MBSR

Theater und Mindfulness

Neoliberale Strukturen in der Kunst?

Als ich 2017 nach sieben Jahren Regie-Ruhephase in den Job als Regisseur zurückkehrte aus einer vollständig anders getakteten Welt der Kommunikationsarbeit, fielen mir mehrere Phänomene auf: Die Szene hatte sich verändert. Ruhezeiten und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie waren stärker als je zuvor in den Fokus gerückt. Die unseren Berufen eigene Verschwendung, dieses innerliche Voraussetzen von höchster intrinsischer Motivation, war, wie im Rest der Gesellschaft, regulierend hinterfragt worden. Eine neoliberale Bereitschaft zur Selbstausbeutung ist auf einmal kein Adelsschlag mehr. Ich würde nicht konstatieren, dass wir in der Kunst Vorreiter sind dafür, dass es nicht mehr schicklich ist, sich für die Arbeit zu ruinieren, aber dazu später mehr. Das Veteranentum der als kauziger Kantinenalkoholismus getarnten BurnOuts wird jedenfalls nicht mehr romantisiert.

Die viel gehypte Resilienz ist allerdings nichts, das einfach nur da ist oder eben nicht – grade wir Theaterkünstler können unsere eigenen Sicherheitsnetze aufspannen lernen.

Die gesamte Katastrophe leben

NEW WORK ist definitiv auch ein Thema für die Kunst. Mindfulness basierte Stressreduktion ist ein handhabbares, klares, einfaches Konzept voller Effekt, klinisch entwickelt und evidenzbasiert wissenschaftlich erforscht, das nicht nur als Erleichterung für stressigen Alltag oder zum Aushalten anstrengender Lebensphasen „umgedeutet“ (fehlgedeutetet) werden sollte, sondern in einem tieferen Sinne Veränderungsprozesse begleitet und anschiebt. Wie oft sind wir in unserem Beruf in gesteigerter Emotion gebunden? Wie oft antizipieren wir planerisch anstrengende Alternativen? Oder erfinden aus erzählerischen Gründen gerne Katastrophen. Das Standardwerk von Jon Kabat-Zinn heisst sinnigerweise „Full Catastrophe Living“ im Original; er schreibt zu Anfang, dass New Yorker den Titel der ganzen Katastrophe Leben (oder die ganze Katastrophe erleben) intuitiv verstehen. Ich würde sagen: Theatermenschen auch.

Wir sind uns in unseren Berufen von Anfang an der Rollen bewusst, die wir in gesellschaftlichen Kontexten und sozialen Zusammenhängen einnehmen. Wie wir immer wieder aus der Raserei unserer Szenenarbeit zurückfinden, das bleibt unser persönlicher Auftrag. Und wie die anspruchsvollen Führungsvorgänge im Teamkunstwerk Theater supervisiert werden, auch das bleibt privates Bemühen um Professionalität oftmals. Und dieses spezielle Bewusstsein all the world‘s a stage in unserem Beruf bedeutet eben auch nicht, dass wir deshalb sehr viel intelligenter mit den Fallen großer Ego-Zentrik oder narzisstischer Verwicklungen umgehen, wie (die #metoo-Prozesse und) die Aufdeckung psychologischer, emotionaler, sexualisierter und narzisstischer Missbrauchsvorgänge in der Kunst eindrucksvoll offenlegen.

Unserer persönlichen Antifragilität können wir selber auf die Beine helfen, im Alltag und in Selbstverantwortung. Aktuell erleben wir eine Renaissance der Staatsverantwortung. In den großen Lockdowns der COVID-19-Pandemie ist der Staat spürbarer denn je zuvor, einige von uns wünschen sich weniger Vorschriften, andere wollen strengere Vorgaben – am Ende treffen wir uns doch aber alle auch immer wieder bei der Frage: Was kann ich selber in meinem Leben verantworten? Möchte ich strenge Eltern, safe areas voller Triggerwarnungen oder ein erwachsenes Leben führen? Was kann ich beitragen?

Bereit sein ist alles

Was für mich neu war nach den Jahren im Büro und der Administration des Theaters: Wieviel Zeit zur Verfügung ist. Zwischen den Proben. Auf den Proben. Wieviel Konzentration möglich sein kann. Klar, wir bereiten immer auch schon parallel das nächste Stück vor, kümmern uns um Werbung und neue Verträge, aber im Kern ist Theater pures JETZT. Eine Gruppe von Menschen hat die Chance gemeinsam an einem Projekt zu arbeiten und nur daran. Und am Ende gibt es ein Ergebnis, das eindeutig da ist. Und irgendwann auch wieder weg. Gefüllte Zeit. Transitorisch.

