, dass mit Rat und Tat zur Seite gestanden oder eingegriffen wird. Zum Glück ist das ziemlich lustig erzählt, meistens zumindest. Denn so wie ich es jetzt beschreibe wäre das doch ganz schön deprimierend. Obwohl… eigentlich funktioniert die gesamte Harry-Potter-Erzählung so: Junge Menschen kämpfen gegen eine schier undurchschaubare, sich ständig wandelnde, durchaus feindliche Aussenwelt. Und überleben durch ihre Verbindung zueinander, durch das Gemeinsame.

Der erste Schulbesuch in einer dritten Klasse an der Fichtelgebirge-Grundschule in Kreuzberg.

ACHT

Blitze, Sternchen, Noten und der ganze Stress
17. September 2021

Jetzt wird’s spannend: Die Spielfassung von „Stecker ziehen“ ist fertig und gemeinsam mit den Schauspieler*innen haben wir sie gelesen. Folgendes wird darin erzählt:

Phili, Korb, Liam und Kiri gehen in die 4. Klasse. Sie sind sehr unterschiedlich, aber wenn es drauf ankommt, halten sie zusammen. In letzter Zeit allerdings haben sie oft Stress, vor allem mit den Klassenarbeiten und den Noten, die sie jetzt immer dafür bekommen. Obendrein noch die ständigen Bewertungen für ihr Verhalten, ob Blitze oder Sternchen, das erzeugt alles nur immer mehr Druck.

Bei ihren Eltern finden Sie dafür kein Gehör und noch weniger Verständnis. Philis Eltern sind selbst vor allem in ihre eigene Arbeit vertieft und breiten sie tagelang auf dem Küchentisch aus. Korbs Eltern machen schon Druck bei einer Drei in Mathe. Liams Mutter ist alleinerziehend und hat neben der Arbeit noch Liams jüngere Schwesterzu versorgen. Und Kiris Eltern hängen müde vor der Glotze ab und wollen immer nur ihre Ruhe.

Lehrerin Frau Schmitz erfindet ständig neue Bewertungssysteme: Blitze, Sternchen, Gewitterwolken, Kollektivstrafen und gelbe Trikots … Wer soll da noch durchblicken? Vielleicht Lehrer Laier, der es gut meint – aber hat er auch was zu sagen? Aufgrund ihrer eigenen Überforderung mit dem Schulalltag und dem ewigen Personalmangel im Kollegium verlieren beide die Not ihrer Schüler*innen aus dem Blick.

Das hat verhängnisvolle Folgen: Torben, ein Mitschüler, ist während der letzten Mathearbeit einfach vom Stuhl gekippt und seitdem nicht mehr in die Schule gekommen. Jetzt fragen sich Phili, Korb, Liam und Kiri, was da los war bei Torben. Hat er den Druck mit den Noten einfach nicht mehr ausgehalten? Nun haben sie Angst davor, dass ihnen das auch passieren könnte. Gemeinsam beschließen sie, etwas gegen den Stress zu unternehmen. Aber es ist gar nicht so einfach, das richtige Mittel dagegen zu finden.

Ich weiß selbst noch nicht, auf welches Ende die Kinder in unserer Geschichte zusteuern. Es fehlt uns noch ein letzter Satz. Aber den würde ich auch hier noch nicht verraten wollen. — Ute Volknant

SIEBEN.1

Probenstart
13. September 2021

Konzeptionsprobe! Diesmal hybrid: zwanzig live und alle anderen per ZOOM. Dann einmal das Stück lesen am Tisch. Immer wieder schön!

SIEBEN.2

„Notbremse“ an Tag eins?
13. September 2021

Es ist der Tag der Konzeptionsprobe. Ich liebe diesen Startschuss in eine neue Produktion –  Wenn wir alle das erste Mal zusammenkommen, die Kostüm-& Bühnenbildner*innen ihre Aufzeichnungen vorstellen, die Regie ihre Gedanken äußert, das musikalische Konzept vorgestellt wird und wir Spieler*innen anschließend gemeinsam das Stück lesen. Es ist der Beginn einer neuen Arbeit, die in knapp 6 Wochen beendet sein wird. Sie wird uns womöglich anstrengen, erfreuen, vielleicht auch einmal frustrieren aber am Ende steht auf jeden Fall die Premiere und eine Präsentation für die Öffentlichkeit, gefolgt von hoffentlich unzähligen Vorstellungsterminen. Der Zug rollt also an und kann nur durch Katastrophen gestoppt werden: Wie zum Beispiel durch ein neuartiges Virus, oder wenn ich mich dolle verletzen sollte. Es soll eine tolle Produktion werden, mit einem Thema, das uns alle etwas angeht. Und dies erlebe ich gleich am ersten Tag.

Es ist der Startschuss in meine erste „reguläre“ Spielzeit am GRIPS. Das letzte Jahr war sehr auf Sparflamme. Zwar habe ich zwei Produktionen geprobt, eine durfte sogar wenige Male gespielt werden, jedoch fange ich jetzt erst an zu begreifen, was es bedeutet, in einem Festengagement am Theater zu arbeiten. Seit zwei Wochen begleiten mich im Kopf vier verschiedene Stücke. Das eine feiert nach einem Jahr endlich Premiere, das andere wird parallel vorbereit und beginnt feierlich heute, ein drittes wird nächste Woche wiederaufgenommen und im Hintergrund laufen auch noch kleine Prozesse für eine Arbeit ab Januar.  Mein schöner Taschenkalender füllt sich also endlich mit Terminen. Juhu! Probe hier, Vorstellung da, Termin dort und irgendwann dazwischen auch noch eine Krankengymnastik. Wo? Achso, ja dazwischen ist noch eine kleine Lücke.

Alles auf Anfang! Und nach dem ganzen Stress des ersten Tages trägt Marcel jetzt auch noch Karo…

Zurück in die Gegenwart. Nach unserem gemeinsamen Lesen ist es auch schon 14 Uhr. Was schon? Mir fällt zum Glück ein, was ich kochen möchte. Dafür muss ich noch schnell einkaufen. Auch zum Glück ist der REWE genau nebenan. Ohne mich zu verabschieden, verlasse ich die Probebühne und flitze rüber, kaufe ein, schwinge mich aufs Fahrrad und radle nach Hause. Ich stürme in die Wohnung, geradeaus in die Küche und beginne zu kochen. Nebenbei höre ich einen Podcast, beantworte Sprachnachrichten sowie E-Mails und 65 Minuten später kann ich endlich essen. Richtig genießen kann ich es nicht, aber ich glaube es war lecker.  Als ich vor dem leeren Teller sitze merke ich eine Anspannung im Körper und denke schon jetzt: „Diesen Stress 6 Wochen lang?“ Mache ich ihn mir selbst, oder ist die Pause zwischen der morgendlichen Probe und Abendprobe einfach viel zu knapp? Wie kann ich mir den Stress nehmen und meine Zeit vielleicht anders strukturieren?

Heute fällt meine Entscheidung auf meine Meditations-App und beginne am ersten Probentag das „7 Tage Stressmanagement“. Wow, aber ich habe es echt nötig. Ich höre der Stimme zu, probiere den „Aufforderungen“ zu folgen und gleichzeitig nicht einzuschlafen. Ich merke, dass mein Gesicht tatsächlich die ganze Zeit angespannt war und auch hier der rechte Arm. Und plötzlich, nur wenige Minuten vor Ende der Meditation spüre ich ein Loslassen, welches sich anfühlt wie der finale Moment auf einem Freefall-Tower. Für eine kurze Sekunde habe ich das Gefühl zu fallen und es fühlt sich unglaublich befreiend an. Ich möchte das nochmal erleben. Sofort! Die Meditation ist beendet und ich fühle mich unglaublich gut. Morgen fahre ich damit fort, damit mich der Stress nicht einnimmt und ich entspannt zu den Proben erscheinen kann.

Ich schaue auf die Uhr. MIST! In einer halben Stunde muss ich wieder los. Schnell noch den Fahrradreifen aufpumpen. — Marcel Herrnsdorf

SECHS

Out of the box
7. September 2021

Am GRIPS ist Vieles anders. Zum Beispiel Arbeiten im Original. Seit heute lackiert Wiebke, unterstützt von Sigi, Mark und Rico, unseren Bühnenraum, voraussichtlich 36 der Boxen werden für den Probenstart kommenden Montag schon zur Verfügung stehen.