Und auch neu war für mich, dass der Beruf voller Emotionen und Eskalationen, voller Feuerwerk und Ausbruch, sich im Probenalltag für mich oftmals auf etwas hin ganz neu organisierte, das mir früher, vielleicht auch jünger und ängstlicher, schwerer gefallen wäre: Dass es in Proben für mich oftmals darum geht, den Stoff Moment für Moment durchzuarbeiten. Atemzug für Atemzug. Schauspieler*innen arbeiten immer mit ihrem Körperbewusstsein, mit emotionalen und kognitiven Wahrnehmungen gleichzeitig. Und eine Vorstellung organisiert sich immer quasi Atemzug für Atemzug.

Und sich dafür bereit zu machen, zu öffnen, das hat sicher mit meiner Arbeit mit MBSR zu tun. Seit 2016 integriere ich Meditation ebenso aktiv in mein Leben wie Sport oder Lesen. Wir sprechen ja gern von einer Work-Life-Balance, und für mich war es erhellend, dass eine Balance ein aktiver Zustand ist, den es sich zu erarbeiten gilt. Und immer wieder neu zu erarbeiten gilt. Kein Geschenk, das mal da ist und mal nicht. Das kann man sehr gut in den Standübungen beim Yoga erleben, wieviel Arbeit einzelne Muskelgruppen übernehmen, damit Balance möglich ist.

Stress kreativ erforschen lernen

Wir leben heute mit Resten der Stressforschung der 1980er, als von Eustress und Distress gesprochen wurde, was den aktivierenden Moment von Stress vom krankmachenden unterscheidet. Und in unserem Beruf erleben wir oftmals, oder besser: in unserem Beruf habe ich viele Jahre nur den aktivierenden, euphorisierenden Aspekt von Adrenalin im Zusammenspiel mit Dopamin-Ausschüttung gefeiert. Stress ist heutzutage oftmals negativ konnotiert, krankmachend. Letztlich ist die einfachste Definition von Stress: Ein altes Modul unseres Überlebensmodus, das uns in Sekundenschnelle aktivieren kann und höchste Leistungen möglich macht. Adrenalin wird ausgeschüttet, Herzschlag geht hoch, verschiedene Körperfunktionen schalten in den Fight/Flight-Modus. Schwierig wird es, wenn wir die Taktung dieser Anforderungen auf alltäglichen Modus anwenden. So könnte man den unangenehmen und gefährlichen Aspekt von Stress beschreiben: Was uns daran hindert, zu einem regenerierenden Lebensmodus zurückzufinden.

Lampenfieber ist mehr oder weniger angenehm, je nach Typ, aber möchten wir das den ganzen Tag spüren? Und was ist, wenn diese immer in unserem Beruf vorausgesetzte Leidenschaft, diese intrinsische Motivation, die uns vorantreibt, immer mehr schaffen zu wollen, nicht scheitern zu dürfen, nicht vom Karussell runter zu fallen, dazu führt, im Verbund mit betrieblichen Notwendigkeiten permanent über Regenerationsphasen hinweg zu gehen? Dieses kreative Erforschen des Stressmodus steht im Zentrum eines MBSR-Kurses.

Die Erfindung der neoliberalen Ich-AG Schröders war für uns Theatermenschen nicht neu und nicht besonders. Wir sind permanente Ensembles von Ich-AGs, die sich mehr oder weniger effizient verschwenden – und das macht oft sehr viel Lust. Allerdings haben wir uns wenigen Visionen so ausdauernd vor den Karren gespannt wie dieser neoliberalen Idee der Selbstausbeutung #leidenschaft #erfüllung #karriere und Selbstoptimierung.

Oftmals erleben wir eben auch und gerade im Management von Theatern Persönlichkeiten und Strukturen, mehr oder weniger bewusst ausgebildet und reflektiert, die die permanente Überlastung, die permanente Verantwortung, die permanente Erreichbarkeit nicht gut wegstecken. Und Depressionen können sich ausbreiten wie Flächenbrände. Sobald ein Betrieb sich gegenseitig bescheinigt, wie anstrengend alles ist, wie erschöpft man ist, wie wenig Spaß alles macht, dann wird es schwer, sich dem effektiv entgegenzustemmen. Dieses Erleben von Euphorie und Überreizung muss aber nicht zum Alltag in diesem Berufsfeld gehören.