FÜNF

Die „ICH-BIN-NICHT-GUT-GENUG“-Falle
30. August 2021

ICH BIN 32 JAHRE ALT.
IN 32 JAHREN HABE ICH SCHON VIELE ERFAHRUNGEN MIT LAMPENFIEBER & STRESS MACHEN MÜSSEN. ODER SOLL ICH BESSER SAGEN, DÜRFEN?! ALSO, ICH WAR JA AUCH MAL IN DER SCHULE. JA, SOGRAR LÄNGER ALS SO MANCHE:R ANDERE. ICH BIN NÄMLICH SITZEN GEBLIEBEN. WARUM? NATUUUUUUURRRRRR – WISSSSSSSEEEEENSCHAAAAAAFTEN. KURZ: MATHE UND PHYSIK. TUT HIER JETZT ABER WENIG ZUR SACHE.
KURZE TRAUMABEWÄLTIGUNG: ABGESCHLOSSEN.

JEDENFALLS IN DIESEN SCHULJAHREN GAB ES VIEL STRESS UND VIEL LAMPENFIEBER. IHR DENKT JETZT SICHER, DASS ICH AUSGEBILDETE LAMPENFIEBERIN, ODER STRESSERIN BIN. KÖNNTE MAN MEINEN. NACH JAHRZEHNTE LANGER ERFAHRUNG. ICH SAG´S EUCH. ICH BIN ES NICHT. ES GIBT DA EINE FALLE, IN DIE TAPPE ICH IMMER WIEDER AUF´S NEUE.

ES IST DIE: „WAS-WENN-ICH-VERSAGE-UND-NICHT-GUT-GENUG-BIN“ FALLE. LANGES WORT. HIER NOCHMAL ZUM AUSSPRECHEN VOR STRESSSITUATIONEN. (VIELLEICHT HILFT DAS JA!)

ACHTUNG… !!!WASWENNICHVERSAGE UND NICHTGUTGENUGBIN!!!! IN DER ZEIT, WO ICH MIR DAS SAGE, HÄTTE ICH ÜBRIGENS BEREITS MINDESTENS ZWEI NEUE SÄTZE LERNEN KÖNNEN. UND DARUM GING’S AM 30. AUGUST.

Amelie Köder liebt Großbuchstaben und kann super schreiben; hier lächelt sie sich durch einen realen inneren Monolog zum Thema „Schöner Scheitern.“

WIR HABEN UNS IM THEATER GETROFFEN. HABEN EIN NEUES STÜCK ZUM THEMA: WASWENNICHVERSAGE UND ICHBINNICHTGUTGENUG UND STRESS UND LAMPENFIEBER GELESEN. DAS HATTE ICH BEREITS ZUHAUSE GELESEN. BIN JA GUT VORBEREITET. HÄTTE ICH ES NICHT VORHER GELESEN, WÄRE ICH VOLL GESTRESST GEWESEN. DENN DAS WAR JA AUCH DIE AUFGABE. „BITTE LEST DAS STÜCK VORHER SCHON MAL DURCH, DAMIT WIR ES GEMEINSAM NOCHMAL DURCHLESEN KÖNNEN.“.

ZACK: ERLEDIGT.

ZWEITE AUFGABE: „AMELIE BITTE LERNE DIE TEXTE DER SCHAUSPIELERIN AUF SEITE 41. WIR DREHEN DANN EIN VIDEO.“ OHA… EIN VIDEO. DA GEHT‘S LOS. ALSO BIN ICH DARAUF JA ZU SEHEN!! DAS FORDERT SCHON EIN BISSCHEN MEHR, ALS NUR EIN STÜCK DURCH ZU LESEN. DAS BEDEUTET ICH MUSS DEN TEXT SO GUT BEHERRSCHEN, DAMIT ICH IHN SPIELERISCH LEICHT VOR DER KAMERA PRÄSENTIEREN KANN. JOA… GUT. KANN ICH JA. MACH ICH. ICH BIN JA SCHAUSPIELERIN. DAS IST JA MEIN BERUF.

DER TAG XXXXXXXXXX IST DA!!!

STÜCK HAB ICH, WIE SCHON ERWÄHNT, GELESEN. DEN TEXT HABE ICH AUCH GELERNT. WIRKLICH! ICH HABE DEN TEXT GELERNT. GUT SOGAR! ICH KANN IHN. … DREI SÄTZE … DIE FEHLEN NOCH. DA BIN ICH EINFACH NICHT DAZU GEKOMMEN. ES WAR SO VIEL LOS. BIN JA AUCH NOCH MAMA UND MUSS JA AUCH MANCHMAL NOCH ANDERE DINGE TUN, AUSSER TEXT LERNEN. AUFRÄUMEN, BÜROKRAM, PUTZEN, DANN WAR ICH KRANK, DANN KURZ MAL NOCH NEN KAFFEE TRINKEN. JETZT ABER TEXT LERNEN. OH NEIN, DIE KITA IST AUS. UFF NOCHMAL KRANK?! HEUTE SCHAFFE ICH DAS NICHT MEHR MIT DEM TEXT ABER MORGEN…. STRESS… PUH…

WIEDER ZURÜCK, ZU TAG XXXXXXXXXX. ICH HABE JA NOCH EIN BISSCHEN ZEIT. WIR LESEN JA JETZT ERSTMAL DAS STÜCK. (DAS HABE ICH JA AUCH GELESEN. BIN ALSO ECHT VORBEREITET).

DAS STÜCK IST JETZT GELESEN. WIR GEHEN JETZT ALLE GEMEINSAM IN DIE MITTAGSPAUSE. NA GUT. NOCH SCHNELL WAS ESSEN, DANN KANN ICH JA NOCH KURZ DIE DREI SÄTZE LERNEN. TOTAL EASY. ALLES GAR KEIN STRESS. UIUIUI. DAS DAUERT ABER LANGE, BIS DAS ESSEN KOMMT. SOLL ICH JETZT SCHNELL REINLESEN?
NEEE … DAS SCHAFF ICH. ICH KANN DAS JA AUCH MACHEN, SOLANGE ICH IN DER MASKE BIN. ACH SCHÖN! SARAH, MEINE FREUNDIN, WARTET BEREITS IN DER MASKE, UM MICH ZU SCHMINKEN. JETZT KANN ICH GRADE AUF KEINEN FALL TEXT LERNEN. ES GEHT UM „GLOBAL WARMING“ UND DEN WELTUNTERGANG! VIEL ZU EXISTENZIELL, UM DREI KLEINE BANALE SÄTZE ZU LERNEN.

HAB IMMER NOCH… WAS ???? IN 5 MINUTEN. OH NEIN. UNTER ZEITDRUCK, WAR ICH NOCH NIE GUT IM AUSWENDIG LERNEN.

„AMELIE , BITTE VOR DIE KAMERA!“ SHHHHH**…

ICH KANN DAS. ICH KANN DAS JA WIRKLICH. ES SIND JA NUR DREI SÄTZE, DIE KANN ICH DANN JA ZUR NOT KURZ ABLESEN.

… VOR DER KAMERA SIEHT MAN HALT ALLES. DIE LEUTE, DIE SICH DAS ANGUCKEN, SEHEN, DASS ICH DAS ABGUCKE UND DANN SEHEN DIE, DASS ICH NICHT VORBEREITET BIN.

DAS IST EIN NEUER REGISSEUR. DER SCHEINT WIRKLICH COOL DRAUF  ZU SEIN, UND ICH VERKACK MIR DAS DEFINTIV, WENN ICH DAS JETZT NICHT GUT MACHE. AMELIE, DU KANNST DAS. ICH KANN DAS. ICH BIN EINE ERWACHSENE FRAU. ICH HAB SCHON VIEL GESCHAFFT. JA, SOGAR SCHON MAL EIN KIND ZUR WELT GEBRACHT. DAS SIND JETZT DREI SÄTZE, DIE ICH NICHT SO RICHTIG KANN, EINFACH LÄCHERLICH,  VERGLICHEN ZU DEN WIRKLICH WICHTIGEN DINGEN IM LEBEN.

„GUT AMELIE! DU SPIELST UNS JETZT MAL DIE SCHAUSPIELERIN.“.