Wir können bis zum Äußersten gehen in den Proben und in der Arbeit am Theater – und gleichzeitig immer wieder zu uns selber zurück finden und auf unsere Gesundheit achten. MBSR kann dabei hilfreich sein.

Happy Hour is from nine to five …

… heißt ein Buch aus der Firma einer dänischen Freundin, Arlette Bentzen, die die Firma Arbeijdsglæde führt, Arbeitsglück. Ein interessanter Begriff, den es natürlich in Skandinavien als feststehendes Wort gibt. Dem Klischee, dass Menschen, die sich mit positive psychology beschäftigen oder Stress bewusst erforschen, glücklich und gelassen sind, begegnet der israelische Glücksforscher Tal-Ben Shahar indes mit Humor. Es gehe nicht darum, nur angenehme Erlebnisse zu haben, im Gegenteil, das sei wahrscheinlich sogar zutiefst erschöpfend. Sondern darum, alles was der Alltag so anbietet aus vollem Herzen erleben und verarbeiten zu können. Gerade und weil wir uns mit immer komplexeren Realitäten auseinandersetzen und mit unseren ganzen Körpern und Emotionen einsteigen. Bestenfalls.

3 Kommentare zu “Theater und Mindfulness

  1. Und Peter Kümmel konstatiert in der ZEIT 17/2021 „Gerade jetzt, wo es stillsteht, entwickelt sich das Theater zum Ort der großen, oft peinsamen Auseinandersetzungen. Aber nicht, indem es gesellschaftliche Konflikte einem Publikum zeigt, sondern: indem es in seinen Konflikten sich der Gesellschaft zeigt. Und damit mehr aufrührt als mit jeder Aufführung. Vorführungsfreie Zeit bedeutet: Das Theater führt vor, was anliegt. Zerlegt es sich dabei gerade selbst? Nein, es trainiert seine Muskeln für den Sprung zurück ins Leben. Wer dann in der Mitte der Bühnen stehen wird, auch darum wird gerade gekämpft. In jeder Stadt auf andere Art. Dass deutsches Theater bloß ein lebendes Museum sei, wurde ihm bisweilen vorgeworfen, doch in diesen Tagen ist es alles, nur das nicht.“

    Neben notwendigen strukturellen Reformen und bewussten Aufarbeitungen voller schmerzhafter Transparenz vielleicht Zeit für bewussteren Umgang mit den Übergriffen, Überforderungen, Erregungszuständen und Brutalitäten, die in den langen Lockdowns der COVID-19-Pandemie reflektiert werden?

  2. „Die Ausbeutung und Selbstausbeutung der Beteiligten sind für diesen Erfolg ein hoher Preis – aber einer, den viele gerade kreative Berufe abverlangen, nicht zuletzt an vielen Bühnen. Möglich wird das unter anderem durch die wachsweichen Bestimmungen des Tarifvertrags für künstlerische Mitarbeiter.

    Die Problemlagen an den Theatern in Berlin, Düsseldorf oder Karlsruhe, wo 2020 ein cholerischer Intendant seinen Hut nehmen musste, sind sehr, sehr unterschiedlich. Was sie verbindet? Dass es Freiräume für respektlose Umgangsformen gab. Compliance-Regeln und Mechanismen der Machtkontrolle haben nicht gegriffen oder sind erst gar nicht vorhanden. Viele gewöhnliche Mittelständler haben eine modernere Führungskultur. Jeder Abteilungsleiter in irgendeiner Behörde steht in der Anwendung seiner Machtressourcen unter genauerer Beobachtung.“ schreibt Peter Laudenbach in der SZ vom 23.04.2021

    http://sz.de/1.5272725

  3. Mindfulness ist DIE Kernkompetenz, die die Wahrscheinlichkeit erhöht ein neugieriges, aufmerksames und erfülltes Leben zu führen. Es gibt nicht viele Verbindungen in denen professionelles Achtsamkeitstraining auf Theater trifft. Jochen Strauch bietet hier eine sehr interessante Perspektive. Ein schöner Blog mit interessanten Video/Literaturtipps.

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