NA KLAR. IST JA MEIN JOB. DER ANFANG LÄUFT RUND. ABER ICH WEIß, ICH KOMME DEN SÄTZEN, DIE ICH NICHT WEIß, IMMER NÄHER. NICHT MEHR LANGE UND DAS TEAM MERKT, DASS ICH DIESE SÄTZE NICHT KANN. ICH NUTZE DAS EINFACH. GEHT JA UM DAS THEMA STRESS HIER. MANN, IST MIR HEISS…

SEHEN DIESE ROTEN WANGEN, DIE ICH PLÖTZLICH HABE, EIGENTLICH KACK VOR DER KAMERA AUS? AMELIE … JETZT KONZENTRIER DICH…

„KANN ICH NOCHMAL ANFANGEN?“ – „NA KLAR, AMELIE! ÜBERHAUPT KEIN THEMA. BLEIB LOCKER!“ (Anmerkung des coolen, neuen Regisseurs: So einen Quatsch sage ich nicht! Siehe dazu auch auf Netflix oder hier als Auszug, Katherine Ryan zu „Relax“ – wann hat es je funktioniert, jemandem in angespannten Situationen zu helfen mit einem liebgemeinten „Entspann Dich“?) 

LOCKER BIN ICH EIGENTLICH DEN GANZEN TAG NOCH NICHT GEWESEN. HAB JA IMMER MIT DER ANGST ZU TUN. UND DIESER „WAS-WENN-ICH-VERSAGE-UND-ICH-NICHT-GUT-GENUG-BIN“ FALLE. ICH FANG JETZT VON VORNE AN. ABER IN MIR DRIN WEIß ICH, DAS WIRD HEUTE NICHTS. KOMM. ABER SO DARF ICH AUCH NICHT DENKEN, DANN WIRD DAS WIRKLICH NICHTS.

MANN. ICH SCHWITZE. STINKE ICH?
DIE SCHAUEN MICH ALLE SO AN. JETZT KLAU ICH DENEN IHRE ZEIT. NUR, WEIL ICH NICHT RICHTIG VORBEREITET BIN. WAS FÜR EIN BESCHISSENER PRODUKTIONSSTART.

„BITTE ENTSCHULDIGT, ICH FANG JETZT EINFACH NOCHMAL AN!“. JETZT MUSS ES EINFACH KLAPPEN. SCHIELE ICH? ICH GLAUBE ICH SCHIELE IN DIE KAMERA. MAN ICH BIN DERMAßEN UNPROFESSIONELL. AMELIE, REIß DICH MAL ZUSAMMEN. DAS KENN ICH SO NICHT VON MIR. HOFFENTLICH HÄNGT MIR DAS JETZT NICHT DIE GANZE PRODUKTION NACH.

„GUT, AMELIE. DANKE DIR. WIR HABEN JETZT EIN PAAR TAKES. DA KÖNNEN WIR BESTIMMT WAS VON NEHMEN. WAREN JA AUCH GUTE SACHEN BEI!“.

IST DAS JETZT SO WAS, WIE NE 3-4? ODER NE 4-?
ICH DENKE ES KÖNNTE HEIßEN: „AMELIE WAR STETS BEMÜHT!“ DAS WAR EIN TOTALER FAIL.

ICH GEH JETZT NACH HAUSE UND LERNE TEXT. IN ZWEI WOCHEN IST PROBENBEGINN. DANN BIN ICH BESSER VORBEREITET. DAS MUSS! IN ZWEI WOCHEN IST SCHON PROBENBEGINN??????

… ES IST JA IMMER SO VIEL LOS. BIN JA AUCH NOCH MAMA UND MUSS JA AUCH MANCHMAL NOCH ANDERE DINGE TUN, AUSSER TEXT LERNEN. BÜROKRAM, AUFRÄUMEN, PUTZEN…

PUH. EINATMEN. AUSATMEN. NOCHMAL. EINATMEN. AUSATMEN. ALLES WIRD GUT. — Amelie Köder wird in vielen Rollen in „Stecker ziehen“ zu sehen sein, z.B. als Stressmonster Frau Schmitz.

Stresskids. Erst mal ein Entwurf von Sigi für den Dreh kommende Woche. Vielleicht aber auch die deutlichste Visualisierung, dass ein Umfeld irgendwann auf eine Gruppe einwirkt – oder dass sich eine Gruppe in den Widerstand begibt, am Widerstand zusammenfindet. Antifragilität.

VIER

Random Gedanken Welten
Liam II
28. August 2021

Wann bin ich selbst gestresst? Ich stresse mich selbst, wenn ich Termine/Zeiten einhalten muss, weil ich nicht zu spät kommen will oder darf. Wenn ich Anschlusszüge bekommen muss und der aktuelle Zug Verspätung hat. Ich stresse mich selbst, wenn ich probiere, es allen recht zu machen und meine eigenen Bedürfnisse dabei komplett vergesse. Mich stressen außerdem Ansammlungen von vielen Menschen in Räumen, Polizeiautos, zu laute Musik, Ticks anderer Menschen, Unordnung.

Augen schließen und tief ein- und ausatmen. Akupressur im Bereich des Daumenmuskels. Der Waschmaschine beim Schleudern zuschauen.

Wie gehe ich mit Stress im Beruf um? Ich bin oft viel zu früh da, um einen Zeitpuffer zu haben und vor Ort noch gewissen Ritualen nachzugehen. Mir tut es manchmal gut, sich vor Ort auf den Stuhl zu setzen und sich und die Umgebung im Spiegel anzuschauen, tief ein und auszuatmen und die Augen kurz zu schließen. Mich beruhigt es zusätzlich geschminkt zu werden, weil das Gefühl guttut und man sich in Gesprächen noch einmal ablenkt. Um Stress beim Textlernen zu vermeiden, und weil ich nicht sonderlich gut darin bin mir Texte zu merken, fange ich immer schon sehr früh mit dem Lernen an. Dass ich mich in den Proben möglichst nicht mehr groß um den Text, sondern um das Spiel kümmern muss. Während des Studiums haben mir der Yoga-Unterricht und Thai Chi geholfen, körperlich zur Ruhe zu kommen.

Kurz vor einem Auftritt atme ich immer noch einmal tief ein und aus und stürze mich dann in den Spaß. Ich sage mir oft innerlich, dass ich es kann und wir das Stück oft geprobt haben, und dann läuft es von ganz allein. Je besser ich mich vorbereitet fühle, desto mehr sinkt mein Stresslevel. — Marcel Herrnsdorf wird Liam. Der mit der 5, der sich nicht nach Hause traut, weil seine Mutter eh schon soviel um die Ohren hat.

DREI

Blick zurück nach vorn
24. August 2021

Rinus Silzle war gerade mal 25 Jahre alt, als ich ihn 2017 kennenlernte. Er machte gerade seinen Abschluss im Studiengang Szenisches Schreiben an der Universität der Künste Berlin und nahm Teil am Autor*innenwettbewerb, den wir im GRIPS Theater gemeinsam mit der GASAG alle 2 Jahre ausschreiben, dem Berliner Kindertheaterpreis. Er war nicht nur der jüngste unter den Nominierten des Jahrgangs sondern auch der einzige Mann.

Über einen Zeitraum von zwei Jahren hinweg konnte ich als Dramaturgin gemeinsam mit ihm an seinem Entwurf für das Kinderstück „Geschwister oder Die Suche nach Saga“ arbeiten. Was mich von Anfang an für ihn als Autor einnahm, war seine Beobachtungsgabe. Eine Selbstverständlichkeit für Autor*innen, aber das Besondere war, dass er sich für unsere jungen Zuschauer*innen noch mehr interessierte als für unsere Inszenierungen. Er ging nach Vorstellungen mit ihnen ins Gespräch über das Gesehene und war neugierig auf jeden Besuch im Klassenzimmer. Er schien überzeugt, dass er von den Kindern mehr lernen konnte als von uns Theaterschaffenden. Zudem war er jedem Gespräch mit mir und unserem Team zugänglich, er suchte den Austausch.

Die wunderbare Esther Becker schnappte ihm damals den ersten Preis vor der Nase weg. Und zwar mit ihrem erstklassigen Stück „Das Leben ist ein Wunschkonzert“, das nach langer Corona-Pause jetzt wieder im GRIPS zu sehen ist. Rinus bekam den Förderpreis, aber keine Inszenierung.

Seitdem habe ich nur auf eine Gelegenheit gewartet, ihn für unser Haus als Autor für einen Auftrag vorzuschlagen. Mit dem Thema „Schulstress“ war die Chance für eine erneute Zusammenarbeit gegeben. Er lebt inzwischen in München, hatte aber Interesse und hat zugesagt. Intuitiv hat Rinus für sich persönlich einen Zugang zu diesem Thema gesucht. Er hat ihn gefunden über die Auseinandersetzung mit Bewertungssystemen. Die greifen schon in der Grundschule in Form von Sternchen, Blitzen – der Fantasie sind da keine Grenzen gesetzt – und bald in Form von Noten. Das erzeugt bei vielen Kindern einen enormen Leistungsdruck, Versagensängste, Angst vor Liebesentzug. Wir alle werden täglich bewertet und bewerten andere, nicht nur auf sozialen Netzwerken mit dem digitalen Daumen, auch analog, in Theaterrezensionen oder Autor*innenwettbewerben zum Beispiel. Wir alle müssen lernen, Niederlagen einzustecken. Mit dem Stress umzugehen, aber auch, uns vor zu viel Stress zu schützen und uns dagegen zu wehren, beispielsweise in der Schülervertretung oder im Betriebsrat. Wenn es gut läuft, entsteht daraus etwas Neues. So wie bei Rinus ein Stück mit dem Titel „Stecker ziehen“ entstanden ist. — Ute Volknant, Dramaturgin am GRIPS Theater seit mehr als 20 Jahren, vorherige Stationen u.a. Schaubühne Berlin, HAU u.v.m

Storyboard Lampenfieber
Storyboard und Moods via SLACK von David fürs erste Video „Lampenfieber“ – wie erleben Schauspieler*innen Stress. Und wie bewältigen sie ihn…

ZWEI

Random Gedanken Welten
Liam I
22. August 2021

Warum schreiben Lehrer*innen vor der Ausgabe des Tests den Notenspiegel spannungsgeladen an die Tafel? Erinnere mich an meine Schulzeit zurück und fand es immer ganz grausam. Gibt es keinen anderen Weg?

(Oder was soll das überhaupt? Gucken die zuviel Castingshows, braucht es mehr Thrill und Cliffhanger in einem ansonsten drögen Lehralltag? Kommt es noch aus einer Zeit, wo Kinder schon ganz früh verstehen sollen, dass die Welt ein ständiger Kampf voller Vergleiche und Bewertungen ist? Sollen Kinder sich „realistisch“ einschätzen lernen? Ich erinnere dabei manchmal sogar einen gewissen abgelöschten Zynismus, eine gewisse Freude von Lehrern, und es waren tatsächlich nur Männer, an die ich mich erinnere, die diesen Charakterzug hatten, wenn es um die schlechten Noten ging. — Jochen im Dialog mit Marcel.)

Marcel © by Peter Emig

Ich erinnere mich an meinen allerersten unangekündigten Test in der Grundschule, als ich das erste Mal die Hausaufgabe vergessen und die Geschichte nicht gelesen habe, zu welcher wir abgefragt wurden. Ich saß vor dem Blatt und habe geheult wie ein Schlosshund.

In der Grundschule haben wir als Klasse mit Plakaten gegen Vertretungslehrerin protestiert.

Temporeicher Text. / Ich mag die verschiedenen Ebenen von konkreten Situationen in Erzähl-Passagen + Schauspieler*innen-Szenen.

(Wikipedia-)Recherche Stress

Bei Bewältigung von Anforderungen:
„Veränderung eines Materials durch äußere Krafteinwirkung“. Einsetzbare Verhaltensweisen sind z. B. Aggression, Flucht, Verhaltensalternativen, Akzeptanz, Änderung der Bedingung oder Verleugnung der Situation.

Erwachsene (Schwerpunkte)
Gehirn: Abbau von Gehirnmasse, Einschränkung der emotionalen Ebene, Durchblutungsstörungen im Gehirn, Gefühle: Traurigkeit, Verlustangst, Ärger, Schuld, Vorwürfe, Angst, Verlassenheit, Müdigkeit, Hilflosigkeit, „Schock“, Jammern, Taubheit, Leere, Hoffnungslosigkeit, Deprivation, Demütigung, Steigerung des aggressiven Verhaltens, Bewegungsdrang, Gereiztheit, emotionsloses Denken, Kognition: Ungläubigkeit, Verwirrung, Vorurteile, Konzentration, Halluzinationen, Depersonalisation, Vergesslichkeit, körperlich: Schwitzen, Übelkeit, Enge in Kehle und Brust, Übersensibilität bei Lärm, Atemlosigkeit, Muskelschwäche, Verspannung von Muskeln, Mangel an Energie, trockener Mund, Magen- und Darmprobleme, zeitbedingte Impotenz, Haarausfall, schlechtes Hautbild, rötliche Augen, verminderte Mimik, Herzstechen, Hörsturz, Gelenkschmerzen, Hautausschlag, Schwächung des Immunsystems, Magnesium- und Kalziummangel, langfristige Störung des Verdauungsprozesses sowie erhöhtes Risiko für Bluthochdruck, Schlaganfall und Herzinfarkt (siehe auch Abschnitt Medizinische Aspekte), Verhalten: Verminderte Kreativität, Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, Geistesabwesenheit, sozialer Rückzug, Träume über das Ereignis, Vermeidung von Nähe zu Tatort oder ähnlichen Situationen, Seufzen, Aktivismus, Weinen, Hüten von „Schätzen“.

Alter von 5 bis 11: Irritiert sein, Jammern, Klammern, Aggressivität, Geschwisterrivalität, Alpträume, Dunkelangst, Schulangst, Fingernägel kauen, sozialer Rückzug von Gleichaltrigen, Interesselosigkeit, Konzentrationsmangel, Schwitzen.

Alter von 11 bis 14: Schlafstörungen, Essstörungen, Rebellion daheim, mangelndes Interesse an Aktivitäten Gleichaltriger, Schulprobleme (z. B. Gewaltneigung, Rückzug, Interesselosigkeit, Mittelpunktsstreben), physische Probleme (z. B. Kopfweh, undefinierbare Schmerzen, Hautprobleme, Verdauungsprobleme, sonstige psychosomatische Beschwerden), Schwitzen. — Marcel Herrnsdorf nimmt uns mit auf seinem Weg in die Figur Liam, in seine Recherchen, Suche, Gedankenwelten.

EINS

Auf dem Weg zur Bauprobe
12. August 2021

Sigi und ich im typischen Corona-Arbeitsmodus im ZOOM, damit begann es vor ein paar Monaten und wurde konkret im Mai. Ein modulares Kistensystem wird die Spieler*innen in Stress versetzen: Straßen, Bibliothek, Klassenzimmer und Zuhause, alles out of the box. In der Bauprobe hat David auch bereits erste Perspektiven im Video ausprobiert.

Wie bist du auf die Idee für das Bühnenbild zu „Stecker ziehen“ gekommen? Und was für Möglichkeiten bietet das Bühnenbild?

Der Text hat einen sehr schnellen Wechsel von Orten und einen schnellen Erzählwechsel der Schauspieler*innen. Insofern habe ich an ein Bühnenbild gedacht, das die Orte skizzenhaft markiert und mit viel Spielfreude von den Schauspielenden gefüllt werden kann. Die Kisten als Modulsystem bieten viele verschiedene Räume. Das Thema Stress hat mir gleich die Idee mit dem Knall-Stern als großes Element an der Rückwand gegeben. Aber wichtig finde ich auch, dass das Stück in einer Schule spielt. Insofern habe ich das Material der Schultische für die Kisten verwendet, das helle Holz wie die Schultische. Die Tische in Schulen sind meistens aus hellem Holz und einer Farbe, das ist oft auch Gelb oder Türkis. Bei uns ist das innen in den Kisten das Knallrot als Stressfarbe.

Wie nimmt es Einfluss auf die Geschichte? Kisten und Stress, wie passt das zusammen

Die Idee ist, dass die vier Schauspieler*innen, die die Kids spielen, die vielen Kisten zur Verfügung haben, um mit ihnen selbst die Orte und Situationen zu schaffen, die sie brauchen. Das können größere Umbauten sein, die zu körperlicher Anstrengung führen, wobei sie uns Schwitzen kommen, im doppelten Sinne zum Stress. Oder es können ganz kleine Umbauten sein, zum Beispiel nur eine Kiste zu drehen, um sie erst als Stuhl und dann als Badewanne bespielen zu können. Der Knall-Stern des Bühnenbildes ist ein Motiv, das auch im Kostüm wieder vorkommt. Die Zacken des Knalls sind auf weißen T-Shirts, die die Schauspieler*innen tragen, wenn sie selbst aktiv einen Plan gegen ihren Stress entwickeln. Es bindet sie als Gruppe zusammen, fast wie eine Band, als eine Gemeinschaft, die aktiv wird für ihre Interessen. — Sigi Colpe im GRIPS Blog

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